Problemfluss Ems gerät aus dem Gleichgewicht

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Ems (Archivbild)

Leer/Borkum - Von Hans-Christian Wöste. Millionensummen sind bisher in den Ausbau der Ems geflossen. Damit wird die Liste der ökologischen Baustellen immer länger. Dauer und Umfang der Reparaturen sind derzeit nicht abzusehen.

371 Kilometer von der Quelle bis zur Mündung - damit ist die Ems einer der längsten Flüsse, die komplett durch Deutschland strömen. Von Nordrhein-Westfalen durch Niedersachsen führt ihr Weg bis ins Weltnaturerbe Wattenmeer. Ein Kuriosum ist bis heute die seit Jahrhunderten unklare Grenze an der deutsch-niederländischen Nordseeküste. Zu den Besonderheiten zählt auch der schlechte ökologische Zustand - die Ems gilt inzwischen als größter Problemfluss in Deutschland.

VERTIEFUNGEN: Der Fluss wird seit Jahrzehnten ausgebaggert und vertieft, begradigt und befestigt. Das Ausmaß wächst mit der Größe der neuen Kreuzfahrtschiffe, die von der Meyer Werft in Papenburg über die Ems in die Nordsee überführt werden. Seit den 80er Jahren gerät das Flusssystem zunehmend aus dem Gleichgewicht: Der Verlauf der Gezeiten ist gestört. SCHLICK: Die Veränderung der Tide hat Folgen. Mit der Flut strömt mehr Schlick aus der Nordsee in den Fluss hinein als mit der Ebbe wieder heraus. Dabei werden große Schlickmengen flussaufwärts gedrückt und müssen jährlich mit Millionenaufwand ausgebaggert werden. Durch die vielen Schwebstoffe ist das Wasser stellenweise so trüb, dass eine eingetauchte Hand nicht mehr zu erkennen ist.

WASSERQUALITÄT: Trotz Wasserrahmenrichtlinie und anderer Maßnahmen ist der Sauerstoffgehalt der Ems gesunken. Im Sommer könnten Fische in der Unterems wegen Atemnot kaum leben, heißt es bei der Umweltstiftung WWF. Der Salzgehalt ist zu hoch.

STICKSTOFFE: Bundesweit ist die Ems Negativ-Spitzenreiter auf der Liste der Flüsse, in denen die Nährstoffeinträge verringert werden müssten. 48 Prozent weniger Stickstoffe sollten es an der Ems sein, 30 Prozent Minderung an der benachbarten Weser und 22 Prozent an der Elbe. Diese Werte hat das Bundesumweltministerium kürzlich zu einer Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag errechnet. Ihr Abgeordneter Peter Meiwald fordert als Konsequenz eine nationale Stickstoffstrategie und einen echten Strukturwandel in der Landwirtschaft.

ÜBERDÜNGUNG: Die schädlichen Folgen von Überdüngung, vor allem durch die Landwirtschaft, reichen bis in den Küstenraum. Algenarten könnten sich ausbreiten und den Lebensraum anderer Pflanzen wie Seegraswiesen stören, heißt es beim niedersächsischen Landesbetrieb NLWKN. Abgestorbene Algenbiomasse könne zu Sauerstoffmangel am Meeresboden und zu „schwarzen Flecken“ im Watt führen.

VERKLAPPUNGEN: Schlick und Sand, die Baggerschiffe regelmäßig aus dem Flussbett holen, werden an anderen Stellen wieder in der Ems verklappt. Aktuell wollen die Niederländer ihre Fahrrinne für große Schiffe vertiefen. Mehr als zwei Millionen Kubikmeter Sand sollen in einem Schutzgebiet in der Nähe von Borkum verklappt werden. Dies müssen deutsche Stellen genehmigen, denn eine Schüttstelle liegt auf niedersächsischem Gebiet. Bei einer zweiten Stelle ist nicht klar, ob sie auf deutscher oder niederländischer Seite liegt.

MASTERPLAN: Hilfe für den geschundenen Fluss soll der auf 35 Jahre angelegte Masterplan Ems bringen. Darauf hatten sich 2014 die Naturschutzverbände WWF, BUND und Nabu, die Landräte der Kreise Emsland und Leer, die Stadt Emden und Vertreter von Land und Bund sowie die Meyer Werft geeinigt. Der Plan sieht umfangreiche Maßnahmen gegen die Verschlickung des Flusses vor, darunter den Ankauf von Ausgleichsflächen, den Bau von Speicherbecken und eine Umrüstung des Emssperrwerks.

NIEDERSACHSEN: Trotz starker Kritik hält die niedersächsische Landesregierung an dem Masterplan Ems fest. Erste Untersuchungsergebnisse für technische Lösungen sollen Ende 2016 vorliegen.

NATURSCHÜTZER: Im Gegensatz zu den großen Naturschutzverbänden lehnen lokale Naturschützer den Masterplan ab. Hajo Rutenberg von der Bürgerinitiative „Rettet die Ems“ in Leer sieht darin eher ein Beruhigungsmittel für die Öffentlichkeit, aber keine Lösung zur Verbesserung der Wasserqualität der Ems. Auch der Umbau des Emssperrwerkes bei Gandersum zur Schlickbremse oder zur Steuerung der Tide hat für viele Naturschützer keine Perspektive. Sie fordern stattdessen einen Umzug der Meyer Werft an die Küste.
dpa

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