Emden geht unter

+
Eine Stadt in Schutt und Asche: In nur 15 Minuten prasselten 15000 Bomben auf Emden nieder.

Emden - Emden geht unter - das glaubten viele Bewohner der Stadt, als heute vor 65 Jahren ein vernichtender Bombenhagel niederging. In nur 18 Minuten warfen 181 kanadische Bomber rund 15 000 Spreng- und Brandbomben ab.

Von der Jahrhunderte alten Pracht der größten ostfriesischen Stadt, damals auch „Venedig des Nordens“ genannt, blieb kaum etwas intakt. Der 15 Jahre alte Bernhard Brahms überlebte den schwersten Luftangriff des Zweiten Weltkriegs auf die Stadt am 6. September 1944 in einem der 35 Luftschutzbunker. „Der Bunker stand fast auf dem Kopf, so schwer kamen mir die Erschütterungen vor“, erinnert sich der 80-Jährige noch heute an die Schrecken von damals.

„Target herring - destroy town (Ziel Hering: Emden - die Stadt zerstören)“ - so lautet der Befehl an die kanadischen Besatzungen. Das Ziel wird zu 78 Prozent erreicht: „Es war die totale Zerstörung. Orientierung in den Trümmern boten nur noch die heil gebliebenen Bunker“, weiß Oberbürgermeister Alwin Brinkmann aus früheren Erzählungen. Bei Kriegsende am 8. Mai 1945 zählt Emden zu den meistzerstörten Städten Europas. Die Haupteinflugschneisen der alliierten Bomberpulks nach Deutschland führen direkt an der Stadt mit kriegswichtigen Häfen, Werften und Eisenbahnen vorbei. Insgesamt sterben dort bei 104 Luftangriffen 409 Menschen.

Der junge Bernhard Brahms ist am Tag des großen Angriffs im Paddelboot auf einem Stadtgraben unterwegs, als die Sirenen heulen. Er schafft es noch rechtzeitig bis zum Bunker, ehe sich dort die Türen schließen. „Als die Explosionen immer näher kamen, habe ich mit meinem Leben abgeschlossen“, so Brahms. Neben ihm schreien Kinder und rufen nach ihren Müttern: „Die Kleinen kannten ja nur die Mütter, denn die Väter waren im Krieg .“

Brahms sieht einen verletzten französischen Zwangsarbeiter, der in einer Angriffspause in den Bunker getragen wird und dort stirbt. Später kommt die Nachricht durch: „Wee hebben uns Rathaus verloren, alles is platt (Wir haben unser Rathaus verloren, alles ist kaputt)!“ Bis dahin hofften alle noch auf ein glimpfliches Ende, denn das Emder Rathaus trotzte seit Juli 1940 allen Luftangriffen: „Da hält der liebe Gott die Hand drauf, haben wir geglaubt“, so Brahms. Der Verlust des Rathauses und der gesamten Innenstadt wirken traumatisch. Das Inferno fordert 47 Opfer. Für Bernhard Brahms kehren die Schrecken des Krieges auch ohne ein festes Kalenderdatum zurück: „Die Erinnerungen im Alter werden schärfer: Ich sehe die Menschen von damals wieder, sehe die Gebäude. Und ich höre dieses unheimliche Summen der Bombergeschwader - wie ein Bienenschwarm.“ Gelegentlich plagen ihn Schlafstörungen und Alpträume.

„Der 6. September wird dauerhaft im kollektiven Gedächtnis der Stadt bleiben“, sagt Oberbürgermeister Brinkmann. Er mahnt zugleich, bei den Ursachen der Zerstörung nicht die deutsche Verantwortung für den Krieg mit weltweitem Leid zu vergessen. Ein Kulturprogramm, eine Gedenkfeier und eine Dokumentation im Landes- sowie im Bunkermuseum erinnern am Sonntag an die Schrecken des Krieges und an das verheerende Bombardement.

Von Hans-Christian Wöste, dpa 

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Nach neuer Krawallnacht in Katalonien: Madrid erhöht Druck

Nach neuer Krawallnacht in Katalonien: Madrid erhöht Druck

Den Hass leise machen: Konzert für Anschlagsopfer von Halle

Den Hass leise machen: Konzert für Anschlagsopfer von Halle

#hallezusammen-Konzert gegen Hass und Ausgrenzung

#hallezusammen-Konzert gegen Hass und Ausgrenzung

Fotostrecke: Lukebakio kontert Sargent - 1:1

Fotostrecke: Lukebakio kontert Sargent - 1:1

Meistgelesene Artikel

US-Armee fährt durch Niedersachsen: Konvois donnern über die A2

US-Armee fährt durch Niedersachsen: Konvois donnern über die A2

Wattwanderung: Vier Jugendliche vor steigender Flut gerettet

Wattwanderung: Vier Jugendliche vor steigender Flut gerettet

Huhn gerissen: Unbekanntes Tier mit Silvesterknaller verscheucht

Huhn gerissen: Unbekanntes Tier mit Silvesterknaller verscheucht

Brand am Flughafen Münster/Osnabrück verursacht Millionenschaden

Brand am Flughafen Münster/Osnabrück verursacht Millionenschaden

Kommentare