Cornelius Bockermann verschifft bald Waren zu 100 Prozent emissionsfrei

„Wir wollen eine Revolution“

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Die Avontuur auf hoher See. Bald soll sie Waren 100 Prozent emissionsfrei verschiffen.

Elsfleth/Queensland - Von Sigrun Grasekamp. Der jüngste Weltklimareport besagt: Wenn die globale Erwärmung weiterhin im aktuellen Tempo verläuft, werden weitere Millionen Menschen vom Hunger bedroht sein. Aber es gibt auch Hoffnung: Der Temperaturanstieg kann mit einem raschen Wechsel auf alternative Energien noch gebremst werden. Dazu braucht es gute Ideen und Menschen, die sie umsetzen. Cornelius Bockermann ist so ein Mensch. Mit seiner Firma Timbercoast möchte er Waren mit einem Segelfrachter zu 100 Prozent emissionsfrei verschiffen.

Schon diesen Sommer soll der Traum Realität werden. Bevor das Segelschiff Avontuur aber seine erste Fahrt nach Australien antreten kann, wird es in der Elsflether Werft (Landkreis Wesermarsch) komplett entkernt. Dort bauen es die Arbeiter vom Tagesausflugsschiff zum klassifizierten Frachtsegler zurück.

Cornelius Bockermann

Welche Idee steckt hinter der Firma Timbercoast?
Cornelius Bockermann: Die Firma Timbercoast wurde mit der Absicht gegründet, umwelt- und sozialverträgliche Arbeitsplätze in der Schifffahrtsbranche zu schaffen. Sitz ist Cairns in Nord Queensland (Australien). Eine der Geschäftsideen war es, ein traditionelles Segelschiff im Great-Barrier-Tourismus einzusetzen. Bei der Recherche erkannten wir, dass es um den Zustand des Riffs schlecht bestellt ist. Statt Touristen zu befördern, entstand die Idee, Ladung im Küstenverkehr entlang des Barrier Reefs zu segeln, das Riff dadurch zu entlasten und dabei für eine saubere Umwelt zu demonstrieren. Wir wollen eine Revolution und ein Umdenken in den Köpfen der Menschen anstoßen. Wir möchten mit dem Einsatz der Avontuur als Frachtsegler zeigen, dass es Alternativen zum konventionellen Seetransport gibt.

Sind Segelfrachter denn eine wirtschaftliche Alternative? 
Bockermann: In erster Linie wollen wir die Welt vor unnötiger Umweltverschmutzung bewahren. Wir streben mit der Avontuur keinen möglichst hohen Profit an, sondern vorrangig Kostendeckung und Forschungsergebnisse zum Bau einer neuen Generation von Handelsschiffen. Der Begriff Wirtschaftlichkeit, wie er heute unternehmerisch definiert wird, ist auf unser Projekt nicht anwendbar. Es geht viel mehr darum, ein Ergebnis zu erzielen, in dem als erstes Beurteilungskriterium das Gemeinwohl an oberster Stelle steht, es sich aber dennoch im Wirtschaftssystem durchsetzen kann. Wie unabhängige Marktstudien ergeben haben, ist die Nachfrage nach tatsächlich sauberen Transportmöglichkeiten sehr viel höher als die vorhandenen Kapazitäten. Hersteller und Kunden nachhaltig produzierter Waren sind bereit, dafür höhere Kosten in Kauf zu nehmen. Da wir mit dem geplanten Neubau die fehlenden Kapazitäten in den nächsten Jahren bei weitem nicht werden decken können, rechnen wir mit einer Auslastung, die dann zu einem Ergebnis weit über der Kostendeckung führen wird.

In der Elsflether Werft haben die Arbeiter die Avontuur komplett entkernt.

Für den Start des Projekts sind Crowdfunding und „Freiwilligenarbeit“ zwei Schlagwörter. Inwiefern? 
Bockermann: Die Mittel für den Kauf der Avontuur, die erste Werftzeit, die Überführung von Delfzijl nach Elsfleth und alle damit verbundenen Kosten konnte die Firma Timbercoast aus Cairns bereitstellen. Abgesehen davon, dass noch etwa weitere 600 000 Euro benötigt werden, um die Avontuur von ihrem heutigen Zustand als Tagesausflugsschiff zum klassifizierten Frachtsegler zurückzubauen, basiert unser Budget zu einem großen Teil darauf, dass alle Arbeiten so weit wie möglich von uns selbst und möglichst vielen freiwilligen Helfern ausgeführt werden. Die neben der Freiwilligenarbeit benötigten finanziellen Mittel sollen durch den Verkauf von Firmenanteilen, durch die Zuweisung öffentlicher Fördergelder und durch eine Crowdfunding-Aktion aufgebracht werden.

Was wird die Avontuur verschiffen und wo? 
Bockermann: Wir werden uns auf nachhaltig produzierte Waren und Güter konzentrieren, sind aber nicht abgeneigt, auch herkömmliche Ladung zu akzeptieren, um deren Ökobilanz durch unseren sauberen Transport zu verbessern. Es ist geplant, Ladung zwischen Häfen entlang unserer Überführungsroute von Europa nach Australien zu akquirieren. In Australien werden wir außerhalb der Cyclone Season (Zeit der tropischen Wirbelstürme) zwischen Häfen Nord Queenslands und während der Cyclone Season zwischen Tasmanien, Südaustralien, Neuseeland und New South Wales fahren.

Haben Sie Konkurrenz auf dem Weltmarkt?
Bockermann: Weltweit gibt es bisher nur ein Segelschiff, dass völlig ohne Maschine Ladung transportiert, die Tres Hombres der niederländischen Reederei Fairtransport. Sie ist seit fünf Jahren im Transatlantik-Verkehr so erfolgreich, dass die Reederei nun das zweite Schiff in Fahrt bringen wird. Dies allerdings im innereuropäischen Verkehr. Langfristig beabsichtigt die Reederei Fairtransport, ähnlich wie Timbercoast, Hybrid-Frachtsegler mit einer Tragfähigkeit von zirka 4 000 Tonnen zu realisieren. Weltweit gibt es weniger als eine Handvoll ähnlicher Schiffe. In Australien gibt es kein einziges. In diesem Zusammenhang sollte man auch nicht von Konkurrenz reden. Wir sind uns vielmehr einig, dass wir nur durch Kooperation unser gemeinsames Ziel am schnellsten erreichen werden.

Welche Erwartungen und Hoffnungen verbinden Sie mit diesem Projekt? 
Bockermann: Wir sind davon überzeugt, dass die Entwicklung und der Bau von Hybridfrachtschiffen wegweisend für eine zukünftige Generation von Handelsschiffen sein wird, die emissionsfrei in der weltweiten Fahrt Zeichen auch für andere Industrien setzen wird. Die dadurch erzielte Umweltentlastung kann also durchaus einen Multiplikationseffekt hervorrufen und wird damit zu einem messbaren Faktor beim Erhalt unserer Umwelt werden.

www.timbercoast.com

www.facebook.com/timbercoast

Die Avontuur

Das Schiff: Der Gaffel Schooner Avontuur wurde1920 in Stadskanaal / Niederlande auf der Werft Otto Smit gebaut. Vom reinen Frachtsegelschiff mit Hilfsmotor wurde ihre Maschinenleistung immer weiter erhöht und ihre Masten immer weiter verkleinert, bis sie schließlich ihr Rigg ganz einbüßte und in den 60-Jahren als reines Kümo auf der Nord- und Ostsee fuhr. 1977 wurde sie an einen niederländischen Eigner verkauft, Kapitän Paul Wahlen, der sie wieder zum Frachtsegler zurückbaute. Von dem Zeitpunkt bis etwa 2001 fuhr sie wieder als Frachtsegler mit Hilfsmotor auf Nord- und Ostsee und für einige Zeit auch über den Atlantik und in der Karibik. Erst nach Paul Wahlens Tod wurde sie von der nächsten Eignerin zu einem Tagesausflugssegler umgebaut.
Kapazität: 60 Tonnen / 90 Kubikmeter, etwa das Äquivalent von drei Standartcontainer (20-Fuß-Containern)
Länge: Im Moment noch 34 Meter. Sobald das Schiff wieder mit dem Klüverbaum ausgerüstet ist, wird es eine Länge von 39 Metern „über Alles“ haben.
Besatzung: Die Stammbesatzung und die Trainees werden das Schiff segeln. Die Stammbesatzung besteht aus einem Kapitän, den Steuerleuten (1. und 2. Offizier), dem Bootsmann und einem Koch. Die Trainees werden von Grund auf die an Bord eines traditionellen Frachtseglers notwendigen Arbeiten erlernen. Knoten, Spleißen, Takeln, Seemannschaft, Navigation und natürlich das Segeln. Sie lernen alles, was notwendig ist, um einen großen Frachtsegler sicher und schnell über die See zu fahren. Die Trainees können sich Seetage erarbeiten oder bezahlen für ihre Ausbildung und Passage.
Zeitplan: Die Avontuur wird voraussichtlich im August lossegeln. Die Umbauarbeiten liegen ungefähr im Zeitplan. Das Schiff ist inzwischen komplett entkernt, der alte Ballast ist raus, und Mitte April geht es auf den Slip bei der Elsflether Werft, Anfang Mai geht der Innenausbau und das Rigg los. Für Ende Juli sind dann die ersten Probefahrten auf der Weser geplant.

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