Einsatz auf dem Eis

Die "Rysum" im Einsatz.

Oldenburg - Von Sanne Berg - Krachend bricht das Eis, laut schlägt es an den Stahlrumpf des Schleppers. Der Rumpf ist übersät mit Rostflecken, Kratzern und tiefen Beulen. Zeichen der Zeit, die zeigen, dass die „Rysum“ nicht zum ersten Mal auf dem 70 Kilometer langen Küstenkanal zwischen Oldenburg und Dörpen an der Ems unterwegs ist. Die Besatzung hat den Auftrag, den Kanal eisfrei zu halten, damit die Schiffe dort weiter fahren können.

Die „Rysum“ ist ein in die Jahre gekommenes Arbeitsschiff. Nicht nur der 22 Meter lange und 6,20 Meter breite klassisch geformte schwarzbraune Schlepperrumpf trägt Spuren aus der Vergangenheit. Das fast quadratische weiße Steuerhaus bildet zusammen mit dem ebenfalls weißen Schriftzug des Schiffsnamens am Bug die einzigen hellen Elemente des 53 Jahre alten Wasserfahrzeugs mit Heimathafen Elsfleth. An dicken Tauen hängen außenbords alte Autoreifen. Sie dienen nicht nur dem Schutz des Rumpfs, sondern sollen auch verhindern, dass andere Schiffe während des Einsatzes beschädigt werden.

Die karge Ordnung und pingelige Sauberkeit an Deck stehen im Gegensatz zur scheinbaren Verwahrlosung des Stahlrumpfs. Festmacher sind um stabile Poller gelegt, Bootshaken und Arbeitsgeräte akkurat verstaut. Der Schlepper strahlt Verlässlichkeit, Sicherheit und Kraft aus.

Wegen der langanhaltenden Kälte und des starken Eisgangs ist es in diesem Winter erforderlich, die bundeseigene Eisbrecherflotte durch externe, zum Eisbruch geeignete Schlepper zu ergänzen. Eins dieser privaten Schiffe ist die „Rysum“, die von einer Schlepper-AG in Ostfriesland bereedert wird. Das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Meppen, das für die Eisbekämpfung auf Flüssen und Kanälen im westdeutschen Kanalgebiet zuständig ist, hat die Besatzung des Schleppers Anfang Februar beauftragt, den Küstenkanal zwischen Oldenburg und Dörpen an der Ems eisfrei zu halten. Der Kanal stellt die Verbindung zwischen dem Ruhrgebiet über den Dortmund-Ems-Kanal, Hunte und Weser zu den Unterweserhäfen her.

Die Kapitäne Rolf Jacobs (links) und Detlef Schlichting aus Brake an Bord der "Rysum".

In Oldenburg hat die „Rysum“ ihren Liegeplatz gleich hinter der Schleuse am Kanal. Die Crew besteht aus zwei pensionierten Kapitänen, die aus Brake stammen. Für die beiden leidenschaftlichen Seefahrer ist der Job auf der „Rysum“ eine willkommene Abwechslung zum Ruhestandstrott an Land. Kapitän Rolf Jacobs und Kapitän Detlef Schlichting sind nicht nur verwandt, sondern verstehen sich auch dank ihres urigen Humors sehr gut. Kompetenzrangeleien an Bord lassen sie nicht zu. Ihr Arbeitstag beginnt in den frühen Morgenstunden und hängt von der Eismenge auf dem Kanal ab.

Über eine steile Treppe – im Schiffsdeutsch der Niedergang – erreicht man den spartanisch eingerichteten Kojenraum tief unten im Schiffsbauch. Es gibt vier Kojen, von denen zwei gemütlich gestaltet sind. Die anderen beiden dienen als Ablagefläche für Kleidung und Ausrüstung. Fast luxuriös wirkt hier die Wärme, die ein klassischer Rippenheizkörper abstrahlt.

Die Zentralheizung, fließend warmes und kaltes Wasser, Strom sowie eine fast komplett eingerichtete Pantry machen die „Rysum“ zwar nicht zum Traumschiff, aber den Arbeitstag an Bord angenehm. Im circa zehn Quadratmeter großen Steuerhaus – dem Leitstand des Schiffs – befinden sich die Instrumente und technischen Geräte wie Echolot, Kompass und Funkanlage. Auch ein Radio ist hier zu finden, für die Unterhaltung nach Feierabend sorgt ein moderner Fernseher. Eine gemütliche Sitzbank gibt es hier ebenfalls.

Die "Rysum" ist zwischen Oldenburg und Dörpen an der Ems unterwegs.

Während Kapitän Rolf Jacobs Kaffee kocht und das Frühstück vorbereitet, macht Detlef Schlichting den Schlepper ablegebereit. Das heißt im Klartext: Zunächst wird der 550 PS starke Dieselmotor gestartet. Der Schiffsrumpf vibriert. Gleichzeitig erklingt das dumpfe, rhythmische Wummern der Maschine. Der typische Schiffsgeruch nach Diesel, Meer und feuchter Kleidung vermischt sich mit dem Geruch von frischgebrühtem Kaffee und geröstetem Toast.

Nachdem die Festmacher gelöst sind, kann die Fahrt auf dem Küstenkanal Richtung Emsland beginnen. Gefrühstückt wird auf dem Wasser. Mittlerweile liegen die aktuellen Eis- und Wetterberichte sowie der Tagesauftrag vor. Wenn viel Schiffsverkehr auf dem Kanal herrscht, halten die Schiffer die Rinne selbst frei. In verkehrsarmen Zeiten muss die „Rysum“ ihrem Auftrag als Eisbrecher nachkommen. Das Eigengewicht des Schiffs von 60 Tonnen kann mithilfe eines gefluteten Wassertanks um circa zehn Tonnen erhöht werden. Der Rumpf und damit die empfindliche Schiffsschraube sinken so tiefer ein, der mit einer dicken Stahlnase verstärkte Bug kommt noch etwas höher und schiebt sich auf die geschlossene Eisdecke.

Neben der „Rysum“ fahren zwei weitere Eisbrecher, meistens im Konvoi, auf dem Kanal und schieben die circa zehn Zentimeter dicken Eisschollen ans Ufer. In den Frühstunden ist das Eis am dichtesten. Nach einer eiskalten Nacht und ohne Schiffsverkehr bildet sich schnell eine geschlossene Eisdecke.

An diesem Februartag zeigt das Thermometer zwei Grad über Null. Die gebrochene Eismasse auf dem Kanal wirkt wie zäher Brei. Mit knapp fünf Knoten Fahrt – ein Knoten entspricht 1,852 Stundenkilometern – pflügt die „Rysum“ durch den Eisbrei. Ihr folgen zwei Binnenschiffe, die mit Containern beladen sind.

Für die Besatzung des Schleppers ist dieser Einsatz Routine. Schlichting und Jacobs halten über UKW-Funk ständig Kontakt mit den Binnenschiffern sowie den anderen Eisbrechern, die ihnen aus Richtung Westen entgegenkommen. Hauptthema sind die aktuelle Eis- und Wetterlage sowie das „Woher“ und „Wohin“.

Ruckzuck ist der Vormittag vorbei und Zeit fürs Mittagessen. Bei Durchsicht ihrer Vorräte stellen die beiden Männer fest, dass der Proviant zur Neige geht. Das Toilettenpapier wird ebenfalls knapp. Mal eben anhalten und einkaufen ist natürlich während des Einsatzes nicht möglich – auch gibt es an der Kanalstrecke wenige Versorgungsmöglichkeiten. Was tun? Die Kapitäne rufen den Reedereibeauftragten an und bestellen das gewünschte Material sowie ein paar technische Ersatzteile. Treffpunkt und Übergabe sind schnell vereinbart.

Pünktlich mit dem letzten Tageslicht erreicht die „Rysum“ die Anlegestelle in Bockhorn. An Land steht der Reeder persönlich. Hinter seiner Anwesenheit steckt keine Kontrolle, sondern Für- und Vorsorge. Bald sitzen die drei Männer bei einem Kaffee und guten Gesprächen im Steuerhaus. Es gibt viel zu berichten, und es wird viel gelacht. Mittlerweile ist es dunkel und die Temperatur unter null Grad gesunken. Das bedeutet für die „Rysum“ und ihre Crew: Morgen geht es wieder zurück nach Oldenburg.

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