Vom Landtag ins türkische Parlament

Ex-SPD-Abgeordneter kandidiert für die AKP

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Mustafa Erkan kandidiert für die AKP bei den türkischen Parlamentswahlen - und ist schwer enttäuscht von seiner alten Partei, der deutschen SPD.

Hannover - Von Can Merey. Mustafa Erkan ist Kandidat für Erdogans AKP. Vor Kurzem saß er noch für die SPD im niedersächsischen Landtag.

Endlich ist es soweit, der Muezzin ruft zum Iftar, zum abendlichen Fastenbrechen im Ramadan, und Mustafa Erkan kann nach einem langen Wahlkampftag an der heißen türkischen Südküste wieder essen und trinken. 

Der 33-jährige Politiker ist einer der Ehrengäste bei diesem Iftar im Keller eines Hotels in Antalya, zu dem sich Menschen aus der im Hinterland gelegenen Region Burdur versammelt haben - dorther stammen Erkans Eltern, die vor fast 50 Jahren nach Deutschland kamen. Erkan sagt: „Ich muss zugeben, es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich das Fasten praktizieren kann.“ 

Es ist nicht das einzige Novum für Erkan, der für die islamisch-konservative AKP von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan für das Parlament kandidiert. In der Türkei werden am 24. Juni ein neues Parlament und der Präsident gewählt, in Deutschland beginnt die Abstimmung am Donnerstag. 

Erkan verehrt Schröder und Erdogan

Sollte es eng für Erdogan und die AKP werden, könnten die Stimmen der gut drei Millionen wahlberechtigten Auslandstürken eine entscheidende Rolle spielen. Jemand wie Erkan wird der AKP da nicht schaden, ganz im Gegenteil. 

Erkan wäre zwar nicht der erste Deutsch-Türke, der für die AKP in der Nationalversammlung in Ankara sitzen würde. Er wäre allerdings der erste, der schon in einem Parlament in Deutschland ein Mandat hatte: Von 2013 bis 2017 war Erkan Abgeordneter im niedersächsischen Landtag, und zwar für die SPD. 

Er ist nicht nur ein glühender Verehrer des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder und von Ex-Außenminister Sigmar Gabriel, sondern auch von Präsident Erdogan. Erkan, den seine Freunde „Musti“ nennen, könnte als Paradebeispiel für gelungene Integration herhalten, auf jeden Fall galt das bis zu seinem Wechsel in die Türkei. 

Er lernte Industriemechaniker bei VW

Geboren wurde er im niedersächsischen Neustadt am Rübenberge, wo er „jeden Pflasterstein“ kennt. Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei VW, wo schon der Vater gearbeitet hatte. Bis 2010 war Erkan dort Anlagen- und Maschinenführer, dann ging er zur IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), wo er zum Gewerkschaftssekretär ausgebildet wurde. 

2011 bis 2016 war Erkan Vizebürgermeister seiner Heimatstadt. 2013 wurde er in den Landtag gewählt, bei der Fußball-WM 2014 kam er im Trikot der deutschen Mannschaft ins Plenum. Vor der Landtagswahl im Oktober 2017 verlor Erkan eine Kampfabstimmung und wurde nicht mehr aufgestellt. 

Im Dezember wurde der Ex-Landtagsabgeordnete daraufhin Berater des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu, den er schon davor einen Freund nannte. Im Mai trat Erkan schließlich aus der SPD aus - und nahtlos in die AKP ein. 

Der türkische Ministerpräsident Erdogan ist auf Wahlkampftour unterwegs.

Für seine alte Partei hat Erkan heute wenig Lob übrig. „Die SPD steht nicht mehr zu ihren Grundwerten“, sagt er. Den Umgang mit Gabriel nennt er katastrophal. „Sigmar Gabriel ist für mich einer der größten Politiker Deutschlands.“ An Gerhard Schröder findet Erkan „eigentlich alles“ toll, die wirtschaftlichen Beziehungen des Ex-Kanzlers zu Russland hält er für völlig unproblematisch. Schröder sei schließlich nur noch sich selber Rechenschaft schuldig. 

Den Kremlchef und Schröder-Freund Wladimir Putin mag Erkan ebenfalls, ihm schreibt er „die gleichen Charaktereigenschaften wie Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan“ zu: „Er hat sich nicht vom Westen beeindrucken lassen.“ Über Erdogan sagt Erkan: „Die Türkei braucht einen starken Mann.“ 

Einige Sätze Erkans erinnern sehr an Aussagen Erdogans. So sagt Erkan etwa: „Die Türkei ist ein Staat, wo die Justiz wirklich unabhängig ist.“ Warum in der Türkei Journalisten im Gefängnis sitzen? „Weil sie sich unter dem Deckmantel eines Journalisten als Unterstützer für terroristische Organisationen bewegen.“ Die Türkei und die EU? „Ich unterstreiche auch nochmal, dass die Türkei nicht auf Europa, sondern Europa auf die Türkei angewiesen ist.“ 

Die Gezi-Proteste sollen eine westliche Verschwörung sein

Hinter den Gezi-Protesten vor fünf Jahren sieht Erkan - wie Erdogan - eine westliche Verschwörung. Auf mehrfache Nachfrage, welche „Kräfte“ konkret verantwortlich gewesen sein sollen, nennt der Ex-Genosse schließlich Grünen-Politiker: „Angefangen von Cem Özdemir, Claudia Roth, all die, die diese Proteste auch unterstützt haben, nicht nur mit Worten, sondern auch mit ihrer Man- und Woman-Power hier vor Ort.“ 

Zu Erdogans umstrittener Aussage, die Zentralbank stärker kontrollieren zu wollen, meint Erkan: „Wenn der Staatspräsident das so sagt, dann stimmt das auch so, dann stimme ich dem auch zu.“ Erkan sagt: „In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Eines ist türkisch, das andere deutsch.“ 

Sein Wahlkampfbus ist von VW, das sei ihm wichtig gewesen, betont er. Auf dem blauen Fahrzeug prangen die Konterfeis Erkans und Erdogans. Früher ist Erkan „als stellvertretender Bürgermeister in Neustadt auch auf Schützenfesten rumgetingelt“, sagt er. 

Mevlut Cavusoglu (M.), Außenminister der Türkei, reist mit seiner Delegation zur Gedenkfeier am 29. Mai in Solingen an. Erkan ist hinten links zu sehen.

Türkisch spricht er nicht so perfekt wie Deutsch. Bevor er eine Twitter-Nachricht auf Türkisch absetzt, fragt er einen Mitarbeiter vorsichtshalber, ob die Grammatik stimmt. Als Cavusoglu letztens zum Gedenken an den Brandanschlag auf die türkische Familie Genc vor 25 Jahren in Solingen war, begleitete ihn Erkan. 

Auf seinem Handy zeigt Erkan stolz die Titelseite der „Bild“-Zeitung vom Folgetag: Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hält die Hände von Mevlüde Genc, die bei dem Anschlag zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verloren hatte. In der Mitte des Fotos ist Erkan zu sehen. Andere Bilder auf dem Smartphone zeigen Erkan Arm in Arm mit Schröder oder zwischen Gabriel und Cavusoglu. 

Listenplatz zehn verheißt nur mäßig gute Chancen

Cavusoglu sagt über Erkan, er habe von Anfang an alles unternommen, um die bilateralen Beziehungen zu Deutschland wieder zu verbessern. „Er ist ein toller Kerl.“ Die AKP hat Erkan in Antalya auf Platz zehn der Liste gesetzt, ein Einzug ins Parlament ist damit nicht garantiert.

Theoretisch ist auch möglich, dass Erdogans Regierung die Wahl verliert. Aber Erkan hat noch eine Wohnung in Niedersachsen, und nicht nur das: Er hat bis Oktober auch ein Rückkehrrecht zu VW. „Es ist schön zu wissen, dass man so eine Sicherheit hat“, sagt er. - dpa

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