Plädoyer für Tierrechte

„Fleisch ist immer tot, egal von wem“

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Die Schriftstellerin Hilal Sezgin neben einem Jacobsschaf

Hannover/Lüneburg - Von Christina Sticht. Dürfen wir Tiere für die Forschung quälen? Ist Tiere töten natürlich? Angesichts von Bildern aus Mastställen entscheiden sich immer mehr Menschen für einen Verzicht auf tierische Produkte. Die Autorin und Veganerin Hilal Sezgin liefert dafür in ihrem neuen Buch Argumente.

Wenn sie von ihren Schafen spricht, bekommt Hilal Sezgin leuchtende Augen. Vor sieben Jahren erfüllte sich die Frankfurterin ihren Jugendtraum vom Landleben und zog in ein Dorf in der Lüneburger Heide. Dort übernahm sie völlig ungeplant die Herde eines Nachbarn. „Ich hatte gar nicht vor, Tiere zu halten und das Tierthema zu vertiefen“, erzählt die Autorin des Buches „Artgerecht ist nur die Freiheit“. Seit Wochen hält es sich auf der Bestseller-Liste. Auf 237 Seiten entwirft die studierte Philosophin eine Ethik für Tiere. Es ist ein umfassend recherchiertes und klug argumentierendes Plädoyer für ein Ende des Gemetzels, wie Sezgin es nen nt.

„Zuerst einmal müssen wir anerkennen, dass wir als Gesellschaft längst nicht so gewaltfrei sind, wie wir denken“, sagt die 43-Jährige. „Wir üben massenhaft Gewalt gegen Tiere aus. Wir schlachten 800 Millionen Tiere jedes Jahr in Deutschland, wir sperren sie ein, wir transportieren sie hin und her, wir amputieren ihnen Körperteile, das alles ist Gewalt.“ Mit ihren eigenen 38 Schafen, zwei Ziegen, zwei Gänsen und einigen Katzen lebt Sezgin in einer Art Wohngemeinschaft.

Neue Lämmchen gibt es aber nicht, weil Sezgin alle Böcke kastrieren ließ. Für sie käme es nie infrage, einem Muttertier das Junge wegzunehmen. „Tiere haben ein Recht auf ihren eigenen Nachwuchs“, meint sie. Als die Hessin mit türkischen Wurzeln im Agrarland Niedersachsen ankam, beschäftigte sie sich intensiv mit der Tierhaltung. Ausgerechnet der Besuch eines Bio-Hofes brachte sie dazu, Veganerin zu werden - also sich komplett pflanzlich zu ernähren und auch auf Lederschuhe oder Wollpullover zu verzichten.

„Fleisch ist immer tot, egal von wem“, sagt die Autorin. „Ich finde die Idee irrig, dass man sagt, wenigstens war das Tier vorher glücklich. Wie bitte? Ich bin auch glücklich, ich möchte nicht, dass ich deshalb morgen getötet und verspeist werde.“

In ihrem Buch findet Sezgin mit Hilfe der Philosophie zudem Argumente gegen Tierversuche. „Ein Hauptgebot ist, dass wir anderen nicht willentlich Schaden zufügen. Wir können nicht jedem helfen, aber schaden dürfen wir nicht und foltern schon gar nicht.“ Bei Tierversuchen werde dieses moralische Gebot auf einmal vergessen.

Angenehm an der Lektüre ist, dass Hilal Sezgin kein missionarischer Eifer antreibt. Sie wirbt mit Argumenten für ein Umdenken, will aber nichts vorschreiben. Dass die Mehrheit trotz schwer erträglicher Bilder aus Massentierhaltungen weiter Fleisch isst, kann sie gut nachvollziehen. „Wir sind so aufgewachsen. Auf jedem Buffet ist totes Fleisch.“ Es sei schwierig, mit Gewohnheiten zu brechen. Am Anfang ihrer Recherchen hatte sie den gleichen Impuls wie TV-Zuschauer, die bei Berichten über Tierquälerei in Puten-Mastanlagen umschalten, weil sie die Bilder nicht ertragen können.

Statt zu verdrängen, plädiert Sezgin für kleine Schritte, etwa für einen gezielteren Einkauf oder eine Party ohne Fleisch-Gelage. „Ich bilde mir nicht ein, dass morgen alle Menschen vegan leben, aber wir könnten versuchen, uns bewusst zu machen, wo wir Tiere benutzen.“

Noch vor zehn Jahren galten Tierrechtler oft als liebenswerte Spinner. Heute beschreibt die Zukunftsforscherin Anja Kireg die vegane Lebensweise als soziokulturellen Trend. „Sie spricht verschiedene Zielgruppen an: Frauen oft aus emotionalen Gründen, Männer unter sportlichen Aspekten und Ältere aus gesundheitlichen Gründen“, sagt die Politikwissenschaftlerin vom Zukunftsinstitut in München. Auch Erfahrungsberichte wie Karen Duves „Anständig essen“ oder Jonathan Safran Foers „Tiere essen“ haben Leser darin bestärkt, auf tierische Produkte zu verzichten.

Christian Vagedes, Gründer der Veganen Gesellschaft in Deutschland, geht davon aus, dass es bundesweit mittlerweile mehr als eine Million Veganer gibt. „Wir können die vielen Anfragen aus der Industrie und aus Bildungseinrichtungen gar nicht bewältigen.“ Im Fernsehen laufen Werbe-Spots für gelatinefreie Fruchtgummis. Bemerkenswert findet Vagedes: „Selbst Autohersteller machen sich Gedanken über vegane Sonderausstattung, also den Verzicht auf Lederlenkräder.“

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