„Um Malochende zu knechten“

Deutsches Wirtschaftsinstitut fordert: mehr arbeiten, weniger Urlaub

Mehr Arbeit, weniger Urlaub? Klingt nicht verlockend. Außer für das Institut der deutschen Wirtschaft – denn so lassen sich Corona-Kosten wieder reinholen.

Köln – In ihrer neuen Studie kommt das Institut für Wirtschaft (IW) zu dem Vorschlag, dass Arbeitnehmer im Schnitt 36 Stunden pro Woche arbeiten sollen. Im Jahr 2019 waren es hingegen nur 34. Auch die Urlaubstage sollen um anderthalb Wochen reduziert werden.

Institut Institut der deutschen Wirtschaft
Sitz Köln
Gründung1951
VorsitzArndt Günter Kirchhoff

Zudem würde durch Reduzierung von Teilzeit-Arbeit, für die man einige Tipps beachten sollte*, die Arbeitsleistung steigen, somit könnten bis zu 7,7 Milliarden Zusatz-Arbeitsstunden im Jahr erbracht werden. In zehn Jahren könnte eine bis zu 6 Prozent höhere Wirtschaftsleistung entstehen (0,6 Prozent/Jahr).

Mehr arbeiten, um Folgen der Corona-Krise zu bewältigen

Doch wozu diese drastischen Überlegungen? Hintergrund des Ganzen ist die Corona-Pandemie, die sich langsam dem Ende nähert. Prof. Michael Hüther vom IW erklärt gegenüber Bild: „Die finanziellen Lasten aus der Pandemie können wir jahrzehntelang vor uns herschieben – oder wir nutzen Potenziale, die bisher brachliegen. Viele Frauen beispielsweise arbeiten unfreiwillig in Teilzeit, weil Kitaplätze fehlen. Allein für die Unter-Dreijährigen fehlen 340.000 Betreuungsplätze. Diese Versäumnisse aus den vergangenen Jahrzehnten kommen uns jetzt teuer zu stehen. Um die Krisenfolgen zu bewältigen, müssen wir jetzt alle mit anpacken.“ Trotz Corona-Krise sind 2020 ohnehin fast 1,7 Milliarden Überstunden entstanden.

Mehr arbeiten, weniger Urlaub? Klingt nicht gerade verlockend.

IW-Studie: Erhebliche Arbeitsmarktpotenziale liegen brach

2020 sank auch durch Home Office das Brutto-Inlandsprodukt um knapp fünf Prozent. Das Arbeitsvolumen brach um 4,7 Prozent ein, heißt es seitens des IW. „Als mittelfristige Herausforderung kommt der demografische Wandel hinzu, weshalb die Hoffnung, ähnlich der Dekaden nach der Finanzkrise Ende der Nullerjahre aus den Corona-Schulden einfach herauswachsen zu können, naiv anmutet.“, so das Institut und nimmt die Schweiz als Vorbild: „Ein Vergleich insbesondere mit der in ihrer Wirtschafts- und Sozialstruktur der Bundesrepublik ähnlichen Schweiz zeigt jedoch, dass hierzulande noch erhebliche Arbeitsmarktpotenziale brachliegen:“

Mehr Arbeit und weniger Urlaub, den Arbeitnehmer auch bei einer Kündigung nehmen dürfen, um die Wirtschaftsleistung zu steigern und Steuererhöhungen zu vermeiden: Dass dieser Vorschlag nicht nur auf Gegenliebe stößt, ist natürlich klar. Der Ökonom Lars Feld bezweifelt, dass die höhere Arbeitsleistung auch tatsächlich einen nachhaltigen Effekt mit sich bringt..

Forderung nach Arbeitnehmer-freundlichen Alternativen

„Das Verlangen nach Work-Life-Balance bei zunehmendem Fachkräftemangel wird eher dazu führen, dass die Menschen in Teilzeit ausweichen und dann nicht viel gewonnen ist. Ich setze zur Wohlstandssteigerung am ehesten auf Innovation“, so Feld zu Bild.

Auch FDP-Fraktionsvize Michael Theurer sieht die Anregung des IW kritisch und rät zu Arbeitnehmer-freundlichen Alternativen wie flexiblere Arbeitszeiten und individuelle Vereinbarungen in den Betrieben, zu denen auch Home Office gehören kann. Denn höhere Wochenarbeitszeiten würden nicht automatisch zu höherer Produktivität führen.

Weniger Urlaub? „Das trifft jene besonders, die hart am Limit arbeiten“

Auch Linke-Politikerin Katja Kipping kritisiert den Vorschlag auf Twitter: „Ein Vorschlag erdacht, um Malochende zu knechten & die reichsten 1% vor Millionärsabgabe zu schützen. Die Wirtschaftslobby schlägt ernsthaft vor, alle sollen 1,5 Wochen Urlaub opfern. Das trifft jene besonders, die hart am Limit arbeiten wie Pflegekräfte.“ Immerhin: Die Pflegekräfte im Land sollen bald mehr Geld bekommen, allerdings auf Kosten von Kinderlosen.

Arbeitnehmer zeigen sich in den sozialen Medien ebenfalls erbost über die Studie des IW: „Dann wird sich auch die Zahl der Menschen mit Burnout verdoppeln. Ich denke nicht, dass der Ruf nach immer mehr Arbeitsleistung einen positiven Effekt auf die Wirtschaft haben wird. Irgendwann kann der Mensch einfach nicht mehr. Er ist schließlich keine Maschine“, heißt es beispielsweise von einem Facebook-User. Es gibt einige Anzeichen, die einen Burnout ankündigen können, auf die man schon jetzt dringend achten sollte.

Mehr Arbeit, weniger Urlaub: „Ihr solltet euch für solch einen Vorschlag schämen“

„Weniger Urlaub, mehr Arbeitsstunden, Arbeit bis zum 68. Lebensjahr und das bei stetig steigenden geistigen und körperlichen Anforderungen an den Arbeitnehmer... Gehts noch? Ich denke eher, es wird Zeit für eine sozialere Wirtschaft. Eine unmenschliche benötigen wir hier in Deutschland nicht. Ihr solltet euch für solch einen Vorschlag schämen“, schreibt ein weiterer Facebook-Nutzer.* kreiszeitung.de und 24hamburg.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © "AntonioGuillem" via www.imago-images.de

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