Kein Markenschutz

Der verpasste Mainstream: Harzer Käse kommt nicht mehr aus dem Harz

Frühe Versäumnisse können sich rächen. Aktuelles Beispiel: Der Harzer Käse kommt gar nicht mehr aus dem Harz. Die Gründe dafür liegen fast 30 Jahre zurück.

Ein Sprichwort sagt: Nomen est omen, der Name ist ein Zeichen. Beim Harzer Käse würde dies bedeuten, er kommt aus dem Harz. Weit gefehlt. Harzer Käse kommt kaum noch aus dem Mittelgebirge. Der Grund: er unterliegt keiner geschützten Herkunftsbezeichnung der EU. An dem Produkt scheiden sich die Geister. Für die einen eine Delikatesse, andere machen einen großen Bogen um den stinkig, gelblich-glasig und oft gerollt Käse („Harzer Roller“).

HarzMittelgebirge
Höchster BergBrocken, 1141 Meter
GesteinTonschiefer, Granit und Grauwacke
Älteste Gesteinca. 490 Millionen Jahre

Auch wenn der Name es suggeriert, kommt der Käse in den meisten Fällen gar nicht mehr aus der Harz-Region. Seit über zehn Jahren gibt es dort laut dem Harzer Tourismusverband keine größere Produktionsstätte mehr.

Zu den Hintergründen: In den 1990ern und frühen 2000ern wurden nach und nach die Käsereien im Harz aufgekauft. Die letzte größere Käserei, die zuvor von der Müller-Gruppe geschluckt worden war, zog 2005 zum Werk nach Leppersdorf (Sachsen) um; zwei Jahre später wurde auch der letzte kleine Standort im Harz dicht gemacht. Mit der Verlagerung der Produktion ging in vielen Harzdörfern eine über hundert Jahre alte Tradition verloren - und der Name Harzer Käse zog mit den Unternehmen um.

Dass der Käse trotz des Namens nicht aus dem Harz kommen muss, liegt daran, dass er keiner geschützten Herkunftsbezeichnung der EU unterliegt. Als er im Mittelgebirge noch im größeren Maße produziert wurde, hat offenbar niemand daran gedacht, ihn schützen zu lassen. Würde er unter dem Schutz der EU stehen, so wie andere regionale Spezialitäten in Europa, dürfte kein in Sachsen oder anderswo produzierter Käse Harzer heißen.

Harzer Käse ist nicht jedermanns Geschmack, aber gesundheitsgefährdend ist er trotz seines intensiven Aromas normalerweise nicht.

EU-weit tragen nach Angaben der Europäischen Kommission über 3400 Lebensmittel eine geschützte Ursprungsbezeichnung oder eine geschützte geografische Angabe - inklusive Wein und Spirituosen. Bei der geschützten geografischen Angabe reicht es allerdings, wenn eine der Herstellungsstufen in der entsprechenden Region erfolgt. Das ist etwa beim Schwarzwälder Schinken der Fall. In Deutschland sind in beiden Kategorien gerade einmal 171 Produkte verzeichnet. Zum Vergleich: In Frankreich sind es fast 750.

In Frankreich gebe es viele Produkte, die regional geschützt seien, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Marcel Lichters von der Universität Chemnitz. Das fange beim Champagner an und führe bis zum Armagnac der Gascogne. „Das haben die Franzosen einfach viel, viel schlauer und sehr viel früher erkannt“, so Lichters.

Dabei hätte aus dem Harzer Käse durchaus eine Spezialität werden können: Harzer Käse sei sehr ikonisch vom Geschmack, sagte der Konsumforscher, der selbst im Harz aufgewachsen ist. Es gebe tatsächlich auch wenig, was als Produkt vergleichbar sei. „Aus Marketing-Sicht würde ich sagen, das Ding hätte wirklich das Potenzial gehabt, eine Delikatesse zu sein, wenn man es geschützt hätte. Und heute ist es Mainstream“, so Lichters weiter.

Harzer Käse: Tradition lebt wieder auf

Doch es gibt sie wieder, die Käseproduktion nach traditioneller Art im Harz - wenn auch nur in kleinem Umfang: Seit gut anderthalb Jahren wird in der Region auf dem Westerhäuser Käsehof von Peter Gropengießer wieder der Sauermilchkäse produziert, der früher in fast jedem Dorf in der Gegend hergestellt wurde. Die runden, noch weißen, handtellergroßen Quarktaler, die bei ihm im Reifeschrank liegen, werden unter dem Namen „Magermilchkäse vom Harzer Roten Höhenvieh“ verkauft. Im Supermarkt landet er allerdings nicht.

Jede Woche stellen Gropengießer und seine Schwiegermutter gerade einmal zwischen 1 und 1,5 Kilogramm des Käses aus Sauermilchquark nach einem traditionellen Rezept her. Die Milch kommt von den eigenen Kühen. Gewürzt ist er mit Kümmel und wenn er reif ist, wird er auch glasig. Er könnte also berechtigterweise Harzer Käse heißen. Der Landwirt hat sich aber dagegen entschieden.

Einige Volkshochschulen (VHS) bieten Käserei-Kurs an.

Käsekonsum steigt in Deutschland

Der Pro-Kopf-Verbrauch von Sauermilch-, Koch- und Molkenkäse ist in Deutschland seit 2000 leicht gestiegen. Hat jeder vor 21 Jahren im Schnitt noch rund 520 Gramm verzehrt, waren es nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung im vergangenen Jahr rund 610 Gramm. Zahlen nur für den Harzer gibt es nicht.

Der Wirtschaftswissenschaftler Lichters glaubt, dass das bewusste Konsumverhalten, das immer wichtiger werde, Einfluss auf den Erfolg des Produkts hat. Harzer Käse ist proteinreich. Daher werde er auch zunehmend als gesundes Produkt auf dem Markt wahrgenommen, so der Konsumexperte. Für Hersteller gibt es also keinen Grund, das Produkt umzubenennen. Harzer Käse ist etabliert. „Es ist meistens besser mit einem bekannten Konzept zu arbeiten als ein neues etablieren zu wollen“, sagte Lichters. Der Konsument liebe es, sich am Bekannten zu orientieren.

In seinen Augen nehmen die Unternehmen allerdings bewusst in Kauf, dass sie Konsumenten möglicherweise in die Irre leiten bezüglich der Herkunft des Produktes. „Das sehen wir auch aus anderen Bereichen. Nehmen Sie sich zum Beispiel den Emmentaler Käse, der ja auch nicht immer aus Emmental ist.“ Im Gegensatz dazu darf Whisky mit dem Namen „Glen“ nur aus den Highlands kommen. 

Rubriklistenbild: © dpa

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