Kreiszeitung-Redakteur mimt Zeugen

Phantombilder beim LKA: Erinnerung und gezielte Nachfragen führen zum Ziel

Phantombildzeichner Peter Buchholz (vorne) hört genau zu, als Kreiszeitungs-Autor Jannick Ripking seinen Chef beschreibt.
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Phantombildzeichner Peter Buchholz (vorne) hört genau zu, als Kreiszeitungs-Autor Jannick Ripking seinen Chef beschreibt.

Wie arbeitet ein Phantombildzeichner? Und wie schwer ist es, jemanden als Zeuge zu beschreiben? Kreiszeitungs-Redakteur Jannick Ripking hat einen Selbstversuch gestartet und einem Polizeizeichner das Aussehen seines Chefs beschrieben. 

Hannover – Was ein Phantombild ist, ist kein Geheimnis. Wie es erstellt wird, wissen allerdings die wenigsten. In Niedersachsen gibt es genau zwei Personen, die solche Bilder für die Polizei anfertigen. Polizeizeichner ist deren genaue Berufsbezeichnung. Peter Buchholz ist einer von ihnen. Gemeinsam mit ihm habe ich mich an einen Selbstversuch gewagt. Ich wollte herausfinden, wie schwer es ist, eine Person nur aus dem Gedächtnis zu beschreiben. Am Ende stehen zwei Erkenntnisse und ein Gefühl.

Der Mensch, von dessen Gesicht ich ein Phantombild habe erstellen lassen, ist Kreiszeitungs-Chefredakteur Hans Willms, also mein Chef. Ich begegne ihm jeden Tag in der Redaktion, könnte ihn in einer Masse von Tausenden Menschen wiedererkennen – dachte ich. Kommen wir also zur ersten Erkenntnis: Es ist schwer, das Aussehen eines Menschen zu beschreiben – verdammt schwer. Denn als Peter Buchholz mit mir den ersten Schritt der Phantombildzeichnung, einen Fragebogen, durchgeht, merkte ich: Ich weiß doch gar nicht so genau, wie mein Chef eigentlich aussieht und vor allem wie ich das, was ich vor meinem inneren Auge sehe, so in Worte fasse, dass der Phantombildzeichner versteht, was und wie es gemeint ist.

Kreiszeitungs-Redakteur beschreibt das Aussehen seines Chefs

Es ärgert mich, dass es mir so schwer fällt, die Optik meines Chefs in Worte zu fassen. Wie soll es dann einem echten Zeugen gelingen, einen Täter zu beschreiben, den er vielleicht nur einmal in seinem Leben für wenige Minuten gesehen hat? Buchholz beschwichtigt und erklärt, dass es gar kein Vorteil sein muss, jemanden öfter gesehen zu haben, wenn wir die Person beschreiben sollen: „Bei manchen ist es so, dass sie jemanden so gut kennen, dass sie ihn gar nicht mehr richtig sehen.“ Besondere Gesichtsmerkmale fallen also immer weniger auf und gehen demnach einfach im großen Ganzen unter.

Peter Buchholz ist seit zehn Jahren Phantombildzeichner beim Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen in Hannover. Dass er sich um diesem Job bemüht hat, bereut er nicht. „Ich habe von klein auf gezeichnet“, erzählt er. Malerisches Talent sei die wichtigste Grundvoraussetzung, um beim LKA Polizeizeichner zu werden. Denn: „Das Zeichnen bringen wir hier niemandem bei.“ Der 56-Jährige ist Polizeihauptkommissar, hat also schon Erfahrung im Dienst gesammelt. Als Externer wäre er nicht an seinen Job gekommen. „Das ist in Niedersachsen eine Voraussetzung“, erklärt er. In anderen Ländern sei das durchaus anders. Er selbst sieht in seiner Erfahrung Vorteile für die Arbeit als Phantombildzeichner: „Man kann sich besser in Delikte und die Vorgänge hineinversetzen.“

Phantombildzeichner: Malerisches Talent ist Grundvorraussetzung

Zurück zum Phantombild meines Chefs: Peter Buchholz und ich gehen den Fragebogen durch. Wie ist die Kopfform? Hat die Person ein eher kantiges oder rundes Gesicht? Wie groß sind die Augen? Welche Form haben die Lippen? Ist die Nase eher groß oder klein? Brillenträger? Wie sieht die Frisur aus? Selten kann ich eine präzise Antwort liefern und noch seltener bin ich mir sicher, dass meine Beschreibung auch wirklich zu Hans Willms passt. Wieder beruhigt mich Buchholz: „Das wichtigste ist, finde ich, dass die Kopfform und die Frisur stimmen.“ Wenn das passe, sei ein großer Teil geschafft. „Durch diese Merkmale können wir schon gut eingrenzen“, sagt er. Das innere Gesicht – also Augen, Mund und Nase – sei dann nicht mehr so wichtig, um einen Täter identifizieren zu können.

Hans Willms und sein Phantom: Die Ähnlichkeit ist da, der Scheitel sitzt. Nur bei der Brille liegen Realität und Phantombild deutlich auseinander, was nicht an Peter Buchholz lag. Der Zeichner ist immer auf die Erinnerung des Zeugen angewiesen, die in diesem Fall eindeutig neben der Wahrheit lag.

Das Abarbeiten des Fragebogens stellt sich als eine Art Monolog von mir über das Aussehens von Hans Willms heraus – mit gelegentlichen Hilfestellungen des Zeichners. „Das ist immer ein Wechselspiel zwischen dem Zeugen und mir“, meint Buchholz. Im Grunde spricht der Befragte also selbstständig über das Gesicht des Täters. Nur dann, wenn der Polizeizeichner glaubt, noch nicht genug Informationen zu einem Detail bekommen zu haben, hakt er nach.

Ein Phantombild ist eine rein subjektive Erinnerung

Nach weniger als zehn Minuten sind wir durch mit den Fragen. „Jetzt habe ich ein Bild vor Augen“, sagt Buchholz. „Ich werde eine Vorskizze anfertigen.“ Die Spannung steigt. Wie nah kommt meine Beschreibung an den realen Hans Willms heran, den der Zeichner selbst noch nie gesehen hat? „Ein Phantombild ist eine rein subjektive Erinnerung“, erklärt Buchholz. Eine genaue Abbildung einer realen Person ist also kaum möglich. Es gehe viel mehr darum, in der Zeichnung auf besondere äußerliche Merkmale hinzuweisen. „Das ist das, was ein Phantombild kann: Ähnlichkeiten aufzeigen“, sagt der Polizeizeichner. „Es ist schon gut, wenn die Zeugen sagen. dass die Zeichnung zu 70 oder 75 Prozent passt.“

Handzeichnungen gegen Phantombild-Programme

Die Polizeizeichner des Landeskriminalamtes (LKA) Niedersachsen zeichnen ihre Phantombilder per Hand. Zwar nicht mehr wie früher auf Papier, aber immer noch mit einem Stift. Sie nutzen ein sogenanntes Grafiktablet, das sie am Computer anschließen. Mit einem speziellen Stift zeichnen sie auf dem Gerät. Am Monitor sehen sie ihre Zeichnung in Echtzeit. „Das ist aber nicht überall in Deutschland so“, verrät Peter Buchholz. Andere Ämter arbeiten mit Programmen, die vorgefertigte Modelle von Nasen, Mündern und Augen liefern. „Das hatten wir in Niedersachsen auch schon. Ich habe damit gearbeitet, aber wir sind wieder auf Handzeichnung zurückgegangen“, erzählt der Phantombildzeichner. Buchholz sieht in einer Handzeichnung drei Vorteile: „Wir sind damit schneller, wir sind flexibler und die Zeugen sehen direkt ein ganzes Gesicht.“ Bei einem Phantombild-Programm setzt sich das Gesicht nämlich erst stückweise zusammen.

Ohne eine gute Beschreibung ist der Phantombildzeichner aufgeschmissen. Das ist die zweite Erkenntnis. Peter Buchholz hat Hans Willms noch nie zuvor gesehen. Er muss sich ausschließlich auf meine Beschreibungen verlassen. „Es kommt auf die Person an, die den Täter beschreibt“, fasst Buchholz zusammen. Wenn die Erinnerungen eines Zeugen zu vage oder schwammig sind, dann funktioniert es nicht. „Wenn wir zum Beispiel merken, das ergibt keinen Sinn, dann brechen wir auch schon einmal ab“, erklärt er. Um so etwas zu vermeiden, hat er einen Tipp: „Jeder, der zum Opfer geworden ist, sollte sich so früh wie möglich Details zum Gesicht merken und aufschreiben.“ Denn es kann vorkommen, dass sich Erinnerungen vom Täter mit anderen Personen, die ihm ähnlich sehen, mit der Zeit vermischen. „Ein Kassierer im Einzelhandel sieht zum Beispiel täglich Tausende Gesichter. Irgendwann wird die Erinnerung vom Täter überschrieben.“

Buchholz‘ Talent als Polizeizeichner ist nicht von der Hand zu weisen. Das wird deutlich, als ich die Zeichnung zum ersten Mal zu sehen bekomme. Ich blicke in das Gesicht eines Mannes, der maximal entfernt Ähnlichkeit mit Hans Willms haben könnte. Irgendetwas passt da noch nicht. Die Haare sind zu kurz, die Brille fehlt, das Gesicht ist zu schmal und insgesamt fehlen die Konturen. „Schatten und Details kommen noch – im nächsten Schritt“, erklärt Polizeizeichner Buchholz.

Polizeizeichner-Alltag

Ein Polizeizeichner des Landeskriminalamtes (LKA) in Hannover ist in ganz Niedersachsen unterwegs. „Es ist so, dass wir von den Dienststellen für ein Phantombild angefordert werden“, erzählt Peter Buchholz. Die Zeugen kommen also nicht zu den Zeichnern, die Zeichner kommen zu den Zeugen. Und wenn diese aus beispielsweise Emden kommen, dann verbringen die niedersächsischen Polizeizeichner mehr als den halben Arbeitstag im Auto. „Das kann schon stressig sein, wenn viel Verkehr auf den Auto- und Bundesstraßen ist“, sagt Buchholz.

Zwischen 500 und 600 Einsätze pro Jahr verteilen sich auf die Schultern von zwei Phantombildzeichnern beim LKA. „Das sind bis zu 800 Zeichnungen für das Land Niedersachsen“, meint Buchholz. Diese Zahl ergibt sich, weil bei einigen Zeugen zwei Phantombilder erstellt werden – eins von vorne, eins von der Seite. „Pro Zeichnung planen wir etwa 90 Minuten ein“, schätzt der 56-Jährige. Dadurch und in Kombination mit den häufig weiten Wegen, schafft ein Polizeizeichner in der Regel maximal zwei Bilder am Tag. „Wir sind gut ausgelastet“, sagt Buchholz.

Dennoch gibt es auch mal Tage, an denen ein Polizeizeichner keine Einsätze hat. Wie sieht sein Arbeitsalltag dann aus? „Es wird gezeichnet“, sagt Peter Buchholz. „Man muss immer in der Übung bleiben.“ Dadurch wird der Phantombildzeichner sicherer und schneller. Buchholz bildet sich darüber hinaus selbstständig und autodidaktisch fort. „Trends ändern sich“, sagt er und nennt als Beispiel sogenannte Beanies. Das sind Mützen, die eng am Kopf anliegen und einer Pudelmütze ähneln, allerdings sind Beanies ohne Bommel. „Die gab es so in der jetzigen Form früher nicht“, meint er. Also übt er, die neuesten Trends zeichnerisch umzusetzen.

Der 56-Jährige nimmt meine Anmerkungen auf, stellt Nachfragen, ist offen für Kritik. Er erzählt, dass die meisten Zeugen ähnlich reagieren wie ich. Die allerwenigsten seien auf Anhieb zufrieden. Nach der gemeinsamen Besprechung und ersten groben Änderungen an der Zeichnung bittet Buchholz mich, nicht mehr auf das Phantombild zu schauen. Er will weitere Änderungen allein vornehmen. Aus einem bestimmten Grund: „Ich achte darauf, dass der Zeuge die Zeichnung nicht die ganze Zeit sehen kann.“ So verhindert er eine Reizüberflutung. „Irgendwann weiß der Zeuge nicht mehr, was er eigentlich vor seinem inneren Auge sieht – den Täter oder das Phantombild?“ Um also zu verhindern, dass sich beides im Kopf des Zeugen vermischt, zeigt Buchholz seine Zeichnung nur dosiert.

Emotionsausbrüche bei Zeugen können vorkommen

Je weiter die Zeichnung sich ihrem endgültigen Aussehen nähert, desto überzeugter bin ich davon, dass es sich tatsächlich um meinen Chef handeln könnte. Buchholz nimmt all meine Anregungen – mögen sie noch so klein sein – auf und verarbeitet sie mit einer atemberaubenden Souveränität. Dachte ich am Anfang noch, dass das Bild fast jeder männlichen Person zugeordnet werden könnte, verkleinert sich der Kreis der „Verdächtigen“ mit jedem Handgriff des Phantombildzeichners. Auch das sei üblich, meint er. Deutlich werde das bei Emotionsausbrüchen, die bei Zeugen durchaus vorkommen können, wenn das Phantombild dem Aussehen des Täters immer ähnlicher wird. „Es kann schon mal sein, dass Zeugen anfangen zu weinen – zum Beispiel Opfer von Sexualverbrechen“, sagt Buchholz. „Das passiert aber eher später im Verlauf der Befragung und nicht zu Anfang bei der ersten Vorskizze.“

An einem gewissen Punkt bekomme ich das Gefühl, dass ich das Phantombild meines Chefs nicht mehr verbessere, wenn ich jetzt noch etwas ändern lasse. Ein letzter prüfender Blick, Genugtuung macht sich breit. Ich bin überzeugt, dass zumindest diejenigen, die Hans Willms kennen, ihn in der Zeichnung wiedererkennen. Ich signalisiere Buchholz, dass wir zum Ende kommen können. Er entgegnet: „Wir sind zufrieden, wenn der Zeuge zufrieden ist.“

Zurück in der Redaktion fallen die Reaktionen der Kollegen durchaus positiv aus. „Man kann ihn eindeutig erkennen“, meint einer. „Ich weiß nicht, ob ich eine so gute Beschreibung hätte liefern können. Vermutlich nicht.“ Ich klopfe mir stolz auf die Schulter: Offensichtlich bin ich ein guter Zeuge für ein Phantombild – das ohne Peter Buchholz allerdings nie hätte entstehen können.

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