Drosten schlägt Alarm

Das Delta-Gespenst geht um: Deutschland vor vierter Corona-Welle?

Die Inzidenz ist rückläufig, die EM 2021 läuft: Gefühlt ist die Corona-Pandemie beendet. Doch dank der Delta-Variante schlägt Christian Drosten nun Alarm.

Hannover/Berlin – Die Stimmung im Land ist gerade richtig gut: Die Nationalmannschaft hat endlich ihren ersten Sieg bei der Europameisterschaft eingefahren, die Temperaturen knacken ein Jahreshoch nach dem anderen und die 7-Tage-Inzidenz purzelt bundesweit herunter auf gerade einmal 8,6. Lockerungen kommen derzeit in Bremen, Niedersachsen und Hamburg*. Gefühlt ist die Corona-Pandemie vorbei, da stört das Corona-Gespenst der Delta-Variante die sommerliche Euphorie. Die äußerst ansteckende Variante gewinnt auch hierzulande an Bedeutung, eine mögliche vierte Welle wird dadurch wahrscheinlicher. Ob sie tatsächlich kommt und wie schlimm sie wird, ist allerdings kaum vorherzusagen.

Virus:Coronavirus, COVID-19
Krankheitserreger:SARS-CoV-2
Vorkommen:weltweit
Bisher in Deutschland zugelassene Impfstoffe:Astrazeneca, Biontech/Pfizer, Moderna, Johnson & Johnson

Alarm schlägt vor allen Dingen Deutschlands oberster Virologe Christian Drosten. Der Chefvirologe der Berliner Charité warnte am Freitagabend auf dem Online-Kongress für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin vor einer Verbreitung der indischen Delta-Variante hierzulande. „Ich bin mittlerweile so weit, dass ich sage, wir sind hier jetzt im Rennen in Deutschland mit der Delta-Variante“, so Drosten. Man müsse dies nun wirklich ernst nehmen.

Deutschland vor der vierten Corona-Welle: Delta-Variante in drei bis vier Wochen dominierend

Ins gleiche Horn blies auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Söder mahnte an, dass die Delta-Variante in drei bis vier Wochen in Deutschland dominierend sein könnte. Ifo-Präsident Clemens Fuest warnte davor, dass die Variante „eine ernstzunehmende Gefahr für die deutsche Wirtschaft“ sein könnte.

Wie aus einer Analyse für die erste Juniwoche des Robert Koch Instituts (RKI) hervorgeht, soll sich der Anteil der Delta-Variante (offizielle Bezeichnung B.1.617.2) innerhalb von nur einer Woche von drei Prozent auf sechs Prozent verdoppelt haben. Derzeit geht das RKI davon aus, dass durch die neue Variante schwerere Krankheitsverläufe auftreten können. Sicher ist dies aber nicht.

Unterdessen entspannt sich die Lage in Sachen Corona in Deutschland weiter. Die Intensivstationen konnten am vergangenen Wochenende erstmals seit Oktober einen Stand von unter 1.000 Corona-Patienten vermelden und die bundesweite 7-Tage-Inzidenz sank am Montag weiter ab auf jetzt 8,6 (Vortag: 8,8). Keine Kommune in Deutschland meldet derzeit eine Inzidenz von mehr als 50.

Delta-Variante greift in Europa um sich: Portugal riegelt die Region um die Hauptstadt Lissabon vollständig ab

Dass die Sorge vor der Delta-Variante nicht unbegründet ist, lässt sich momentan aus den Zahlen aus Ländern wie Großbritannien oder Indien ablesen. Die portugiesische Regierung sah sich am Wochenende dazu genötigt, die Region rund um die Hauptstadt Lissabon aufgrund von explodierenden Zahlen abzuriegeln. Auch aus Moskau wurde ein Rekordhoch an Neuinfektionen vermeldet. Wie Bürgermeister Sergej Sobjanin bestätigte, sind dort fast 90 Prozent aller Corona-Fälle auf die Delta-Variante zurückzuführen.

Christian Drosten, Chef-Virologe der Berliner Charité, warnt vor der Delta-Variante und einer vierten Corona-Welle in Deutschland.

Laut Drosten sei die momentane Situation hierzulande durchaus mit der im Mai in England vergleichbar. Trotz hoher Impfquote ist die Delta-Variante auf den Inseln inzwischen der dominierende Virus-Typ. Zuletzt war die 7-Tage-Inzidenz von 20 auf 80 gestiegen. Ministerpräsident Boris Johnson (Tories) musste geplante Lockerungen um einen Monat nach hinten verschieben. Laut Virologe Drosten hätten sich vor allen Dingen junge Erwachsene infiziert. Er sieht eine Korrelation mit Impflücken im Vereinigten Königreich.

Deutschland vor der vierten Corona-Welle: Meldezahlen könnten ab Anfang Juli wieder in die Höhe schießen

„Wenn wir jetzt so rechnen würden, wie sich das in England entwickelt hat, also mit einer ungefähren Verdoppelung pro Woche, dann hätten wir dieses spekulative Szenario: Dann lägen wir in dieser Woche schon bei 20 Prozent“, sagte Drosten. Anfang Juli würde die Delta-Variante dann auch in Deutschland dominieren. „Und wir müssten damit rechnen, dass Anfang Juli in Deutschland auch die Meldezahlen wieder hochgehen.“

Dies sei aber noch reine Spekulation und eine Hypothese. Deutschland habe noch Chancen, wenn es die Inzidenz in den nächsten Wochen weiter senken könne.

Bisher sei laut Drosten aber keine erhöhte Re-Infektionsrate zu beobachten. Das bedeutet: Die, die entweder geimpft sind oder infiziert waren, sind gut geschützt*. Für die Zukunft sei auch ein Verlust des Zusammenhangs zwischen Fallzahl und Krankheitslast zu erwarten. Trotz Ansteckung würden die Infektionen dann milde oder gar nicht spürbar.

Deutschland vor der vierten Corona-Welle: Gesundheitsminister Spahn schließt Maßnahmen in Schulen ab Herbst nicht aus

Auch andere Virologen warnen. So sagte der Bonner Virologe Hendrik Streeck der „Fuldaer Zeitung“: „Wir versäumen es, aus der Pandemie maximal zu lernen und uns auf Herbst und Winter vorzubereiten. Es herrscht allgemein der Eindruck, das Virus verschwindet und dass wir die Pandemie überwunden haben, wenn die nächsten Monate ruhig laufen.“

In Schulen werden Corona-Maßnahmen deshalb nach Ansicht von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Herbst und Winter aufrechterhalten werden müssen. Er nannte am Samstag bei einer Online-Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing die Maskenpflicht und Wechselunterricht. „Da setzen sich Millionen Menschen in Bewegung, die sich sonst nicht in Bewegungen setzen würden und begegnen sich“, erklärte er. Das könne zu einer „Drehscheibe in die Haushalte hinein“ werden. * kreiszeitung.de und 24hamburg.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Fabrizio Bensch/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Bob- und Rodelbahn am Königssee schwer beschädigt

Bob- und Rodelbahn am Königssee schwer beschädigt

Meistgelesene Artikel

Inzidenz in Niedersachsen steigt weiter deutlich – Land will Corona-Stufenplan ändern

Inzidenz in Niedersachsen steigt weiter deutlich – Land will Corona-Stufenplan ändern

Inzidenz in Niedersachsen steigt weiter deutlich – Land will Corona-Stufenplan ändern
„Zweite Erde“ im Weltall entdeckt: Lebensfreundlicher Planet mit Sonnenstern

„Zweite Erde“ im Weltall entdeckt: Lebensfreundlicher Planet mit Sonnenstern

„Zweite Erde“ im Weltall entdeckt: Lebensfreundlicher Planet mit Sonnenstern
Nächstes Tief angekündigt – kräftiges Unwetter auch im Norden erwartet

Nächstes Tief angekündigt – kräftiges Unwetter auch im Norden erwartet

Nächstes Tief angekündigt – kräftiges Unwetter auch im Norden erwartet
Johnson & Johnson weniger wirksam gegen Delta-Variante als Biontech

Johnson & Johnson weniger wirksam gegen Delta-Variante als Biontech

Johnson & Johnson weniger wirksam gegen Delta-Variante als Biontech

Kommentare