Heidepflege durch Wildtiere

Naturschutz statt Panzer: Cuxhavener Küstenheiden

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Sogenannte "Heckrinder" weiden auf der Cuxhavener Küstenheide zwischen Holte-Spangen und Arensch. Die weite, offene Landschaft wurde bis 2003 als Truppenübungsplatz genutzt. Wisente, Wildpferde und Heckrinder verhindern jetzt als "Heidpfleger", dass aus der Heide Buschland wird.

Cuxhaven - Berit Böhme - Der Mond hüllt die Heide in silbriges Licht. Während die Wisente schlummern, starten die Fledermäuse zur lautlosen Jagd. Im Morgengrauen stärken sich die Regenbrachvögel mit Krähenbeeren, bevor sie in ihr Winterquartier weiterfliegen. Die Cuxhavener Küstenheiden sind ein Refugium für hunderte Tier- und Pflanzenarten.

Wo sich heute Ausflügler und Naturkundler tummeln, rollten bis 2003 noch Panzer und Truppenverbände. Die Küstenheiden bilden das größte zusammenhängende Heidegebiet an der deutschen Nordseeküste und sind einmalig in ihrer Zusammensetzung. Neben Besenheide und Glockenheide wachsen auf dem zum Nationalen Naturerbe zählenden Areal die sattgrünen Polster der Küstenkrähenheide. Krähenheide ist sonst nur in den Braundünen der Nordseeinseln zu finden. Hinzu kommen Moore, Tümpel, Magerrasen und Eichenwäldchen.

Seit 1892 diente die Heide als Manöverschauplatz, bis 2003 übten dort jährlich bis zu 90 000 Bundeswehr- und NATO-Soldaten für den Ernstfall. „Die militärische Nutzung hat die Heide erhalten“, sagt Hans-Joachim Ropers vom Cuxhavener Naturschutzbund (NABU). „Ich bin hier in den Sechzigerjahren mit dem Panzerbataillon rumgefahren und hab' Heidepflege betrieben“, erzählt er über seine Rekrutenzeit. Damals hatten Vögel wie der Ziegenmelker bereits eine Zuflucht gefunden. Nach der Schließung des Truppenübungsplatzes startete in den Küstenheiden ein von der Europäischen Union gefördertes Pilotprojekt: Statt der abgezogenen Panzer sollten auf dem seit 2004 als Naturschutzgebiet ausgewiesenen Areal große Pflanzenfresser die Heidepflege übernehmen: Wisente, Heckrinder und Konik-Pferde. Die Projektkosten lagen laut dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz bei rund 930 000 Euro. Seit 2009 führt das Land Niedersachsen das Beweidungsprojekt weiter, die jährlichen Kosten beziffert Bernhard Rauhut von der Cuxhavener Naturschutzbehörde mit rund 15 000 Euro.

Derzeit leben sieben Wisente in den Küstenheiden. Die größten Landsäugetiere Europa bewohnen ein 45 Hektar großes Gehege. „Sie sind mit den Bisons verwandt, bis zu einer Tonne schwer und bis zu zwei Metern hoch“, erklärt NABU-Experte Ropers. Ihr Gehege sei extra gesichert, da sie zwei Meter hoch springen und bis zu 50 Stundenkilometer schnell laufen könnten. Neben ihnen leben rund 80 Heckrinder und 40 Koniks auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz. Heckrinder sind mit ihrem Mehlmaul und ihrer blonden Mähne eine „Abbildzüchtung“ des ausgestorbenen Auerochsen. „Aber der Auerochse hatte gut 20 Zentimeter mehr“, so Ropers. Koniks dagegen sind Nachfahren des Tarpan-Wildpferdes. „Die Zusammensetzung ist optimal“, meint Rauhut von der Cuxhavener Naturschutzbehörde. Der Dung der Tiere bereichere den Speiseplan der Insekten, die wiederum von Vögeln oder Eidechsen gefressen werden. Die Großtiere allein aber bewahren die Heide nicht vor dem Zuwuchern. Hinzu kommen Schaf- und Ziegenherden und mechanische Pflege. Rauhut ist überzeugt: „Das ist die günstigste Methode und zugleich landschaftsverträglich.“ Botaniker zählten in den Küstenheiden außerdem mehr als 500 Pflanzenarten. Unter den 70 Brut-Vogelarten sind Neuntöter und Steinschmätzer. „Im Mai sind die Küstenheiden der beste Platz in Deutschland, um die Lachseeschwalben zu beobachten. 20 bis 25 Tiere jagen hier und balzen. Sie stehen ganz oben auf der Roten Liste.“ Ropers hofft, dass sie bald auch zum Brüten bleiben. Zu den Wintergästen zählen Raubwürger und Kornweihe. Manch Bewohner ist klein und unscheinbar - aber äußerst wertvoll. So wie der Urzeitkrebs Triops, die Zauneidechse oder die Heuschrecke namens Warzenbeißer. Für das gesamte Schutzgebiet wurde ein umfangreiches Wegekonzept für Wanderer, Radler und Reiter mitsamt Aussichtspunkten und Infotafeln erarbeitet. „Die Küstenheiden sind ein großer Magnet geworden“, sagt Rauhut. Den Panzern trauert niemand hinterher. An sie erinnert nur ein kleines Denkmal. dpa

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