Sportlerparadies in Hemmoor

Ein Schatz im Kreidesee: Unweit von Cuxhaven suchen Taucher aus aller Welt nach einem Hai

Die Kleinstadt Hemmoor ist in der ganzen Welt bei Tauchern bekannt. Erwarten würde es dort keiner, aber in ihrem Kreidesee ist es möglich, ein Flugzeug, Schiff oder einen Lkw zu finden.

  • Der Kreidesee nahe Cuxhaven ist einer der beliebtesten Tauchspots in Deutschland.
  • Jährlich kommen mehr als 30.000 Menschen aus der ganzen Welt nach Hemmoor.
  • Auf dem Gelände gibt es eine Tauchbasis, einen Campingplatz und mehrere Ferienhäuser.

Hemmoor - Unter Tauchern gilt der Kreidesee als legendär: Die Sicht unter Wasser liegt bei bis zu 40 Metern. Lange Zeit wurde in dem See bei Cuxhaven Kreide abgebaut, nun können Taucher dort einen Lkw oder einen Hai entdecken - auch wenn letzterer nur aus Plastik ist. Als Tauch- und Freizeitzentrum haben sich Stadt und See international einen Namen gemacht. Aber auch innerhalb Deutschlands gilt der Kreidesee als einer der beliebtesten Tauchspots.

Unter Wasser können Taucher nicht nur ein freischwebendes Flugzeug, sondern auch ein versenktes Segelboot entdecken.

Der Kreidesee hat bereits mehrere Auszeichnungen als „beste Tauchbasis Deutschland, Österreich und der Schweiz“ erhalten. Das Wasser ist besonders klar, sodass bei richtigem Wetter der Blick bis zu 40 Meter weit reicht, durchschnittlich aber bei 10 bis 20 Metern. Jährlich kommen mehr als 30.000 Menschen aus der ganzen Welt in die 8.700-Einwohner-Kleinstadt Hemmoor im Landkreis Cuxhaven, um zu tauchen.

Landkreis:Cuxhaven
Fläche:45,08 Quadratkilometer
Einwohner:8663 (31. Dez. 2019)
Bevölkerungsdichte:192 Einwohner je Quadratkilometer
Kfz-Kennzeichen:CUX

Ausgangspunkt für sämtliche Tauchgänge ist die Tauchbasis Kreidesee. Diese - vielmehr ihr Betreiber Holger Schmoldt - ist auch dafür verantwortlich, dass unter Wasser nicht nur Fische und Pflanzen zu entdecken sind. Schmoldt versenkt immer wieder neue Gegenstände, die von den Tauchern als Attraktion unter Wasser entdeckt werden können.  „Ein freischwebendes Flugzeug unter Wasser, das ist weltweit einmalig“, sagt der ehemalige Berufstaucher. Alleine dürfen Taucher aber nicht unter Wasser danach suchen. Die Tauchbasis bietet daher seit Kurzem eine „Buddy-Börse“ an. Taucher ohne Partner finden dort Gleichgesinnte, mit denen sie sich auf Entdeckungstour im Kreidesee in Hemmoor begeben können.

Kreidesee: Unter Wasser Geschichte entdecken

Der Kreidesee ist das Ergebnis von mehr als einem Jahrhundert Rohstoffabbau und Industrie. Im 19. Jahrhundert wurde im heutigen See begonnen, Kreide abzubauen. In einer Fabrik in unmittelbarer Umgebung wurde diese dann zu Zement weiterverarbeitet. Die Grube wurde mit der Zeit immer tiefer und die Förderung somit immer unwirtschaftlicher. Nachdem der Kreideabbau 1976 ein Ende gefunden hatte, füllte sich die Grube mit Wasser. Wenige Jahre danach wurde auch die Fabrik aufgegeben. Ursprünglich war der See 130 Meter tief, wurde jedoch mit Trümmern und Bauschutt der Fabrik gefüllt, nachdem diese abgerissen war. Heute ist der See mit "nur" noch 60 Metern der dritttiefste See in Norddeutschand.

Im See wurde bis 1976 Kreide für die Zementproduktion abgebaut.

Die Geschichte des Ortes Hemmoor wirkt aber noch heute in dem Gewässer: Nachdem Kreideabbau und Zementproduktion stillgelegt waren, wurde dem Grundwasser freier Lauf gelassen. Alle Pumpen waren abgeschaltet und trotzdem sollte es dauern, bis der Wasserpegel seinen heutigen Stand erreichte. Die Kreide sorgt jedoch dafür, dass das Wasser leicht basisch ist. Dies in Verbindung mit dem wenigen vorhandenen Plankton sorgt zum einen dafür, dass das Wasser türkis schimmert und zum anderen, dass Taucher eine weite Sicht haben. So lassen sich während eines Tauchgangs auch einige Überbleibsel aus der Tagebau-Zeit entdecken. Neben Lkw-Rampen und Fördererbändern findet sich auch ein Betongebäude mit Brücke und unterirdischen Gängen, ein sogenannter „Rüttler“.

Legendäre Fotomotive in Hemmoors Unterwasserwelt

Als Holger Schmoldt den See in den 1980er-Jahren entdeckte und gemeinsam mit anderen DLRG-Tauchern erkundete, war der Ort noch eine kahle und verlassene Industriestätte. Nach und nach baute Schmoldt den See zu dem Tauchspot aus, der er heute ist. Dabei versenkte er auch immer mehr Gegenstände, nach denen getaucht werden kann. Autos, Wohnwagen, Lkw, ein Segelboot, den Flieger, eine Piper 28 sowie ein sieben Meter langer Plastikhai. „Der See ist legendär“, sagt Barbara Brost. Sie leitet die Schule „Tauchteam Wasserfest Hannover“ und fährt regelmäßig nach Hemmoor. „Die Sichtweite ist super, das sind schon fast tropische Verhältnisse.“ Außerdem werde viel Unterhaltung unter Wasser geboten. „Wenn die Sonne durch das Wasser auf den Flieger fällt, ist das ein spektakuläres Fotomotiv“, schwärmt Brost. 

Ein unerwarteter Anblick unter Wasser: Taucher können im See einen versenkten LKW, der auf einer Straße zu stehen scheint, entdecken.

Als Holger Schmoldt zu Beginn den See mit seinen Kollegen kartierte, war der Einstieg in das Gewässer noch mühsam. Steile Böschungen machten den Abstieg schwierig. Heute gibt es flache Einstiege für Anfänger, aber auch Wege ins Wasser für geübte und erfahrene Taucher. Der gesamte Ort ist auf den Tauchbetrieb ausgerichtet und Schmoldt hat immer neue Ideen, was als Attraktion unter Wasser landen kann. Am Ufer lag daher eine riesige Röhre, die mittlerweile ebenfalls versenkt wurde. „Das ist die Spitze eines Fernsehturmes. An Land sieht sie unspektakulär aus, aber unter Wasser macht es Spaß durchzutauchen“, sagt der 54-Jährige über die neue Attraktion, den „Underwater Sky Walk“. Für die unterschiedlichen Erfahrungsgrade der tauchenden Besucher gibt es im Kreidesee in Hemmoor auch Tauchrouten, die die Basis zusammengestellt hat. Wer alle Routen getaucht ist, wird auch alle Attraktionen unter Wasser gesehen haben.

Ein beliebtes Ziel für Taucher aus aller Welt

Dirk Pedina sieht das ähnlich. Geplant war eigentlich eine Reise mit der Familie nach Kroatien. Das Coronavirus machte daraus allerdings einen Urlaub am Kreidesee. Dort war er zwar bereits mehrmals, aber die Sichtverhältnisse im Wasser seien fast gleichwertig, sagt er. Seine Frau und er waren bereits vor dem Frühstück tauchen und machen sich nun an den zweiten Tauchgang. Ziel: der Plastikhai. „Es hat was, wenn der vor einem plötzlich auftaucht“, sagt Pedina. Er setzt die Maske auf, nimmt den Atemregler in den Mund, hebt den rechten Fuß und springt.

Agnieszka Hrywniak (l.) und Anna Wisniowska aus Polen bereiten sich auf den Tauchgang im Kreidesee vor. 

Auch Anna Wisniowska und Agnieszka Hrywniak streifen sich ihre Tauchjackets mit Druckluftflaschen und Atemregler über. Die beiden 45-jährigen Frauen sind mehr als 600 Kilometer vom polnischen Ostseebad Ustka gereist. Sie wollen eine Woche lang im Kreidesee in Hemmoor tauchen. Mit ihrem Club „Alpha Team“ waren sie schon in Indonesien, in Norwegen, in Sansibar. Nun sind sie das erste Mal in Hemmoor, um zu tauchen. „Wir haben gehört, dass der Platz hier sehr gut ist“, sagt Anna Wisniowska auf Englisch. „Das Wasser ist klar und es gibt sehr interessante Sachen zu entdecken“, sagt die Sporttaucherin. Ihre Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Mit ihrer Tauchpartnerin springt sie von einem Holzsteg in den klaren, türkis schimmernden Kreidesee

Die Tauchbasis bietet zusätzlich die Möglichkeit an, mit einem U-Boot den See zu erkunden. Somit haben auch Nichttaucher die Chance auf eine Unterwasser-Tour. Das Kreidesee-Eurosub hat neben dem Piloten Platz für zwei Gäste, die im Trockenen sitzend die Geschichte des Ortes besichtigen oder auch andere Taucher beobachten können. Angeboten werden unterschiedliche Touren, bei denen zwei große Glaskuppeln und Bullaugen einen Blick in die Unterwasserwelt ermöglichen.

Auch ein Taucherparadies wie der Kreidesee birgt Gefahren

Der Kreidesee ist aber nicht nur als Taucherparadies bekannt. Auch durch die Nachrichten hat das Gewässer bei Hemmoor - zum Teil als „Todessee“ bezeichnet - an Bekanntheit gewonnen. Die Polizei hat in den vergangenen fünf Jahren vier durch Unfälle verstorbene Taucher verzeichnet. Fünf weitere wurden schwer oder lebensgefährlich verletzt. Tauchlehrerin Barbara Brost findet, dass bei der Menge an Tauchern, die jedes Jahr den See besuchen, die Zahlen nicht hoch seien.

Aus Sicherheitsgründen darf niemand alleine in den Kreidesee abtauchen.

Dabei ist die Ursache für die Unfälle nicht der See selbst. „In den meisten Fällen handelte es sich um personenbezogene Ursachen, sprich eventuelle Vorerkrankungen, Selbstüberschätzung oder individuelle Tauchfehler“, betont ein Polizeisprecher. „Die Leute trauen sich zu viel zu“, sagt auch Holger Schmoldt. Einige würden verschiedene Ärzte aufsuchen, bis einer ihnen ein Tauglichkeits-Attest ausstellt. In Zusammenhang mit dem aktuellsten Todesfall im September 2019 vermutet die Polizei, dass der 39-jährige Taucher die Druckluftflaschen verwechselte und die Sauerstoffsättigung nicht hoch genug war.

Die Unfälle und daraus resultierende Berichterstattung haben natürlich Auswirkungen auf die Hemmoorer Tauchbasis Kreidesee. „Die Todesfälle haben dazu geführt, dass wir einen schlechten Ruf bekommen haben“, erklärt Schmoldt. „Dabei haben wir eine Unfallrate von 0,01 Prozent.“ Eine Zahl, die unter dem liege, was beim Tauchen üblich sei. „Unsere Rettungskette funktioniert tadellos. Hier weiß jeder, was er machen muss, wenn ein Unfall passiert. Und trotzdem kann man tödliche Tauchunfälle nicht verhindern“, sagt Schmoldt. Aus Sicherheitsgründen dürfe daher auch niemand alleine in den See steigen.

Rubriklistenbild: © Julian Mühlenhaus / picture alliance / dpa

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