Pflegepersonal ist Mangelware

Stopp von verschiebbaren Eingriffen in Kliniken - Warnung vor Corona-Kollaps

Immer mehr Deutsche liegen wegen einer Corona-Infektion auf der Intensivstation. Zwar gibt es noch freie Kapazitäten und auch im Europavergleich steht Deutschland gut dar, doch ein Wert bereitet große Sorgen.

  • Wegen Corona müssen Kranke möglicherweise bald vermehrt auf andere Klinikbehandlungen warten.
  • Corona-Patienten auf Intensivstationen hat in Deutschland den Höchstwert vom Frühjahr übertroffen.
  • Es gibt in Deutschland genügend Intensivbetten.

Update vom 17. November: Aufgrund der Corona-Pandemie müssen Kranke möglicherweise bald vermehrt auf andere Klinikbehandlungen warten. Zentrale Verbände von Klinikärzten fordern die Bundesländer mit vielen Corona-Fällen zu einem Stopp verschiebbarer Eingriffe auf. Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, sagte am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur (dpa): „Die Kliniken fahren schon je nach regionaler Situation die Regelversorgung schrittweise zurück.“

Intensivbetten Niedersachsen gesamt 2304 (alles Stand 26. Nov., 8 Uhr)
Intensivbetten Niedersachsen belegt1749
Coronafälle in Behandlung193
Coronafälle mit Beatmung106

Die Ärzteorganisation Marburger Bund, DIVI und andere Fachgesellschaften werfen Krankenhäusern vor, ihre Kapazitäten aus Umsatzgründen nicht auf Covid-19-Patienten zu konzentrierten. „Die Krankenhäuser in stark belasteten Regionen müssen unverzüglich von der Politik aufgefordert werden, plan- und verschiebbare stationäre Eingriffe je nach Belastungssituation zu reduzieren beziehungsweise einzustellen“, fordern die Ärzte. Gleichzeitig warnen sie vor einem Kollaps in den Klinken: „Ohne diese zusätzliche Unterstützung ist die Belastungsgrenze insbesondere auf vielen Intensivstationen schon bald überschritten.“

Auf den Intensivstationen gab es laut DIVI am Samstag 3.325 gemeldete Corona-Fälle. Etwas mehr als 6.550 von 21.600 Intensivbetten waren demnach noch frei. Es gibt Kapazitäten für rund 4900 Patienten mit hohem Versorgungsaufwand, im Mai waren es 9200. (dpa)

Lage des Bedarfs an Intensivbetten noch schlimmer als im Frühjahr

Meldung vom 09. November: Die Zahl der Corona-Patienten auf Intensivstationen hat in Deutschland den Höchstwert vom Frühjahr übertroffen. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) meldete am Dienstag (10. November), dass 3061 Corona-Patienten intensivmedizinisch behandelt werden. Davon werden 1713 (56 Prozent) invasiv beatmet. Der bisherige Höchststand war laut DIVI am 18. April mit 2933 Corona-Patienten auf Intensivstationen erreicht worden.

Tatsächlich sei die Lage in den Kliniken derzeit sogar schlimmer als im Frühjahr, meinte Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Es gebe wesentlich mehr infizierte Patienten auf den anderen Stationen - von denen ein Teil noch auf den Intensivstationen landen werde. Die gesamte Infektionslage sei nicht mit der im April vergleichbar.

Coronavirus-Spitzenwert: Folgen erst im Dezember sichtbar

Anders als bei der Spitze am 18. April werde diesmal kein Abflauen folgen, der Anstieg werde sich vielmehr vorerst fortsetzen, sagte Uwe Janssens. Der Grund sei, dass sich die jeweilige Zahl an Neuinfektionen erst verzögert in schweren Verläufen und schließlich in der Belegung der Intensivstationen niederschlägt. „In vier Wochen werden wir die Folgen der Spitzenwerte jetzt sehen.“ Einige Zentren seien bereits am Anschlag, es müssten vereinzelt bereits Corona-Patienten in andere Kliniken gebracht werden.

Hinzu kommt, dass der Anteil älterer Infizierter nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) seit Ende September wieder steigt. Sie haben ein höheres Risiko, schwer zu erkranken - und damit auch dafür, zu Corona-Patienten auf der Intensivstation zu werden.

Intensivbetten stehen in den Krankenhäusern zur Verfügung. Nur das Personal ist Mangelware.

Die aktuellen Belegungszahlen sind auf der Homepage intensivregister.de tagesaktuell einzusehen. 2464 Intensivbetten gibt es in Niedersachsen. Davon sind 1679 belegt (Stand 10. November, 14 Uhr). Des Weiteren können innerhalb von sieben Tagen 976 Betten aufgestellt werden. Das ist die Notfallreserve.

In Berlin dürfen viele große Krankenhäuser bereits nur noch solche planbaren Aufnahmen, Operationen und Eingriffe durchführen, die medizinisch dringlich sind. Das geht aus einer Verordnung der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung hervor, die zum Samstag in Kraft trat. Die Kliniken erhalten Freihaltepauschalen - damit Intensivbetten und Klinikpersonal für Corona-Patienten frei gehalten werden können.

Uwe Janssens hält eine solche Regelung bundesweit für nötig, vor allem für die Kliniken, die stark in die Behandlung schwerkranker Corona-Patienten eingebunden sind. Im Frühjahr waren alle Kliniken aus dem Regelbetrieb genommen worden.

Nach SWR-Angaben gibt es in Deutschland genügend Intensivbetten. Europaweit stehen hier die meisten zur Verfügung: 29 Betten pro 100.000 Einwohner. Der europäische Durchschnitt liegt bei rund zwölf Intensivbetten. Portugal bildet das Schlusslicht – mit nur vier Intensivbetten pro 100.000 Einwohnern. Die Kliniken geben laut DIVI zudem an, im Notfall innerhalb von sieben Tagen gut 12.000 weitere Intensivbetten in Betrieb nehmen zu können.

Laut aktuellem DIVI-Tagesreport haben die Kliniken in Deutschland knapp 8.400 freie Intensivbetten gemeldet (Stand 9.11., 12.15 Uhr), bei denen sowohl ausreichend Technik als auch Personal zur Verfügung steht. Allerdings warnte DIVI-Präsident Uwe Janssens vor einigen Tagen, dass mitunter auch Betten als frei gemeldet würden, für die gar kein Pflegepersonal verfügbar sei.

Laut einer Erhebung des Deutschen Krankenhausinstituts von 2019 fehlen in Allgemeinkrankenhäusern ab 100 Betten allein in der Intensivpflege bundesweit rund 4.700 Vollzeitkräfte. Erschwerend hinzu kommt, dass die Intensivstationen im Winter generell voller sind als in den Sommermonaten. Des Weiteren kommt das Risiko hinzu, dass sich Pflegekräfte selbst infizieren und nicht mehr weiterarbeiten können. dpa/awt

Rubriklistenbild: © dpa

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