Weniger Heuler in der Seehundstation Nationalpark-Haus in Nordenham

Trotz Pandemie: Urlauber stören vermehrt Seehunde in der Nordsee

Selbst die Seehunde in der Nordsee haben wohl die Folgen der Corona-Pandemie zu spüren bekommen: Als viele Urlauber im Sommer an die Küste strömten, wurden Mütter und Jungtiere vermehrt gestört.

  • Erste Corona-Lockerungen sind mit Beginn der Geburten- und Aufzuchtphase der Seehunde zusammengefallen.
  • Trotz Pandemie habe es nicht weniger Störungen der Tiere gegeben.
  • Seehundstation leidet durch wegfallende Besucher wirtschaftlich unter den Folgen der Corona-Pandemie.

Nordenham - Am 16. Mai dieses Jahres ging ein Anruf bei der Seehundstation in Nordenham ein. Ein kleiner Seehund wurde allein am Strand der Nordseeinsel Juist gefunden. „Wilma“ ist der erster mutterlos aufgefundene Heuler des Jahres, heißt es auf der Homepage der In der Norddeicher Seehundstation. Jedes Jahr werden zwischen 80 und 150 der verwaisten Tiere aufgezogen und letztlich zurück in die Nordsee gebracht. Die Seehundstation Nationalpark-Haus ist zuständig für das gesamte Niedersächsische Wattenmeer.

Bundesland:Niedersachsen
Landkreis:Wesermarsch
Einwohner:26.139 (31. Dezember 2019)
Bürgermeister:Carsten Seyfarth

In dieser Saison seien es jedoch etwas weniger Heuler, als im vergangenen Jahr gewesen. 131 Tiere seien zwischen Mitte Mai und Ende Juli in die Station gebracht, von Tierpflegern aufgepäppelt und später wieder ausgewildert worden, wie der Leiter der Seehundstation, Peter Lienau, der Deutschen Presse-Agentur (dpa) sagte. Im Vorjahr hatte die Station im Kreis Aurich im ähnlichen Zeitraum 160 junge Seehunde versorgt. Woran der Rückgang liege, sei schwer abzuschätzen, sagte der Geschäftsführer.

Mehr Meldungen, aber weniger Seehunde in der Station

Klar sei, dass es nicht weniger Störungen der Tiere gegeben habe. „Die gab es auch dieses Jahr exorbitant viel“, sagte Lienau und führt das auf die hohe Zahl an Fundmeldungen an die Station zurück. Demnach habe es 2020 mehr Meldungen gegeben - zeitgleich seien aber weniger Seehunde eingeliefert worden. Nicht jeder Seehund, der am Strand liegt, ist auf Hilfe angewiesen. Es sei nicht außergewöhnlich, eines der Tiere am Strand zu treffen.

„Sie befinden sich in seinem Schlafzimmer“, heißt es auf der Homepage der Seehundstation. Dort kann man sich informieren, wie man sich verhalten sollte, wenn man eines der Tiere entdeckt. Die Tiere werden im Juni geboren, normalerweise würden sie nur zu dieser Zeit die Hilfe der Station benötigen und auch nur in den Fällen, wenn sie dauerhaft von ihrer Mutter getrennt wurden. Jeder Fund müsse individuell geprüft werden.

Ein junger Seehund unter einer Wärmelampe in der Norddeicher Seehundstation.

Grundsätzlich gilt es, Abstand zu den Tieren zu halten, sie nicht anzufassen und den Fundort zu verlassen. Zwischen September und Mai seien es zu 99 Prozent bereits selbstständige Tiere, die nicht mehr dauerhaft bewacht werden, eine Meldung ist dann nur notwendig, sollte das Tier offensichtliche Verletzungen haben, wie die Experten über die Website der Station mitteilen. Zwischen Juni und August würden die Meldungen über den Fund eines Jungtieres daraufhin überprüft, ob es sich bei dem Tier um einen Heuler handelt.

Für die Vogelstation, in der kranke oder verletzte Wildvögel versorgt werden, wurden 30 Prozent mehr Meldungen festgestellt. Insgesamt seien bis Mitte Dezember fast 900 Vögel eingeliefert worden - im Vorjahr waren es rund 800. Auch hier gilt, dass nicht jeder Vogel wirklich Hilfe benötigt, der hilflos erscheint. Mit einem Anruf in der Station lässt sich darüber Klarheit verschaffen.

Seehunde: Heuler sind sie erst, wenn sie dauerhaft von ihrer Mutter getrennt werden

Ein Grund für die gestiegenen Meldezahlen sieht Lienau darin, dass die ersten Corona-Lockerungen mit dem Beginn der Geburten- und Aufzuchtphase der Seehunde im Mai zusammenfielen. Im Juni werden die meisten Seehunde geboren. In dieser Zeit seien auch viele Urlauber an die Küste gekommen. „Es waren einfach mehr Menschen draußen unterwegs“, sagte der Experte, so dass es zu Störungen kam.

Johanna Rämermann, Tierpflegerin in Ausbildung, füttert die jungen Seehunde der Norddeicher Seehundstation.

Wenn die Muttertiere im Wasser nach Nahrung suchen, werden die Jungtiere kurzzeitig am Strand abgelegt. Als Heuler gelten sie erst, wenn sie dauerhaft von der Mutter getrennt werden. Das passiert auch bei Stürmen und Sommergewittern - oder durch Störungen von Hunden und Spaziergängern. Werden sie von ihrer Mutter getrennt, heulen die Seehundwelpen. Oft finden die beiden so wieder zusammen. Sind die Störungen zu massiv, ist das aber nicht der Fall. Mutterlose oder verletzte Seehunde und vereinzelt auch Kegelrobben werden in der Station versorgt.

Ein junger Seehund schwimmt in einem Becken der Norddeicher Seehundstation.

Die Corona-Pandemie setzte die Station wirtschaftlich unter Druck: Aufgrund der scharfen Corona-Regeln brachen zeitweise die Einnahmen aus Eintrittsgeldern weg. Dabei finanziere sich die Arbeit der Station zu 97 Prozent aus dem Eintritt der Besucher und Spenden, sagte Lienau. Die Vorsaison mit den Osterferien sei entfallen.

Später durften mit einem Hygienekonzept bis zu 800 Besucher am Tag die Station besuchen. „Aber den großen Anlauf der Touristen im Sommer konnten wir nicht bewältigen“, sagte Lienau. Warteschlangen waren die Folge. Sonst seien im Sommer bis zu 2000 Besucher im Schnitt täglich in die Station gekommen. Unterm Strich wurden mit 150.000 Besuchern 2020 nur etwas mehr als die Hälfte der Besucher im Vorjahr registriert - da waren es 270.000.

Seehundstation: Spenden sind wichtiger Puffer

„Die Angst war sehr groß in der Phase, wo wir eine Saison planten und nicht wussten, wie es weitergeht“, sagte Lienau. Denn als Besucher ausblieben, liefen die Kosten für die Tierpflege weiter. Größere geplante Investitionen wie etwa eine Sanierung der Klimaanlagen blieben auf der Strecke. Das Land Niedersachsen unterstützte die Station mit 375.000 Euro. Zudem habe es eine große Spendenbereitschaft gegeben. „Die Spenden sind ein wichtiger Puffer, der uns auch über den Winter am Leben hält“, sagte Lienau. Dafür seien Trägerverein, Vorstand und die etwa 50 Mitarbeiter sehr dankbar.

Junge Seehunde schwimmen in einem Becken der Norddeicher Seehundstation, auch sie haben die Folgen der Corona-Pandemie zu spüren bekommen.

Mit Beginn der erneut verschärften Corona-Regeln Anfang November wurde die Station für Besucher wieder geschlossen. Für das kommende Jahr setzt das Nationalpark-Haus auf ein Online-Buchungssystem, so sollen Besucherströme besser gelenkt werden. (Mit Material der dpa).

Rubriklistenbild: © Sina Schuldt / picture alliance / dpa

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