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Corona in Niedersachsen: Von Fällen, Wellen und Appellen

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Von: Yannick Hanke

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Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) schaut grimmig zur Seite. Neben ihm ist ein Schild platziert, das auf Zutritt nur mit FFP2-Maske hinweist. Im Hintergrund weht die Landesflagge Niedersachsens.
Zwei Jahre Pandemie liegen hinter Niedersachsen und Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Doch wie wurde die Corona-Krise im nördlichen Bundesland bis dato bewältigt? (kreiszeitung.de-Montage) © Reiner Zensen/imago/Robert Schmiegelt/imago/Arne Dedert/dpa

Das Coronavirus beschäftigt Bremen, vor allem aber auch Niedersachsen seit zwei Jahren. Wie haben sich die Bundesländer geschlagen? Rückschau mit Stephan Weil.

Bremen/Hannover – Ein Jubiläum, das sich keiner gewünscht hat: die Corona-Pandemie ist seit nunmehr zwei Jahren täglicher Begleiter aller Menschen. Corona-Regeln tangieren Arbeit, aber auch Freizeit. Soziale Kontakte mussten immer wieder auf ein Minimum reduziert werden, Planungssicherheit war und ist nur selten gegeben. Allein Bremen und Niedersachsen sahen sich in zwei Jahren mit mehr als einer Million Corona-Fällen konfrontiert.

kreiszeitung.de wagt die Retrospektive und lässt vor allem Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) oft zu Wort kommen.

Corona in Niedersachsen: Zwei Jahre Pandemie liegen zurück – Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) zeigte sich früh als Mahner

Am 1. März 2020 wurde der erste offizielle Corona-Fall in Niedersachsen bestätigt. Welches Ausmaß die Pandemie annehmen und dass die Corona-Krise bis heute andauern sollte, war damals noch in keiner Weise abzusehen. Und doch gab Stephan Weil bereits zu diesem frühen Zeitpunkt den Mahner: „Wir sollten alle vernünftig und besonnen mit der Situation umgehen“.

Über Besonnenheit und rationales Verhalten der Bundesbürger in den zurückliegenden zwei Jahren und damit seit Ausbruch der Corona-Pandemie lässt sich streiten. Die Mehrheit hält sich an die Corona-Regeln, doch „schwarze Schafe“ scheren immer wieder aus der Herde aus, demonstrieren gegen die Maßnahmen der Politik und zeigen: wir handeln ohne Abstand und Anstand.

Volle Intensivstationen durch Corona – Hotelgewerbe sah sich Berufsverbot ausgesetzt

Und das, obwohl Menschen auf den Intensivstationen nach einer Corona-Infektion um ihr Leben ringen. Eine Situation, die Pfleger Lenard Bornemann in den verschiedenen Corona-Wellen immer wieder miterlebt hat. Der 24-Jährige arbeitet in der Universitätsmedizin Göttingen. Am schlimmsten seien für ihn die Fälle von schwer kranken Corona-Patienten gewesen, die er nicht habe retten können.

Das hat auf Dauer auch privat was mit einem gemacht.

Pfleger Lenard Bornemann spricht mit der dpa über die verstorbenen Corona-Patienten auf der Intensivstation

Abseits des gesundheitlichen Aspekts treiben viele Branchen und Privatpersonen natürlich auch Existenzängste um. So auch in Niedersachsen. Ein Beispiel hierfür stellt der Hotelbetreiber Olaf Stamsen dar. Er betreibt drei Hotels in Wilhelmshaven und sah sich zeitweise, wie auch seine ganze Zunft, einem Berufsverbot ausgesetzt. „Wann kann ich endlich wieder normal meinen Job machen?“, sei laut dpa die Frage, die ihn ständig beschäftige.

Corona-Zahlen in Niedersachsen: Fast eine Million Infektion seit Pandemie-Ausbruch – 112.000 Fälle in Bremen

Eine Sorge, die sich schon Mitte März 2022 formulieren ließ. Schließlich sprach Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil damals davon, dass wir „in Deutschland über einen längeren Zeitraum hinweg mit diesem Virus zu tun haben“ werden. Damit sollte der Sozialdemokrat leider Gottes recht behalten.

Allein für Niedersachsen hat das Robert Koch-Institut (RKI) seit Pandemie-Beginn etwa eine Million Corona-Infektionen registriert. Rund 7400 Menschen starben an oder mit Corona. Im Nachbarbundesland Bremen kam es wiederum „nur“ zu 112.000 Ansteckungen. Im Zwei-Städte-Staat wurden bis dato mehr als 670 Todesfälle im Kontext von Corona offiziell bestätigt.

Erst kam Corona, dann Varianten wie Delta oder Omikron – Pandemie-Ende noch nicht in Sicht

Zahlen, die surreal wirken, aber die Realität widerspiegeln. Zahlen, die aber nicht zuletzt Menschen in Bremen und Niedersachsen deutlich aufzeigen sollten, wie ernst die Lage immer wieder war und sie nach wie vor auch ist. „Wenn zu viele von uns unvernünftig sind, riskieren wir die Gesundheit von vielen anderen Menschen und auch Einschränkungen unserer persönlichen Freiheit“, hatte Stephan Weil erst Anfang Oktober 2020 verlauten lassen.

Da war von Mutanten und Varianten wie Delta oder Omikron noch keine Rede. Seitdem aber hat das Coronavirus eben jene verschiedene Wandlungen durchlaufen. Sprichwörtlich, aber auch im wahrsten Sinne des Wortes. Im März 2020 hatte Stephan Weil gesagt, dass das Coronavirus Deutschland „ein bis zwei Jahre“ begleiten würde. Diese zwei Jahre sind nahezu verstrichen, ein definitives Ende ist noch nicht in Sicht.

Niedersachsen wird in Pandemie-Zeiten nie zum Corona-Hotspot – Ausnahmen bestätigen die Regel

Und allein deswegen ist es notwendig, eine Bilanz der Corona-Politik zu ziehen. Niedersachsen deckt dabei im Grunde alle Facetten ab. Was wurde getan, was wurde versprochen, eventuell sogar wieder gebrochen?

Zug um Zug, Stück für Stück, Schritt für Schritt werden wir im nächsten Jahr das Virus zurückdrängen und unser altes Leben zurückgewinnen können – dafür gibt es sichere Hinweise.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) am 30. November 2020 in einer Ansprache zum Umgang mit der Coronavirus-Krise

Und was ist seit dieser Ankündigung in Niedersachsen tatsächlich passiert? Generell galt das Bundesland, abgesehen von einzelnen Ausreißern wie Ausbrüchen in Schlachthöfen, in einem Wohnkomplex in Göttingen oder nach einem Restaurantbesuch in Ostfriesland, nie als Corona-Hotspot. Oftmals lagen die Infektionszahlen in Relation zum Rest Deutschlands unter dem Durchschnitt. Das niedersächsische „Team Vorsicht“, zu dem sich Stephan Weil selbst auch zählt, hat so gesehen vieles richtig gemacht.

Kritik an Niedersachsens Corona-Impfkampagne –holpriger Start und alles andere als ein „Marathon“

Und doch lässt sich auch kritisch auf Niedersachsens Umgang mit der Corona-Krise blicken. Erwähnt seien nur die Anlaufschwierigkeiten bei der Impfkampagne. Denn in den ersten Monaten hinkte Niedersachsen im Rennen um die schnellsten Impfungen gegen Corona deutlich hinterher. Weil Aussage von Ende 2020 wird dadurch natürlich unterlaufen. „Wir haben es nicht mit einem Sprint zu tun, sondern mit einem Marathon“, hatte Niedersachsens Landesvater damals gesagt.

Zu allem Überfluss wollte die niedersächsische Landesregierung ältere Menschen über die Wichtigkeit der Corona-Impfungen informieren und verschickte dafür zahlreiche Briefe. Doch gingen diese Informationsschreiben auch an Menschen, die zum Teil seit Jahrzehnten nicht mehr lebten.

Impfquote in Niedersachsen mehr als beachtlich – Boosterimpfungen werden im Norden vorangetrieben

Mittlerweile kann Niedersachsen aber auf das bis hierhin Erreichte stolz sein. Denn etwa 78 Prozent des rund acht Millionen einwohnerstarken Bundeslandes sind zumindest einmal geimpft worden. Mehr als 61 Prozent haben zudem schon ihre Boosterimpfung erhalten. Damit weist Niedersachsen Impfquoten auf, die nur wenige andere Bundesländer übertreffen können.

Auch wirtschaftlich gesehen ist Niedersachsen bis dato zumindest glimpflich durch die Corona-Krise gekommen. Wie die dpa berichtet, mussten Bund und Land mehr als 250.000 niedersächsischen Unternehmen mit einer Summe von 6,5 Milliarden Euro finanziell unter die Arme greifen.

Corona-Zitate von Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) seit Pandemie-Beginn 2020

Und wie wird der politische Stil der niedersächsischen Landesregierung aufgenommen? Die Opposition in Niedersachsen äußert natürlich Kritik an Stephan Weil und anderen Entscheidungsträgern. Die ständig wechselnden Corona-Verordnungen für Niedersachsen, an denen sich das Parlament nur gering beteiligen durfte, stoßen vor allem der FDP-Fraktion negativ auf.

Ebenfalls werden Kommunikation und Transparenz beanstandet. Der große Kritikpunkt an Niedersachsens Politik: Welche Corona-Regeln gelten wann und wo für welche Personengruppen? Offen kommuniziert wurde hingegen das Auslaufen der schon im Dezember 2021 verhängten Winterruhe für Niedersachsen, aus der „Schritt für Schritt in ein Frühlingserwachen“ übergegangen wird.

Bremens Weg durch Corona-Krise findet viel Beachtung – bundesweit höchste Impfquote von fast 90 Prozent

Doch auch Niedersachsens Nachbarbundesland Bremen soll an dieser Stelle nicht gänzlich unerwähnt bleiben. „Impfen, bis die Nadel glüht“, lautet unverändert das Motto von Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD). Der Zwei-Städte-Staat kann sich mit der bundesweit höchsten Impfquote rühmen. Der entsprechende Wert weist fast 90 Prozent auf.

Hierzu werden auch Impfungen von Nicht-Bremern und somit von Menschen, die in Bremerhaven leben, mitgezählt. Schmälert jedoch nicht das Bremer Konzept, für das die Politik bereits viel Lob einheimste. Ob niedrigschwellige Impfangebote, Impftrucks, Aufklärung in mehreren Sprachen oder Kooperationen mit Unternehmen beim Aufbau von großen Impfzentren – der Bremer Weg durch die Corona-Krise wird vielerorts als nachhaltig und vorbildlich bewertet.

Stephan Weil und Andreas Bovenschulte mahnen zur Corona-Vorsicht: „Team Vorsicht“ will auf keine „Fata Morgana“ hereinfallen

Und doch sind sich Stephan Weil und Andreas Bovenschulte, die beide die militärische Intervention Russlands in der Ukraine kritisieren, einig: noch ist die Gefahr namens Coronavirus nicht gebannt. Noch gilt es, aufmerksam zu bleiben und nicht das Einzureißen, was mühsam aufgebaut wurde. Nicht nur im materiellen Sinne.

Schon oft meinten wir am Horizont das Ende der Pandemie zu sehen, und regelmäßig hat sich dies dann als Fata Morgana erwiesen.

Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) warnt in einer Regierungserklärung vor einem zu lockeren Umgang mit der Coronavirus-Krise

Ähnlich sieht es Stephan Weil. Ob in Talkshows, auf Pressekonferenzen oder im Rahmen von Regierungserklärungen – Niedersachsens Ministerpräsident wusste stets den Einsatz und die „Opfer“ der Bevölkerung im positiven Sinne zu erwähnen. Dementsprechend, und auch mit Rückblick auf knapp zwei Jahre Pandemie, ließ Weil kurz vor Weihnachten 2021 verlauten: „Wir spielen noch im Team Vorsicht, aber nicht im Team Panik“.

Überlegtes Handeln also, statt blinder Aktionismus in Niedersachsen. (Stand der Daten: 25. Februar 2022; mit Material der dpa) * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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