Synthetischer Kraftstoff

CO₂-neutrales Kerosin aus Niedersachsen: „Wirklich einzigartig in der Welt“

Blick auf eine Anlage zur Produktion von CO₂-neutralem Kerosin.
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Die Anlage im Emsland produziert den Kraftstoff für Flugzeuge synthetisch aus Wasser, erneuerbarem Strom von Windrädern, Abfall-CO₂ aus Lebensmittelresten einer Biogasanlage sowie CO₂ aus der Umgebungsluft.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze eröffnete am Montag eine Anlage, die CO2-neutrales Kerosin herstellen und den Luftverkehr klimafreundlicher machen soll.

Werlte – Eine klimaneutrale Herstellung von Treibstoff für Flugzeuge soll mit der am Montag eingeweihten Anlage im emsländischen Werlte möglich sein. Nach Angaben der Betreiber, der Atmosfair gGmbH, handelt es sich um die weltweit erste Anlage dieser Art. Zum ersten Mal sei es möglich, im industriellen Maßstab synthetisches Kerosin herzustellen. Bei der Einweihung in Werlte sprachen unter anderem Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) – und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schickte eine Videobotschaft.

Name:Atmosfair
Rechtsform:Gemeinnützige GmbH
Gründung:2005
Sitz:Bonn
Schwerpunkt:Luftfahrt
Aktionsraum:Klimaschutz

Der Regelbetrieb soll im kommenden Jahr erreicht sein und bei einer Produktionskapazität von einer Tonne oder acht Fässern Rohkerosin pro Tag liegen. Die neue Anlage produziert Kraftstoff für Flugzeuge synthetisch aus Wasser, erneuerbarem Strom von Windrädern aus dem Umland, Abfall-CO2 aus Lebensmittelresten einer Biogasanlage sowie CO2 aus der Umgebungsluft. Erster Kunde ist die Lufthansa, beliefert wird der Flughafen Hamburg.

Atmosfair finanziert E-Kerosin-Anlage ohne öffentliche Förderung

Klimaforscher Mojib Latif eröffnete am Montag die Einweihungs-Veranstaltung in Werlte: „Wir weihen eine Anlage ein, die wirklich einzigartig in der Welt ist“, sagte der Klimaforscher. Es sei „so etwas wie ein historischer Moment“ und „irgendwo der Beginn einer neuen Zeit in der Luftfahrt“. Beim späteren Durchschneiden des roten Bandes sagte er in Anlehnung an die Mondlandung im Jahr 1969, es sei ein kleiner Schritt für die Menschen, aber ein großer für die Menschheit.

Mojib Latif, Klimaforscher, spricht bei der Eröffnung der neuen Anlage zur Herstellung von CO2-neutralem Kerosin.

Klimaschutz bedeute auch Innovation, sagte Mojib Latif einleitend. Atmosfair habe sich schon immer dafür starkgemacht, innovative Projekte zu fördern. Dieses Projekt werde hoffentlich schnell „hochskaliert“, sodass die Luftfahrt spätestens in der Mitte des Jahrhunderts klimaneutral werden kann. Für die deutsche Wirtschaft hoffe er zudem, dass es ein Exportschlager werde.

Betreiber Atmosfair ist eine 2005 gegründete Non-Profit-Organisation, die den Ausgleich von Treibhausgasemissionen anbietet und Projekte zum Klimaschutz durchführt. Das Vorgehen dabei beginnt mit einer Berechnung des verursachten CO2 Atmosfair hat sich dabei auf den Schwerpunkt Reise fokussiert, wie sie auf ihrer Website erklären.

Auf dieser findet sich außerdem ein Emission-Rechner, mithilfe dessen sich die Menge der eigenen verursachten CO2-Emissionen für eine Flugreise berechnen lässt. Abhängig von Entfernung, Flugart und Flugzeugtyp ergibt sich daraus der eigene CO2-Fußabdruck und die Höhe des Betrags zur Kompensation dieses. Es besteht ebenfalls die Möglichkeit, eine Wunschmenge CO2 oder eine Veranstaltung mit einem Beitrag zu kompensieren oder auch davon unabhängig Geld zu spenden.

Die Anlage war teuer, aber wir haben sie selber bezahlt, ohne öffentliche Förderung.

Dietrich Brockhagen, Geschäftsführer Atmosfair 

Mit diesem „Klimaschutzbeitrag“ finanziert die Organisation nach eigenen Angaben den Ausbau von erneuerbaren Energien in Ländern, „wo es diese noch kaum gibt“. Damit werde CO2 eingespart, welches „sonst in diesen Ländern durch fossile Energien entstanden wäre“, heißt es von Atmosfair auf der Website. Geschäftsführer Dietrich Brockhagen bedankte sich bei der Einweihung in diesem Zusammenhang auch bei der Fridays-For-Future-Bewegung, da diese das Klima zum Gesellschaftsthema Nummer eins gemacht habe. „Bei uns sind die Einnahmen rapide angestiegen und so konnten wir diese Anlage bezahlen“, sagte Brockhagen. „Die Anlage war teuer, aber wir haben sie selber bezahlt, ohne öffentliche Förderung.“

Was ist Kerosin und wie kann es klimaneutral produziert werden?

Kerosin wird insbesondere als Treibstoff in der Luftfahrt genutzt. Es handelt sich dabei um leichtes Petroleum, welches aus Rohöl gewonnen wird. Es gibt verschiedene Sorten, die unterschiedliche Nutzung finden. Die eingeweihte Anlage stellt diese Kerosin synthetisch her und nutzt dabei unter anderem CO2, welches aus der Luft gezogen wird. „Eines haben wir nicht mehr auf dem Weg zu den Klimazielen von Paris: Zeit“, sagte Brockhagen bei der Einweihung. Die Anlage arbeite frei von Umweltnebenwirkungen und - bis auf die Logistik auch vollständig CO2-neutral. „Weil es nicht genügend Biogasanlagen gibt, gehen wir hier an dieser Anlage schon heute einen Schritt weiter und ziehen das CO2 direkt aus der Luft“, erklärt Brockhagen. „Wir brauchen CO2 und davon gibt es ja genug in der Luft.“

Wir brauchen CO₂ und davon gibt es ja genug in der Luft.

Dietrich Brockhagen, Geschäftsführer Atmosfair

E-Kerosin hingegen verbrennt zwar auch und gibt CO2 ab, allerdings nur so viel, wie es zuvor bei der Herstellung aus der Atmosphäre gezogen hat. So sei es „zumindest beim Atmosfair Fairfuel Standard mit CO2 aus nicht fossilen Reststoffen oder Direct Air Capture“, heißt es in der Erklärung auf der Website von Atmosfair. Klimaneutral fliegen sei jedoch auch mit E-Kerosin nicht möglich, da es auch andere Effekte auf das Klima habe, ähnlich wie fossiles Kerosin. „Dazu gehören insbesondere die Bildung von Kondensstreifen und Ozon in großen Flughöhen, die zusammengefasst ‚Non-CO2-Effekte‘ genannt werden. Diese erwärmen das Klima sogar doppelt so stark wie das reine CO2 des Kerosins“, heißt es auf der Website.

Mit Fairfuel hat Atmosfair einen eigenen Kriterienkatalog geschaffen. Jeder künftige Produzent sei eingeladen, sich auf das damit verbundene, neue Gütesiegel zu bewerben und sich zertifizieren zu lassen., erklärte Brockhagen.

Bundesumweltministerin kündigt das Ende der Ära Kohleverbrennung an

Die Ära der Verbrennung von Kohle und Öl und Erdgas geht zu Ende“, kündigte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) am Montag bei der Einweihung der neuen Anlage an. Deutschland werde klimaneutral und alle seien verpflichtet, einen Beitrag zu leisten. Gleichzeitig wolle aber niemand den „Traum vom Fliegen“ aufgeben. Schulze erklärte, dass es Alternative gibt zum klimaschädliche Kerosin. Wasserstoff werde eine feste Größe im „Energiemix der Gegenwart“. Die gesamte Mobilität müsse klimaneutral werden, unter anderem durch Strom-basierte Kraftstoffe.

Svenja Schulze (SPD, l-r), Bundesumweltministerin, Dorothea von Boxberg, von der Lufthansa Group, und Dietrich Brockhagen, Gründer und Geschäftsführer von Atmosfair, eröffneten die neue Anlage zur Herstellung von CO2-neutralem Kerosin.

„Der Einsatz von nachhaltiger Biomasse stößt schon heute an seine Grenze. Wir brauchen als wirklich nachhaltige Kraftstoffe“, sagte die Umweltministerin in ihrer Ansprache. Dem Klima sei nur geholfen, wenn Wasserstoff aus erneuerbaren Energien gewonnen werde. Der Markthochlauf von PTX-Kraftstoffen müsse vorangetrieben werden. „Power-to-X“ meint, dass aus Strom unter anderem Brennstoffe entstehen.

Ab 2026 müssen in Deutschland mindestens 0,5 Prozent des Flugkraftstoffes aus PTL-Kerosin bestehen.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD)

Damit würden auch große wirtschaftliche Chancen für Deutschland geschaffen, sagt Schulze, denen ein Mix aus Maßnahmen vorangehen müssen. „Ab 2026 müssen in Deutschland mindestens 0,5 Prozent des Flugkraftstoffes aus PTL-Kerosin (Power-to-Liquid) bestehen“, so Schulze. 2030 sollen es zwei Prozent sein. Neben dieser Anlage müssten also schnell weitere und größere entstehen. Das neue Klimaschutzgesetz schaffe eine Absatzgarantie für weitere Betreiber. „Die Bundesregierung setzt den Rahmen, wir schaffen die Anreize, nun ist die Wirtschaft am Zug“, sagte die Bundesumweltministerin. Wie es geht, Deutschland klimaneutral zu machen, zeige diese Anlage.

Svenja Schulze (SPD), Bundesumweltministerin, spricht bei der Eröffnung der neuen Anlage zur Herstellung von CO2-neutralem Kerosin.

Auch die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel schickte per Videobotschaft ihre Glückwünsche zur Einweihung. Die Anlage zeige, dass Innovationskraft und Klimafreundlichkeit eng zusammenhängen. Um die globalen Klimaziele zu erreichen, spiele synthetisches, CO2-neutrales Kerosin eine wichtige Rolle. Es gebe die Möglichkeit im Sinne der Nachhaltigkeit eine Vorreiter-Rolle einzunehmen und sie sei sehr dankbar für den Pioniergeist. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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