Letztes Verfahren vor zehn Jahren eingestellt

Ungesühnte Menschenjagd: „Celle Massacre Trial" begann vor 70 Jahren

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Das Mahnmal Triftanlage in Celle erinnert an den Luftangriff am 8. April 1945. Dabei wurde auch ein Zug mit mehr als 3.000 KZ-Häftlingen getroffen, die daraufhin flohen und anschließend von Soldaten und Zivilisten gejagd wurden.

Celle - Von Michael Evers. Vier Tage vor Kriegsende kam es in Celle zu einer Hetzjagd auf KZ-Häftlinge, an der sich auch Zivilisten beteiligten. Mindestens 170 Flüchtende wurden getötet. Vor 70 Jahren startete ein britischer Prozess gegen einige Täter. Warum wurden die meisten nicht verfolgt?

Das lange verdrängte Massaker kurz vor Kriegsende wurde verharmlosend auch als „Celler Hasenjagd" bezeichnet: Bei einem US-Bombenangriff auf den Güterbahnhof wird ein Zug mit 3.400 KZ-Häftlingen getroffen. Die Fliehenden werden gnadenlos gejagt, nicht nur vom SS-Personal des Zuges sondern auch von Soldaten, Polizisten und etlichen Celler Zivilisten. 

Sie töten mindestens 170 Häftlinge. Vor 70 Jahren am 2. Dezember 1947 starteten die Briten den „Celle Massacre Trial" und stellten 14 Beteiligte vor Gericht. Spätere deutsche Versuche, die teils vor Schaulustigen begangenen Morde zu ahnden, scheiterten. Vor zehn Jahren wurde das letzte Verfahren eingestellt.

Verbrechen jahrzehntelang verdrängt

Nur vier Tage vor dem Einmarsch der Briten kam es in Celle zu dem Kriegsverbrechen, das die Residenz- und Fachwerkstadt jahrzehntelang weitestgehend aus ihrer Erinnerung verbannte. Dabei hatte es für die Menschenjagd durch Gärten, Straßen und Waldstücke zahlreiche Zeugen gegeben, ebenso für Schüsse auf die Wehrlosen. 

Auch der Prozess der Briten in der Aula des Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasiums in Celle war öffentlich, die Presse berichtete seinerzeit. Die Angeklagten machten widersprüchliche Angaben, schoben anderen die Schuld zu und stellten Zeugen aus der Nachbarschaft als Verleumder dar. Am Ende gab es im Mai 1948 sieben Freisprüche, vier Haftstrafen und drei Todesurteile, die aber bald in Haftstrafen umgewandelt wurden. 1952 kamen die letzten Verurteilten auf freien Fuß. Ein Polizist hatte sich in der Untersuchungshaft das Leben genommen.

Alte Eliten wieder in hohe Positionen zurückgekehrt

Kurz vor dem Prozess der Briten hatte auch die Staatsanwaltschaft Lüneburg zwei Verfahren eingeleitet, die aber nach wenigen Monaten eingestellt wurden. Ein beschuldigter Soldat stellte die Anzeige gegen sich als Racheakt dar, ein weiterer mutmaßlicher Täter konnte nicht namhaft gemacht werden. Dass das unvorstellbare Verbrechen im Nachkriegs-Celle nicht weiter thematisiert wurde, erklärt Historiker Reinhard Rohde auch damit, dass die alten, konservativen Eliten wieder in hohe Positionen zurückgekehrt waren. 

Sie hatten zuvor den Nationalsozialismus in Celle nicht nur gestützt, sondern repräsentiert. Eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus hätte zwangsläufig mit sich gebracht, ihre individuelle Schuld zu thematisieren. Erst ab Anfang der achtziger Jahre rückte das Massaker vom 8. April dank örtlicher Initiativen wieder in die Erinnerung. 1992 wurde ein Mahnmal in den Parkanlagen zwischen Bahnhof und Innenstadt eingeweiht.

Neue Ermittlungen im Jahr 1985 aufgenommen

Erst 1985 nahm die Staatsanwaltschaft nach einer NDR-Fernsehdokumentation, in der ein am Kriegsende jugendlicher Zeuge zu Wort kam, neue Ermittlungen auf. Da die beiden von ihm namentlich genannten Täter aber nicht mehr lebten, wurde das Verfahren eingestellt. Zuletzt war es dann 2006 ein Bericht der „Celleschen Zeitung", in der ebenfalls ein Zeuge seine Erinnerung an die Erschießung eines Häftlings schilderte, der erneute Ermittlungen auslöste. Sie richteten sich gegen damals noch lebende Täter aus den Reihen der Hitlerjugend. Mangels justiziabler Anhaltspunkte wurde auch dieses Verfahren 2007 eingestellt. 

Wie der Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, Oberstaatsanwalt Jens Rommel, erklärt, gibt es für die lückenhafte Verfolgung von NS-Verbrechen unterschiedliche Gründe. Anders als die Alliierten wandten die Deutschen das allgemeine Strafrecht an, womit nur dem Einzelnen konkret zuschreibbare Verbrechen geahndet werden konnten. Massenverbrechen, zudem oft im Auftrag des Staates, waren damit schwer zu verfolgen. Später kam dann die Verjährung vieler Taten hinzu. Ab Mai 1960 waren dadurch nur noch Morde verfolgbar - vorausgesetzt, den Beschuldigten konnte für ihr Tun tatsächlich ein Mord angelastet werden.

Schlussstrichmentalität

Aber bereits ab Mitte der fünfziger Jahre sei die Zahl der Verfahren zurückgegangen, so Rommel. „Der Eindruck in Westdeutschland war, wir haben die Sache erledigt." Es habe eine gewisse Schlussstrichmentalität gegeben. Je später es dennoch zu Prozessen kam, desto schwieriger wurde der Nachweis der angelasteten Verbrechen, es gab immer weniger Überlebende. 

Insbesondere bei Urteilen zu Verbrechen in der Endphase des NS-Regimes sei die Untergangssituation berücksichtigt worden. „Es herrschte eine gewisse Milde bei der Bestrafung." Intensiv beschäftigen sich in Celle seit Jahren Schüler aller weiterführenden Schulen mit dem, was irgendwann den irreführenden Begriff der Celler Hasenjagd erhielt. 

Im Gymnasium, wo der Prozess stattfand, werde auch die Tötung geflohener Gefangener im Bahnhofsbereich durch Zivilisten thematisiert, sagt Schulleiter Bernd Ostermeyer. Auch mit der Gedenkstättenstiftung arbeite die Schule zusammen. Die Aula selber, in der der Prozess seinerzeit stattfand, existiert in der damaligen Form nicht mehr. In dem Raum wurden in den sechziger Jahren bereits vier Klassenzimmer eingerichtet. - dpa

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