Buck dich an, Fremder

Anja Dabrowski schmust gern – und tut das gegen Geld mit jedem, der es braucht

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Streicheln, umarmen, in Löffelchenstellung liegen: Profikuschler – hier symbolisch dargestellt – kümmern sich um die körperlichen Bedürfnisse ihrer Kunden – je nachdem, was der- oder demjenigen gerade guttut.

Hannover - Von Juliane Klug. Großbritannien hat seit Kurzem eine Einsamkeitsministerin. Sie soll sich um diejenigen Bewohner des Vereinigten Königreiches kümmern, die sich alleingelassen fühlen. Anja Dabrowski aus dem Südwesten Hannovers tut auch etwas für Menschen, die zu wenig Kontakt zu anderen haben – zumindest zu wenig physischen Kontakt für ihren Geschmack. Denn sie ist eine professionelle Kuschlerin.

In zehn Orten in Deutschland und Österreich bieten diese aktuell ihre Dienste an: Kuscheleinheiten gegen Geld. Kuscheln. Keinen Sex wohlgemerkt, keine Küsse auf den Mund, keine anderen intimen Berührungen. Bei Anja, die schnell zum Du übergeht, kostet eine Stunde 60 Euro. Warum jemand Geld ausgeben sollte für etwas, das er in der Regel kostenlos bekommt? „Für eine Wellness-Massage zahlt man ja auch“, begründet die Niedersächsin. Das klingt einleuchtend.

Anja ist 42 Jahre alt, hat braune Locken, ist groß gewachsen und gelernte Buchhalterin. Ihr einnehmendes Lachen fällt direkt an der Schwelle der Haustür auf. Anja lebt die Hälfte der Woche mit ihrer fast volljährigen Tochter zusammen und denkt menschliche Beziehungen weiter als bis zum klassischen Ehe- und Vater-Mutter-Kind-Konzept. Sie sagt von sich, dass sie anderen Menschen gegenüber keine Berührungsängste habe. Freunde bezeichneten sie als wertschätzend im Umgang mit anderen. „Und ich glaube, man kann auch wirklich gut mit mir kuscheln, weil ich weich bin und weil ich nah bin auf mehreren Ebenen“, sagt sie breit grinsend.

Anja Dabrowski

Davon, dass absichtslose Berührungen gut für Körper und Seele sind, ist Anja überzeugt: „Kuscheln ohne Absicht“, erklärt die 42-Jährige. Also ohne Aussicht auf mehr wie etwa eine Beziehung. In den Sitzungen geht es einzig und allein darum, dass Berührungen gut tun sollen, denn: „Kuscheln nährt“ und reguliert Süchte. „Die Bedürfniskompensation ist deutlich geringer, wenn der Körper und die Seele genährt sind“, ist Anja überzeugt. Ginge es nach ihr, dann gebe es Streicheleinheiten eines Tages auf Rezept.

Daran arbeitet auch Elisa Meyer, die seit einiger Zeit in Deutschland und Österreich Werbung für professionalisiertes Schmusen macht und dafür den Verein Kuschel-Kiste gegründet hat, in den Anja eingetreten ist. Die Frauen haben sich bei einem Polyamorie-Treffen kennengelernt. Dort gebe es typischerweise Räume zum Austausch von Zärtlichkeiten, erzählt Anja. Sie waren ein Grund dafür, dass die Niedersächsin auf die Idee kam, sich als Profikuschlerin zu probieren.

Weinen ist okay, Fotos sind es nicht

Ein anderer war ein Erlebnis beim Couchsurfen. Dort sei sie einem jungen Computernerd begegnet, für den es so ungewohnt war, dass eine andere Person auch nur in seiner Nähe liegt, dass er erst einmal 20 Minuten lang gezittert habe. „Und da dachte ich mir: ,Wenn der mal auf eine Frau zugehen soll, von der er mehr möchte, wie soll das funktionieren?’“ Seit diesem Monat ist Anja selbstständig. Mit dem Kuscheln, einem Angebot, das sie „offenes Ohr“ getauft hat – und Büroorga-nisationscoaching.

Wenn sich jemand für Streicheleinheiten interessiert, dann telefoniert Anja zunächst erst einmal mit ihm oder ihr. Bisher waren das vier Personen, einige davon kamen schon mehrmals. „Ich entwickle dann relativ schnell ein Gefühl dafür, ob ich den Menschen sympathisch finde“, erzählt sie. Ist das der Fall, „dann macht das das Allermeiste wett“ – wie etwa einen Geruch, der der eigenen Nase eher unangenehm ist. Dafür müssen Menschen schließlich noch nicht einmal stinken. Lief das Telefonat positiv, schickt Anja dem Kunden ihre Kuschelvereinbarung zu. Darin steht etwa, dass Kunde und Kuschlerin während der vereinbarten Zeit die empfohlene Wohlfühlkleidung anlassen, niemand mit triefender Nase oder anderen ansteckenden Krankheiten erscheint und keine Fotos entstehen. Andere Dinge hingegen sind erwünscht – wie Körperpflege und gewisse Gefühlsregungen. „Lachen, Weinen und andere Emotionen sind beim Kuscheln normal und willkommen. Bitte keine Zurückhaltung“, heißt es in der Vereinbarung.

„Sich im Kino einfach anbucken“ geht oft nicht

Vor Ort checken beide Seiten dann erneut, ob sie miteinander können und wollen. Dann geht es in den kleinen Raum hinter Anjas Wohnzimmer. Allein dessen Größe schließt aus, dass sich jemand verloren fühlt. Durch das Fenster im ersten Stock des alten Backsteinhauses fällt Licht auf das gemütlich aussehende Bett mit einem leichten Holzrahmen. Graue und grüne Kissen liegen auf der Matratze. Dort, auf diesen 1,40 mal zwei Metern, nimmt Anja ihre Kunden in den Arm, streichelt, hält Händchen oder liegt mit ihnen in Löffelchenstellung – je nachdem, was er oder sie gerade braucht.

Bisher reicht die Anzahl der Treffen noch nicht aus für eine repräsentative Statistik, aber Anja schätzt, dass sich eher Männer auf das Angebot melden. Sie könnten in ihrer Jugend schließlich nicht einfach platonisch Händchen haltend durch die Stadt schlendern oder „sich im Kino einfach anbucken“.

Bleibt die Frage, ob sie ihre Arbeit nicht auch aus Eigennutz macht. „Ich habe das Glück, dass ich in meinem Umfeld meine Kuschelportion bekomme. Die Sessions dienen also nicht meiner Bedürfnisbefriedigung“, erklärt Anja. „Klar verdiene ich Geld mit etwas, was mir selbst Freude macht. Aber das wünsche ich eigentlich jedem.“

www.freileicht.de

Info: Berühren in Bremen

Nicht zu zweit, sondern mit vielen findet alle vier Wochen die Kuschelzeit in Bremen statt. „Mal sind es acht, mal 24 Teilnehmer“, sagt Petra Nagel. Sie hat den Verein „Alleins“, der die Treffen veranstaltet, vor einigen Jahren mitgegründet, lange mitgekuschelt und teilweise auch assistiert. Denn die Treffen werden angeleitet. Auch bei der Kuschelzeit gibt es Regeln: kein Sex, keine Küsse, niemand geht dem anderen an die Wäsche. 

Zunächst, erklärt die 60-Jährige, treffen sich alle in einem Bistro. Danach geht es in den eigentlichen Raum in der Neustadt. Dort stehen Spiele auf dem Programm – um zu schauen, wer mit wem Körperkontakt haben möchte – und um zu üben, Ja und Nein zu sagen. „Das ist ganz wichtig fürs Kuscheln“, betont Petra Nagel. Bereits hier kommt es zu ersten Berührungen. „Niemand muss da mitmachen, alle können auch aus der Runde an den Rand gehen“, sagt die Wellness-Masseurin und Qigong-Leiterin. Das gelte auch für das eigentliche Kuscheln, für das der Raum in ein Matratzenlager umgebaut wird. 

„In der Regel ist es so, dass die Leute am Ende ganz anders aussehen, sie haben glänzende Augen“, sagt Petra Nagel. Sie schwärmt vom geschützten Rahmen, der liebevollen Atmosphäre und der warmen Stimmung. Ihrer Erfahrung nach sind die Gruppen gemischt, altersmäßig und was die Geschlechterverteilung anbelangt. „Und nicht alle sind Solisten, es kommen auch Pärchen“, sagt sie. „Man muss es einfach erlebt haben“, empfiehlt die 60-Jährige. jk

www.kuschelzeit-bremen.de

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