Prozess um ermordete Küsterin

„Das hat in mir alles zerstört“

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Der Angeklagte Siegfried C. (M) wird in einem Rollstuhl in das Landgericht in Braunschweig gebracht.

Braunschweig - Er musste das Blut seiner Mutter aufwischen, nachdem sein Vater sie ermordet hatte. Am Montag hat der 23-Jährige aus Braunlage im Harz die Tat vor Gericht geschildert. Heute muss er keine Psychopharmaka mehr nehmen. Doch die Bilder von damals wird er nicht los.

Bis heute lösen Knaller an Silvester Panik in ihm aus, der Geruch von abgebrannten Raketen macht ihn nervös. Beides erinnert den 23-Jährigen an den Schuss, mit dem sein Vater im kleinen Ferienort Braunlage im Harz seine Mutter umbrachte. Am Montag hat der junge Mann die Tat im Landgericht Braunschweig geschildert. Dort muss sich sein 56 Jahre alter Vater wegen des Mordes verantworten. 

Nach der Tat musste der Sohn zusammen mit einer seiner Schwestern dem Vater helfen, das Blut der toten Mutter aufzuwischen. „Das hat alles in mir zerstört“, sagt er stockend. „Er hat sie an einem Bein genommen und über den Flur gezogen, als wäre sie ein Sack Kartoffeln.“

Das Verhältnis des Vaters zur Familie war schon zuvor angespannt, so beschreibt es der heute 23-jährige Sohn. Die Mutter wollte sich von ihrem Mann trennen. Der Sohn hielt trotzdem zu seinem Vater, lebte mit ihm, begleitete ihn auf Reisen. Bis zu dem Tag, als der heute 56-Jährige seine Ehefrau und Mutter seiner zehn Kinder ermordete. Aus nächster Nähe schoss er der Küsterin 2012 nach einem Gottesdienst in den Hinterkopf.

Im Sommer 2013 wurde der Mann wegen der Tat zu lebenslanger Haft verurteilt. Nun müssen die Richter im aktuellen Prozess darüber entscheiden, ob seine Strafe verschärft wird, denn beim ersten Urteil stellte das Landgericht keine besondere Schwere der Schuld fest. Die Staatsanwaltschaft legte Revision ein, der Bundesgerichtshof entschied, dass in diesem Punkt neu verhandelt werden muss. Sollten die Richter zu dem Ergebnis kommen, dass der Mann doch eine besondere Schwere der Schuld auf sich geladen hat, so wäre eine vorzeitige Haftentlassung des Mannes nach 15 Jahren nahezu unmöglich.

Bei der Entscheidung des Gerichts spielt auch eine wichtige Rolle, wie der Vater seine Kinder instrumentalisierte. Am Montag sitzt der 23-Jährige seinem Vater im Gericht gegenüber, doch ihn anschauen kann er nicht. Immer wieder unterbricht er seine Sätze, muss sich sammeln. „Es ist noch ein bisschen schwierig“, erklärt er. Der Vater zeigt keine Reaktion.

Mit seiner 12-jährigen Schwester stand der Sohn vor der Kirche, als die Tat geschah. Alarmiert durch den Schuss rannten die beiden hinein, entdeckten dort den Vater und die tote Mutter. „Ich wollte meiner Mutter ins Gesicht schauen, aber ich habe es nicht mehr gefunden“, sagt der Sohn.

Die beiden Kinder fliehen mit dem Vater bis nach Österreich. „Wir hatten einen Menschen neben uns, den wir einerseits total lieb hatten, der aber einen anderen Menschen getötet hatte“, berichtet der Sohn. Er und seine Schwester hätten Angst gehabt, dass der Vater auch ihnen etwas antue.

Auf ihr Drängen stellt sich der Mann dann in München der Polizei. Er behauptet, der Schuss sei ein Unfall gewesen. Später gibt er zu Protokoll, sein Sohn habe geschossen. „Das war das Schlimmste, was nach diesem Mord hätte passieren können: Dass ich erneut Werkzeug wurde, die Fußmatte“, sagt der Sohn.

Heute muss er keine Psychopharmaka mehr nehmen. Die Bilder aber wird er nicht los. „Man kommt aus dieser Welt nicht mehr raus. Man versucht, an etwas Schönes zu denken, aber man schafft es nicht.“

dpa

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