Studien zum ersten Landesvater

Braune Flecken trüben den Blick auf Kopf

Hinrich Wilhelm Kopf 1948

Hannover - Von Hans Brinkmann. War Hinrich Wilhelm Kopf ein unbescholtener Mann, oder ist der erste Ministerpräsident Niedersachsens während der NS-Zeit auf unrühmliche Weise tätig geworden? Neue Erkenntnisse von Wissenschaftlern haben den SPD-Politiker jetzt ins Zwielicht gerückt.

Eine in der vergangenen Woche vorgestellte Studie über die NS-Vergangenheit niedersächsischer Landtagsabgeordneter kommt zwar zu dem Schluss, dass Kopf nie Mitglied der NSDAP gewesen ist. Vielmehr sei er 1919 in die SPD eingetreten und habe nach der Machtübernahme Hitlers 1933 den Staatsdienst quittieren müssen. Allerdings sei Kopf 1940 dienstverpflichtet worden und bis 1943 „als Enteignungskommissar der Treuhandverwaltung Ost im von den Deutschen besetzten Lublin an der Enteignung und Aussiedlung der polnischen Bevölkerung beteiligt“ gewesen.

Jüdische Grabsteine versteigert?

Eine solche Tätigkeit hatte der spätere Ministerpräsident nach dem Krieg vor Gericht bestritten. Ein polnischer Vorstoß gegen ihn wurde aber damals von den Briten abgeblockt, die auf Kopf als Verwaltungsfachmann beim Aufbau in Niedersachsen nicht verzichten wollten.

Derweil verstärkte die Göttinger Studentin Teresa Nentwig, die an einer Doktorarbeit über Kopf arbeitet, die Zweifel an der Lauterkeit des SPD-Politikers. Demnach hätte Kopf 1941 aus dem Dienst im Osten Schlesiens aussteigen können; er habe jedoch ausdrücklich auf eine Weiterbeschäftigung in dieser Funktion bestanden. Zu weiteren Vorwürfen zählt unter anderen, dass Kopf angewiesen haben soll, die Grabsteine von jüdischen Friedhöfen meistbietend zu versteigern.

Auf der anderen Seite wird Kopf zugutegehalten, dass er bedrängten Juden – etwa in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 – half. Nach dem Krieg war der SPD-Politiker dann rund elf Jahre Ministerpräsident. Er erwarb sich in dieser Zeit große Popularität in der Bevölkerung. Dazu trug auch bei, dass Kopf 1948 einen Hungermarsch gegen die drastische Herabsetzung der Kalorienzufuhr für die niedersächsischen Einwohner anführte.

In Hannover sind aufgrund der neuen Erkenntnisse der Historiker Stimmen von SPD, CDU, Grünen und Linken laut geworden, die fordern, eine Umbenennung des Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platzes am Landtag zu prüfen. Daneben sind auch Schulen nach dem Sozialdemokraten benannt worden, der 1953 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland geehrt wurde. Kopf starb im Jahr 1961. Er war 1893 in Neuenkirchen (Land Hadeln) geboren worden.

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