Salzhemmendorf nach Anschlag auf Asylbewerber fassungslos

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Ein Molotowcocktail sei in der Nacht zum 28. August 2015 durch ein Fenster in die Wohnung geworfen worden, teilte die Polizei mit.

Salzhemmendorf - Von Matthias Brunnert (dpa). Hilfe, Unterstützung, Spenden - das Engagement der Bürger für Flüchtlinge in Salzhemmendorf kann sich sehen lassen. Jetzt bringt ein Brandanschlag auf eine bewohnte Asylbewerberunterkunft die Gemeinde im Weserbergland in Verruf.

„Gestern habe ich noch mit zwei jungen Männern aus dem Heim gesprochen“, sagt Susanne Reuleaux. „Ich habe ihnen gesagt, dass sie sich melden können, wenn etwas ist.“ Dass wirklich etwas Bedrohliches geschehen könnte, habe sie aber nicht für möglich gehalten. Nach dem Anschlag auf die Asylbewerberunterkunft in Salzhemmendorf muss Reuleaux umdenken. Die Nachbarin steht mit anderen Nachbarn vor der alten Schule in Salzhemmendorf und kann es nicht fassen.

Auf das Haus, in dem mehr als 30 Asylbewerber leben, wurde ein Brandanschlag verübt. In der Nacht zu Freitag hat ein Unbekannter einen Molotowcocktail durch ein geschlossenes Fenster in eine Wohnung im Erdgeschoss geschleudert. Nur weil die 34-jährige Bewohnerin und ihre drei kleinen Kinder zufällig nicht in diesem Zimmer, sondern in einem Nebenraum schliefen, blieben sie unverletzt. Auch der Sachschaden ist überschaubar, weil die von einem Nachbarn alarmierte Feuerwehr den Brand schnell unter Kontrolle brachte. Am Vormittag sind die Straßen rund um das verwitterte Gebäude abgesperrt. Flatterband markiert, bis wohin Neugierige gehen dürfen. Das eingeworfene Fenster ist mit einer Spanplatte notdürftig repariert. Abgeschirmt von der Öffentlichkeit suchen Brandermittler im Inneren des verwitterten Bauwerks, in dem Flüchtlinge aus Simbabwe, Syrien, dem Irak, Elfenbeinküste und Pakistan wohnen, nach brauchbaren Spuren. Vorsichtig blicken zwei junge Männer aus der Eingangstür. Adam und sei Freund stammen von der Elfenbeinküste. Anders als die Mutter aus Simbabwe und ihre vier, acht und elf Jahre alten Kinder, die nach dem Brandanschlag in eine andere Unterkunft gebracht wurden, sind die übrigen Bewohner in der alten Schule geblieben.

Viel sagen wollen die jungen Männer nicht. Nur dass sie jetzt Angst haben. Kurz vor Mittag trifft Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil in Salzhemmendorf ein. Für ihn sei der Anschlag ein „versuchter Mord“, sagt der SPD-Politiker. Die Täter hätten bewusst in Kauf genommen, dass Kinder, Frauen und Männer verbrennen können. Es sei „tief beschämend“, dass eine Familie, die wegen schrecklicher Gewalt aus ihrer Heimat geflohen sei, nun in Deutschland ein weiteres Mal eine Gewalterfahrung machen müsse. „Ich kann gar nicht glauben, dass jemand bei uns so etwas macht“, sagt Ilse Klipp, die wenige Meter neben der Asylbewerberunterkunft wohnt. „Ich bin in der Nacht von dem feuer aufgewacht„, sagt die Rentnerin. Jetzt ist sie mit ihrem Rollator vor das Flüchtlingsheim gekommen. „Wer kann etwas gegen diese Menschen haben? Sie sind so freundlich und höflich. Man möchte so gerne helfen.“ Das denkt auch Florian Marhenke. „Ich habe auf Facebook von dem Anschlag gelesen“, sagt der 33-Jährige aus dem Nachbarort Lauenstein. „Da habe ich mir gedacht, man muss ein Zeichen setzen.“ Der Techniker hat ein Blech Kuchen für die Asylbewerber mitgebracht. „Das sind keine Einzelfälle“, sagt Hamelns Landrat Tjark Bartels (SPD) über die Hilfsbereiten. In der Region herrsche eine große Bereitschaft, Flüchtlinge zu unterstützen. So sieht es auch Salzhemmendorfs Bürgermeister Clemens Pommerening (parteilos): „Hier haben wir eine gelebte Willkommenskultur. Es gibt viele Aktivitäten zugunsten der Flüchtlinge. Es wird gespendet, die Vereine laden die Menschen ein.“ Fremdenfeindliche Aktionen dagegen habe es zuvor nicht gegeben.

Auch die Polizei wurde von dem Anschlag überrascht. Im gesamten Landkreis habe es in den vergangenen Jahren gerade einmal drei rechte Schmierereien gegeben, sagt Hamelns Polizeichef Ralf Leopold. Jetzt suchen die Beamten mit einer 30-köpfigen Sonderkommission nach den Tätern. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen schwerer Brandstiftung. Dass ausgerechnet ein Ort wie Salzhemmendorf, der sich so stark für Flüchtige einsetze, jetzt durch einen Brandanschlag in die Schlagzeilen gerät, sei beschämend, sagte der Bischof der evangelischen Landeskirche Hannover, Ralf Meister. Die Bevölkerung solle sich nicht entmutigen lassen und ihr Engagement fortsetzen. Und Ministerpräsident Weil appelliert an alle Niedersachsen: „Ich wünsche mir sehr, dass überall bei uns die aufrechten Demokraten aufmerksam sind, aufstehen, sich wehren, schon bei den leisesten Anzeichen von Ausländerfeindlichkeit zum Ausdruck bringen: Wir in Niedersachsen wollen eine offene, freie, freundliche und mitfühlende Gesellschaft."

Salzhemmendorf mit seinen 9350 Einwohnern liegt in Südniedersachsen in der Nähe von Hameln. In Goslar will am Samstag ein Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus protestieren. Anlass ist die Ankündigung einer Demonstration von Rechtsextremen, die gegen Bürgermeister Oliver Junk (CDU) mobil machen wollen. Der Politiker hatte sich für die Aufnahme von Flüchtlingen in der Stadt im Harz stark gemacht, um damit den Bevölkerungsrückgang zu stoppen. dpa

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