Überlebender von Holocaust und Terroranschlag

Von Bergen-Belsen zum Weltrekord: Shaul Ladany geht immer weiter

Holocaust-Überlebender Shaul Ladany mit einem Bild von sich nach seiner Ankunft in der Schweiz.
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Holocaust-Überlebender Shaul Ladany mit einem Bild von sich nach seiner Ankunft in der Schweiz.

Zwei Mal ist er dem Tod entkommen, jetzt beleuchtet eine neue Ausstellung in der Gedenkstätte Bergen-Belsen das Leben von Shaul Ladany. Der 83-Jährige hat den Holocaust und den Terroranschlag auf die Olympischen Spiele in München überlebt.

Lohheide - Shaul Ladany macht Tempo beim Gehen, auch wenn es nur wenige Meter über das Gelände der Gedenkstätte Bergen-Belsen sind. Der 83-Jährige trainiert jeden Tag, etwa 15 Kilometer absolviert er auf einem Rundkurs an seinem Haus in der Wüste im Süden Israels.

 "Ich will immer die höchste Ebene erreichen, den Gipfel", sagt der kleine Mann mit der großen Brille. Möglicherweise habe das mit Bergen-Belsen zu tun. Als Achtjähriger wurde der Junge mit seiner Familie von den Nazis aus Ungarn in das Konzentrationslager in der Lüneburger Heide deportiert. 

Aus dem Lager freigekauft

"Ich erinnere mich an alles", erzählt er auf Englisch. Das stundenlange Stillstehen während der Zählappelle bei Kälte und Regen: "Die SS-Leute verrechneten sich ständig." Außerdem war da: "Hunger, Hunger, Hunger." 

Nur ein halbes Jahr blieb der gebürtige Serbe mit seinen Eltern und den beiden Schwestern im Lager. Er gehörte zu einer kleinen Gruppe von Häftlingen, die Ende 1944 in die Schweiz ausreisen durfte, nachdem der ungarische Jude Rezsö Kasztner einen großen Geldbetrag an die SS gezahlt hatte. "Geschäfte mit dem Teufel" heißt die Überschrift dazu in der Ausstellung "Lebensläufe. Verfolgung und Überleben im Spiegel der Sammlung von Shaul Ladany". 

Erster Blick auf Kinderfoto

Der Namensgeber geht erstmals durch die Schau, die von der Gedenkstätte gestaltet und vom Auswärtigen Amt gefördert wurde. Plötzlich stutzt er. Zum ersten Mal in seinem Leben sieht er ein Foto, das die Schweizer Behörden bei seiner Ankunft gemacht haben. 

Der kleine Flüchtling mit der Mütze blickt scheu in die Kamera und trägt ein Schild mit der Nummer 84. Zum ersten Mal habe er damals höfliche Menschen in Uniform erlebt, erzählt er. "Sie gaben uns sogar kleine Stücke Schokolade. Es war wie das Paradies für mich. Trotzdem sehe ich ein bisschen ängstlich aus." 

Der Geiselnahme entgangen

Aus dem Jungen mit den Pausbacken wird ein erfolgreicher Maschinenbau-Ingenieur, Universitätsprofessor, glücklicher Ehemann, Vater - und Top-Sportler. Ein Bild zeigt ihn beim Zieleinlauf in New Jersey, USA, am 16. April 1972. Damals stellte er den Weltrekord im Gehen auf der nichtolympischen Strecke von 50 Meilen (etwa 80 Kilometer) auf: 7 Stunden, 23 Minuten, 50 Sekunden. Der Rekord gelte immer noch, sagt Ladany stolz. 

Die Olympischen Spiele in München ebenfalls 1972 endeten dann statt mit einem Medaillen-Triumph in einer Katastrophe. Palästinensische Terroristen verübten einen Anschlag auf die israelische Delegation, elf Sportler und ein deutscher Polizist kamen ums Leben. Ladany entging nur durch einen Zufall der Geiselnahme - er befand sich zu dem Zeitpunkt in einem anderen Gebäude. 

Kein Deutsch mit der Tätergeneration gesprochen

Stolz trägt er genau 47 Jahre später das blaue Jackett, in dem die Mannschaft Israels bei der Eröffnungsfeier einmarschierte. Er habe in München mit keinem Deutschen gesprochen, der vom Alter her Nationalsozialist gewesen sein könnte, erinnert er sich. 

Die Schau ist als Wanderausstellung konzipiert. Der 83-Jährige hofft, dass sie viele junge Menschen in Deutschland und anderen Ländern ansehen. "Sie repräsentiert alle Menschen, die grauenvolle Jahre in dem Lager verbracht haben", betont der unermüdliche Sportler, Wissenschaftler und Sammler. 

Zehntausende starben im Lager

In seinem Haus schaut er jeden Tag auf eine seinem Vater geschenkte Zeichnung eines Mithäftlings mit der Widmung "Erinnere dich an Bergen Belsen - und an uns". Von den über 200 000 Gefangenen, die nach Bergen-Belsen deportiert wurden, kamen mehr als 52 000 KZ-Häftlinge und 20 000 Kriegsgefangene ums Leben, darunter waren etwa 600 Kinder unter 15 Jahren

Auch Anne Frank, die mit ihren Tagebücher postum bekannt wurde, starb hier. Im kommenden April werden Überlebende und deren Angehörige am 75. Jahrestag der britischen Befreiung des Lagers der Opfer gedenken.

dpa

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