Bakumer Ehepaar muss ehrenamtliche Hilfe aufgeben

Beratungsstelle schließt wegen Überlastung

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Hilfe für Arbeiter in Not:Julia Bunea, Anwalt Johannes Brinkhus und seine Frau Audra Brinkhus-Saltys (v.l., hinten). 

Oldenburger Münsterland - Von Giorgio Tzimurtas. Sie kommen aus Osteuropa und wurden Opfer von Ausbeutung. Im Forum der St.-Andreas-Gemeinde hatten Werkvertrag-Arbeiter drei Jahre lang einen Anlaufpunkt.

Gegen 21 Uhr lässt Audra Brinkhus-Saltys die Jalousien herunter. So wie immer freitags. Diesmal aber hat sie zuvor ein Informationsplakat von der Fensterscheibe entfernt. Es zeigt eine Szene mit einem Arbeiter aus einem Schlachthof und darauf steht „Beratungsstelle“. Als Organisator ist das Netzwerk für Menschenwürde in der Arbeitswelt (Mida) vermerkt, dem 16 Gruppen aus Gewerkschaft, Kirche und Politik angehören, darunter ist auch die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB).

Drei Jahre lang haben die Lehrerin Brinkhus-Saltys und ihr Mann, der Rechtsanwalt Johannes Brinkhus, in den Räumen des Forums der katholischen Kirchengemeinde St. Andreas in der Cloppenburger Innenstadt osteuropäischen Arbeitern in Not geholfen.

Der Jurist Brinkhus gab rechtlichen Beistand, führte etliche Prozesse. All das ehrenamtlich. An der Seite des Bakumer Ehepaars war von der ersten Stunde an Julia Bunea aus Rumänien. Sie übersetzte, nahm an Außenterminen und Info-Veranstaltungen teil.

Andrang von Hilfesuchenden massiv

Nun schließt die Beratungsstelle – das landesweit erste Hilfsangebot für ausgebeutete Arbeiter. Seit Oktober 2013 folgte das Land Niedersachsen mit eigenen Anlaufsstellen für mobile Beschäftigte aus Osteuropa. Auch hier ist der Andrang von Hilfesuchenden massiv. Es ist daher ein deutliches Alarmsignal, wenn Brinkhus-Saltys sagt: „Wir schließen wegen zuviel Arbeit.“ Der Ansturm sei „zu groß“, er könne ehrenamtlich nicht mehr bewältigt werden. Etwa 400 Fälle im Jahr gab es im Durchschnitt.

Die Missstände im Umgang mit den osteuropäischen Arbeitern wuchern weiter. Der Mindestlohn ist oft nur Fassade. Das zeigen auch die Fälle, denen sich die Beratungsstelle noch am letzten Tag widmete: Nicolae P.* aus Rumänien musste vier Wochen in seinem Auto leben. Er war bei einem Geflügel-Ausstaller beschäftigt, als er krank wurde, meldete ihn sein Arbeitgeber von der Krankenversicherung ab und warf ihn aus der Betriebswohnung. Brinkhus stellt zudem fest: Auf der Lohnabrechnung von Nicolae P. seien zwar Nachtzuschläge ausgewiesen, diese seien aber nicht ausgezahlt worden.

Während des Urlaubs gekündigt

Monica S.*, ebenfalls aus Rumänien, hat sechs Monate für ein Subunternehmen in einem Schlachthof im Kreis Cloppenburg geschuftet. 300 Stunden pro Monat sei sie im Einsatz gewesen, bei einem Nettoverdienst von 1 100 Euro. Urlaubsgeld habe sie nicht erhalten, da sie nach rumänischem Recht beschäftigt war. Dann folgte eine Anstellung für ein Subunternehmen, das seine Arbeiter in einem Cloppenburger Schlachthof einsetzte. Dort arbeitete Monica S. mit ihrem Mann. Beiden sei während des Urlaubs gekündigt worden. „Ich habe viel geweint“, sagte sie über ihre Lage in Deutschland. Die Beratung durch das Ehepaar Brinkhus habe ihr viel geholfen.

Auf die Schließung der Beratungsstelle reagierte das Offizialat in Vechta „mit Bedauern“, wie Stephan Eisenbart, zuständig für die KAB und einer der Mida-Sprecher, erklärte. Das Netzwerk wolle versuchen, auch in Zukunft die Beratung zu organisieren. „Entweder finden wir Anwälte, die die Aufgabe ehrenamtlich weiterführen, oder es muss irgendwie eine finanzielle Basis geschaffen werden, um die Arbeit zu honorieren“, sagt Eisenbart. Für Anwalt Brinkhus ist die Arbeit derweil noch nicht ganz zu Ende. Etwa 300 Mandanten aus der Beratungsstelle vertritt er noch vor Gericht.

* Namen von der Redaktion geändert.

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