Bedrohtes Kulturerbe: Bleifraß beschädigt barocke Orgeln

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Die Arp-Schnitger-Orgel in der kleinen Kirche von Belum bei Cuxhaven.

Belum/Bremen - Von Irena Güttel. Sie sind die Stradivaris unter den Orgeln: Die barocken Meisterwerke von Arp Schnitger und seinen Schülern haben Jahrhunderte überdauert. Doch jetzt macht Bleifraß den Pfeifen zu schaffen. Was kann sie retten?

Auf einer Empore thront die Orgel über den Köpfen der Kirchenbesucher. Sie ist der ganze Stolz der kleinen Gemeinde in Belum im Kreis Cuxhaven - und ihr Sorgenkind. Mit geübter Hand öffnet Manfred Cordes die Abdeckung einer Windlade und zeigt auf die Federn im Innern. „Hier sieht man schon die Korrosion“, sagt er. Die Federn lassen sich ersetzen, beunruhigt ist der Musikprofessor wegen der alten Bleipfeifen. Mit ihrem Verfall könnte der Klang einer Epoche erlöschen.

Orgelmusik geht unter die Haut. Jedes Instrument ist ein Unikat, von seinen Erbauern geschaffen für den Musikstil der jeweiligen Zeit. Seit 2014 gehören der Orgelbau und die Orgelmusik zum immateriellen Kulturerbe in Deutschland. In vielen Kirchen in Norddeutschland und den Niederlanden erklingen noch heute barocke Prachtstücke aus den Werkstätten von Arp Schnitger.

„Seine Orgeln sind die Stradivaris einer Zeit, wo der Norden eine Vorreiterrolle in der Musik hatte“, sagt Cordes, der an der Bremer Hochschule für Künste das Arp-Schnitger-Institut für Orgelforschung mitgegründet hat. Etwa 80 historische Orgeln sind noch erhalten, die aus den Werkstätten von Schnitger, seinen Schülern und Weggefährten stammen. „Durch sie wissen wir authentisch, wie die Musik im Barock geklungen hat“, erläutert Cordes.

Sehr rund, satt und etwas rau - so beschreibt der Musikexperte den Klang der Orgeln. Pfeifen, die fast vollständig aus Blei bestehen, sind dafür verantwortlich. Doch gerade das entpuppt sich jetzt bei so manchem Instrument als Schwachstelle: Bleifraß macht den Pfeifen zu schaffen. Das Metall löst sich vom Innern der Pfeife her langsam auf, bis diese brechen. In einem Pilotprojekt hat Cordes deshalb mit Materialwissenschaftlern untersucht, was die Pfeifen korrodieren lässt. In Belum und in einer anderen Kirche haben sie die Klimabedingungen gemessen und beschädigte Pfeifen im Labor analysiert.

Das Ergebnis: Essigsäure und eine hohe Luftfeuchtigkeit sind die Übeltäter. In den letzten Jahrzehnten wurden viele Orgeln mit frischem Eichenholz und handelsüblichem Leim restauriert. Beides gibt beim Trocknen Essigsäure ab, die beim Spielen mit dem Wind in die Pfeifen gelangt. Heute sind die Kirchen außerdem besser isoliert und werden oft wenig gelüftet. Vor den Gottesdiensten werden die Kirchen aufgeheizt, danach kühlen sie wieder aus, Feuchtigkeit schlägt sich nieder.

Dadurch entsteht eine tickende Zeitbombe in der Orgel: „Wenn die Essigsäure erstmal auf der Oberfläche ist, reagiert sie munter weiter“, sagt Peter Plagemann vom Fraunhofer-Institut in Bremen. Er hat für das Projekt in den Windladen der Orgeln, auf denen die Pfeifen sitzen, kleine Bleistreifen gelegt. Schon nach zwei Wochen zeigten sich auf ihnen Spuren von Azetaten, den Salzen der Essigsäure. Wenn die Schäden an den Pfeifen schließlich auffallen, dann ist es zu spät. „Die sind irreversible“, sagt Cordes.

Orgelbauer wie Hendrik Ahrend aus dem ostfriesischen Leer können die beschädigten Pfeifen dann nur noch austauschen. „Das ist wie bei einem Zahnarzt, der kariöse Zähne behandelt. Er kann nur noch retten, was da ist.“ Vorbeugen sei der beste Schutz, meint Ahrend. In Marienhafe hat seine Firma deshalb an einer von 1713 stammenden Orgel ein elektrisches Steuergerät eingebaut, das einen ständigen Luftstrom erzeugt und die Windladen belüftet.

Plagemann hat noch eine andere Idee: Nano-Beschichtungen auf den Pfeifen könnten die Essigsäure binden oder diese vor der voranschreitenden Korrosion schützen. Welche Maßnahmen tatsächlich helfen, will das Team um Cordes und Plagemann in einem großangelegten Forschungsprojekt untersuchen. Bisher fehlen ihnen allerdings noch die Fördergelder dafür.

dpa

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