Biogas im Umbruch: Rüben gegen Vermaisung

+
Die Spitze des Maisanbaus ist in Niedersachsen vielerorts bereits erreicht.

Hannover - Von Hans Brinkmann - Das in Teilen Niedersachsens dramatisch ausufernde Maisproblem könnte nach Einschätzung des Landwirtschaftsministeriums in Hannover durch effizientere Biogasanlagen und den verstärkten Anbau von Zuckerrüben eingedämmt werden.

Laut Ministerium war die Anbaufläche von Mais für die Energieproduktion in diesem Bundesland binnen acht Jahren von 4 600 auf rund 205 000 Hektar explodiert.

In einem Vortrag auf der Frühjahrstagung des Landesbetriebs für Statistik und Telekommunikation (LSKN) erklärte jetzt der zuständige Referatsleiter Gerd Höher, dass in zwei bis drei Jahren 30 Prozent der für die Biogas-Produktion genutzten Maisflächen durch Zuckerrüben ersetzt werden könnten. Im Emsland würden schon jetzt 3 000 Hektar von Mais auf Zuckerrüben umgestellt.

Höher äußerte zugleich die Erwartung, dass sich der Bedarf an Maisflächen für die Energieerzeugung durch effizientere Biogasanlagen deutlich reduzieren werde. Im Moment benötige man noch Pflanzen von etwa 500 Hektar, um ein Megawatt Strom per Biogas zu gewinnen. Im Jahr 2015 dürften es nur mehr 330 Hektar sein, 2020 sogar nur noch 280 Hektar. Durch effizientere Technik haben sich laut Höher die Laufzeiten der Anlagen von anfänglich 4 000 auf 8 000 Stunden im Jahr erhöht; weitere Fortschritte seien zu erwarten. Nach Angaben des Referatsleiters sind im Zuge des Biogas-Booms seit 2004 in Niedersachsen rund 1 000 neue Biogasanlagen mit einem Investitionsaufwand von zwei Milliarden Euro entstanden. Die jetzt insgesamt 1300 Projekte verfügten über eine installierte elektrische Leistung von 650 Megawatt. Das entspricht der Kapazität eines großen Kohlekraftwerks. Die Erlöse aus dem Verkauf von Strom, Wärme und Biomethan bezifferte Höher auf rund eine Milliarde Euro. Teilweise kein Wachstum mehr möglich

Dem Ministerialbeamten zufolge wird jedoch der rasante Ausbau des Biogasnetzes durch verschiedene Faktoren stark gebremst. So gebe es Verunsicherung wegen der Absenkung von Vergütungssätzen. Zum anderen sei in einigen Landesteilen aus ökologischen Gründen kein Wachstum mehr möglich. 2012 dürfte es nur einen Zubau von gut 20 Megawatt geben. Bis zum Jahr 2020 sei in Niedersachsen noch mit einem Anstieg der installierten Leistung auf 850 bis 900 Megawatt zu rechnen. Die Menge des aus Biogas erzeugten Stroms könne dann von jetzt fünf auf knapp sieben Milliarden Kilowattstunden steigen. Hinzu kämen weitere drei bis vier Milliarden Kilowattstunden durch die zunehmende Nutzung der Wärme, die bei der Stromerzeugung in diesen Anlagen entsteht.

Höher wertete Biogas mit einem Anteil von mittlerweile zehn Prozent an der Stromgewinnung in Niedersachsen und einer hochgerechneten Kohlendioxid-Einsparung von jährlich 2,8 Millionen Tonnen unter energie- und klimapolitischen Gesichtspunkten als wichtigen Faktor. Auch für die Landwirtschaft stelle dieser Bereich schon längst keine Nische mehr dar: Von den 25 000 Vollerwerbslandwirten in Niedersachsen seien 7 000 als Betreiber und/oder Rohstofflieferant mit Biogasanlagen verbunden. Dieses Engagement hat jedoch in Teilen des Landes zu dramatischen Verhältnissen geführt, wie Höher einräumte. Das gelte insbesondere für Regionen mit ausgeprägter Veredelungswirtschaft wie den Raum Emsland/Vechta/Cloppenburg. In diesen Gebieten mit extrem hohem Viehbesatz, entsprechendem Nährstoffaufkommen und enormen Engpässen an landwirtschaftlichen Nutzflächen habe der plötzliche Boom für Biogas den Maisanbau so dramatisch zunehmen lassen, dass quasi nichts mehr geht. Niedersachsen „vermaist“: „In manchen Dörfern liegt der Maisanteil bei 70 Prozent“, schilderte Höher. Mit 600 000 Hektar und einem Anteil von 34 Prozent an der Nutzfläche sei der Mais zur wichtigsten Kulturpflanze in Niedersachsen aufgestiegen. Der Großteil werde weiterhin für Futterzwecke verwandt; gut 230 000 Hektar lieferten jedoch mittlerweile die Basis für die Energieerzeugung in Biogasanlagen. 2004 seien dies erst 4 600 Hektar gewesen.

Höher glaubt nun allerdings, dass der „Pik beim Flächenverbrauch erreicht“ ist und das Problem durch effizientere Technik und den vermehrten Umstieg auf Zuckerrüben gemildert werden kann. So werde man trotz der Errichtung weiterer Biogasanlagen in Niedersachsen bis 2020 vermutlich mit 160 000 Hektar Acker- und 40 000 Hektar Grünlandflächen für die Gewinnung von Energiepflanzen auskommen. Sie stellen heute 54 Prozent der Grundmasse für die Anlagen dar. Dahinter rangieren mit 34 Prozent Gülle, mit acht Prozent Bioabfälle und mit vier Prozent Festmist.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Der Blauregen hat viel Kraft

Der Blauregen hat viel Kraft

Wandern, Waldbaden und Wellness in Bad Steben

Wandern, Waldbaden und Wellness in Bad Steben

Barock und Bio im Bliesgau

Barock und Bio im Bliesgau

Kampf gegen Corona: Italien verlängert Ausgangsverbote

Kampf gegen Corona: Italien verlängert Ausgangsverbote

Meistgelesene Artikel

Schwere Unfälle auf der A1: Fahrbahn Richtung Hamburg stundenlang gesperrt

Schwere Unfälle auf der A1: Fahrbahn Richtung Hamburg stundenlang gesperrt

Soforthilfe für den lokalen Handel: Wir verschenken Werbeplätze auf kreiszeitung.de!

Soforthilfe für den lokalen Handel: Wir verschenken Werbeplätze auf kreiszeitung.de!

Freizeitparks warten auf Saisonstart – ein Überblick in der Corona-Krise

Freizeitparks warten auf Saisonstart – ein Überblick in der Corona-Krise

Corona-Ticker: Baumärkte und Gartencenter in Niedersachsen öffnen wieder - viele neue Todesopfer

Corona-Ticker: Baumärkte und Gartencenter in Niedersachsen öffnen wieder - viele neue Todesopfer

Kommentare