Auschwitz-Prozess in der Schlussphase

„Späte Gerechtigkeit“

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Oskar Gröning

Lüneburg - Von Peer Körner. Im Auschwitz-Prozess von Lüneburg hatte mancher Prozessbeobachter wegen der angegriffenen Gesundheit des 94-jährigen Angeklagten ein vorzeitiges Aus befürchtet. Jetzt zeichnet sich überraschend ein schnelles Urteil ab. Das ist nicht nur für die Nebenkläger wichtig.

Auf einen Rollator gestützt kommt Oskar Gröning an den Verhandlungstagen nur langsam in den Gerichtssaal. Zwei Sanitäter helfen ihm. Während des Prozesses sitzen sie hinter dem völlig entkräftet wirkenden Angeklagten. Vor einigen Tagen ist der frühere SS-Mann 94 geworden. Wegen seines Zustands mussten immer wieder Prozesstermine aufgehoben werden. Seit Mai wird deshalb nur noch höchstens drei Stunden täglich verhandelt. Einer der letzten großen NS-Prozesse hätte wegen Verhandlungsunfähigkeit ein vorzeitiges Ende nehmen können. Doch nun sieht es anders als erwartet nach einem raschen Urteil aus. „Im Laufe des Juli könnte bei derzeitiger Planung der Kammer ein Urteil fallen“, sagt Gerichtssprecherin Frauke Albers dazu vorsichtig.

Schon am Mittwoch kommender Woche könnten die Plädoyers beginnen, teilt sie am Dienstag überraschend mit. Zuvor werde Gröning eine weitere Erklärung abgeben. Zum Abschluss des Verhandlungstages könnten dann die Schlussvorträge beginnen, möglicherweise über mehrere Prozesstage. „Eine Einstellung wegen einer eventuellen Verhandlungsunfähigkeit wäre das am wenigsten befriedigende Ende für das Verfahren gewesen“, sagt Nebenkläger-Anwalt Thomas Walther. Er geht von einem schnelleren Ende aus. „Ich rechne damit, dass das Urteil bereits bis Mitte Juli fallen kann“, sagt Walther. „Für die Nebenkläger bedeutet es viel, dass in dem Verfahren ein Urteil gesprochen wird“, betont Walther. „Die Nebenkläger haben auf einen Dialog mit der deutschen Justiz gehofft. Das ist in exzellenter Weise geschehen.“

Von einer beinahe heilenden Wirkung des Prozesses für die Zeugen hat der Jurist im Mai gesprochen. Das stehe in völligem Kontrast zu anderen Auschwitz-Prozessen, betonte Walther. Den Überlebenden gehe es um „eine sehr späte Gerechtigkeit“, die sie von der deutschen Justiz erwarten, hatte Walther vor dem Prozess gesagt. „Ihre Eltern und Geschwister werden Gesicht und Stimme gewinnen.“ Das ist geschehen - die Zeugen haben von den furchtbaren Zuständen schon bei den tagelangen Transporten nach Auschwitz berichtet, vom Abschied an der Rampe, vom grauenvollen Sterben. „Es geht mir nicht um die Strafe, es geht mir um das Urteil, die Stellungnahme der Gesellschaft“, sagte die Auschwitz-Überlebende Eva Pusztai-Fahidi vor Gericht. „Das Urteil zählt“, hatte auch Nebenkläger William Glied zuvor am Rande des Verfahrens mit Blick auf Gröning betont. „Die Welt muss wissen, dass er da war, und das passiert ist, was passiert ist.“ Gröning ist wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen während der sogenannten Ungarn-Aktion im Sommer 1944 angeklagt.

Er übernahm zu Beginn des Verfahrens eine moralische Mitschuld und räumte ein, Geld aus dem Gepäck der Verschleppten gezählt und an die SS in Berlin weitergeleitet zu haben. Ursprünglich war der Prozess bis zum 29. Juli terminiert worden. Dann waren aber wegen der angegriffenen Gesundheit Grönings Verhandlungstermine bis in den November angesetzt worden. Walther hat es als „schwerwiegendes Versäumnis“ bezeichnet, dass es seit Mitte der 60er Jahre kein einziges Verfahren gegen einen Angehörigen der SS in Auschwitz wegen Beihilfe zum Mord gegeben hat. Sollte Gröning verurteilt werden, so wäre dies laut NS-Fahndungsstelle die erste Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord in einem Lager seit dem Verfahren gegen den früheren Sobibor-Aufseher John Demjanjuk 2011.

„Eine Verurteilung von Oskar Gröning würde bedeuten, dass wir Rechtssicherheit bekommen“, sagt Kurt Schrimm, Leiter der NS-Fahndungsstelle. „Voraussetzung wäre allerdings, dass die Verteidigung beim Bundesgerichtshof Revision gegen das Urteil einlegt, weil es sonst eine Einzelfallentscheidung bleibt.“ „Auch ohne Revision geht es in diesem Verfahren für die Nebenkläger um die Beteiligung Grönings am Massenmord in Auschwitz“, sagt Walther. „Die notwendige Rechtssicherheit ergibt sich da aus der korrekten Anwendung des Gesetzes, wie es in den letzten vier Jahrzehnten seitens der deutschen Justiz nicht geschehen ist.“
dpa

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