Einsamkeit und psychische Erkrankungen

161-mal den Notruf gewählt: Was steckt hinter den Fake-Anrufen?

Rund 160 Mal hat eine Frau aus dem Kreis Aurich den Notruf gewählt. Ein Ärgernis für die Polizei – doch hinter solchen Anrufen steckt oft ein trauriger Grund.

Genau 161-mal hat eine Frau aus dem Kreis Aurich über den Notruf (110) die Polizei alarmiert und so Leitungen für andere Menschen in Not blockiert. Die Beamten hätten schnell festgestellt, dass bei allen Anrufen der 49-Jährigen keine echte Notlage vorgelegen habe, sagte eine Sprecherin der Polizeidirektion Osnabrück am Montag. 

Die 161 falschen Notrufe liefen über zwei Wochen bei der Regionalleitstelle Wittmund ein und dauerten insgesamt fast eineinhalb Stunden. Das sei wertvolle Zeit für echte Notrufe, für die dann aber eine Leitung belegt sei, sagte die Sprecherin.

Notruf-Anrufe ohne Notfall für Polizei keine Seltenheit

Trotz Ansagen der Beamten am Telefon und eines Hausbesuches zeigte sich die Anruferin uneinsichtig. Nun erwartet sie eine Anzeige wegen Missbrauchs von Notrufen. Bei einer Verurteilung drohen laut Polizei entweder eine Geldstrafe oder bis zu einem Jahr Gefängnis. Was die Frau zu ihren Anrufen trieb, dazu machte die Polizei keine Angaben.

Angesichts des Falls appellierte die Polizei, die Nummern 110 und 112 nur in Notfällen zu wählen: „Wenn man sich nicht sicher ist, lieber einmal zu viel den Notruf wählen, als gar nicht anzurufen“, sagte die Sprecherin. Falls sich eine vermeintliche Notlage hinterher anders darstelle, seien keine Konsequenzen zu befürchten.

Das Menschen den Notruf wählen, es aber keinen Notfall gibt, kommt öfter vor.

Anrufe, wie diese seien keine Seltenheit. Was dahinter steckt, weiß die Polizei nicht: „Sobald die Kollegen und Kolleginnen merken, dass es keine Notlage ist, beenden sie das Gespräch“, sagt Nadine Kluge-Gornig von der Polizei Osnabrück. Statistische Erhebungen über die Zahl der Anrufe, die ins Leere gehen, gibt es nach ihren Aussagen nicht. „Es kommt vor, jedoch nicht mit solcher Hartnäckigkeit. Das ist eher selten.“

Gründe für Fake-Anrufe: Einsamkeit, Langeweile und psychische Erkrankungen

„Sowohl Langeweile und Einsamkeit als auch psychische Erkrankungen können eine solche Situation hervorrufen, auch wenn eine Beurteilung auf Distanz nur schwerlich möglich ist“, sagt Psychologe und Kriminologe Florian Stoeck. Er arbeitet schwerpunktmäßig mit Menschen in akuten Krisen und nach Notfällen.

„Insbesondere querulatorische Persönlichkeitseigenschaften wären hier denkbar“, schätzt er ein. Betroffene Personen leiden in diesem Fall unter wahnhaften Störungen, die sich durch mangelnde Einsichtsfähigkeit äußern. Die Menschen entwickeln die wahnhafte Überzeugung, im Recht zu sein: „Aber auch Erkrankungen, bei denen sich jemand verfolgt oder von Nachbarn drangsaliert fühlt, können der Grund sein. In solchen Situationen ist es ja auch nachvollziehbar, sich mit seinem Anliegen – welches subjektiv besteht – an die Polizei zu wenden“, meint Stoeck.

Es kann viel dahinter stecken, etwa eine massive Angststörung oder Psychose.

Jürgen Walter, Diplom-Psychologe

Auch Diplom-Psychologe Jürgen Walter kennt die Problematik, diese sei kein seltenes Phänomen. „Es dringt nur nicht an die Öffentlichkeit“, denkt er. Viele Jahre hat er in der Psychiatrie gearbeitet und berät heute unter anderem die Polizei im Umgang mit schwierigen Gesprächspartnern. „Es kann viel dahinter stecken, etwa eine massive Angststörung oder Psychose“, vermutet er. Das Problem lasse sich aber nicht durch die Polizei lösen.

Wenn Anrufe wie diese wiederholt eingehen, sieht er jedoch die Aufgabe bei der Polizei, den sozialpsychiatrischen Dienst einzuschalten: „Verständnis ist hier wichtig. Menschen wie die Frau rufen nicht an, um die Polizei zu ärgern oder aus bösem Willen. In ihrer Wahrnehmung steckt die Frau in einer Notlage“, sagt Jürgen Walter.

  • Übersicht: Die wichtigsten Notrufnummern in Deutschland

    Polizei: 110
    Rettungsdienst und Feuerwehr: 112
    Ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116117

Das kann ein Krankheitszeichen sein, aber ist sicher keine Boshaftigkeit“, schätzt der Diplom-Psychologe die Situation ein. Trotzdem hat er auch Verständnis für die Situation der Beamten: „Entweder legen sie zu schnell auf und versäumen es, einer Person zu helfen. Oder sie haken genauer nach und Menschen, die in einer tatsächlichen Notlage sind, kommen nicht durch. Auf mich wirkt diese Situation jedoch nicht so einfach, als dass das Strafgesetzbuch das Problem löst“, sagt Jürgen Walter.

Von Maria Sandig, mit Material der dpa

Rubriklistenbild: © Zacharie Scheurer/ dpa

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