Ein Auftragskiller erzählt aus seiner Biographie

Das Leben, ein Pfusch

Verden - Von Martin Sommer. Immer wieder hat er seine Chance im Leben gesucht, doch stattdessen wurde er ausgebeutet und gedemütigt. Das Bild, das der 33-jährige Nicolae S. von seinem Leben zeichnet, ist das eines Opfers. Dabei ist er derjenige, der sich als Auftragskiller wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht Verden verantworten muss.

Aufgewachsen in der rumänischen Provinz arbeitete er als Tischler mal hier und mal da, ehe er zu seiner Schwester nach Bukarest zog. Dort habe er ihren Liebhaber Mustafa B., einen Familienvater, kennengelernt. „Sie waren ein Paar.“

Auch Mustafa B. sitzt in Verden auf der Anklagebank. Der 52-jährige Patriarch soll mit seinem Sohn Ragib (33) sowie dem Familienoberhaupt Adnan T. (52) und dessen Sohn Umut (25) den Angeklagten zum Mord an dem Nienburger Geschäftsmann Yasar B. (58) angestiftet haben. Der Plan schlug fehl, das Opfer überlebte schwer verletzt.

Das Quintett hatte den Kaufmann ins Visier genommen, weil er sich mit Asli, der abtrünnigen Ehefrau von Ragib B. und Tochter von Adnan T. eingelassen hatte. In den Augen der beiden Clans, so steht es in der Anklageschrift, war damit die Familienehre beschmutzt. Doch in dieser „Ehrensache“ herrscht Schweigen. Lediglich Adnan T., der das Geld für den verhinderten Mord locker gemacht haben soll, stellte gestern fest: „Ich habe mit der Sache nichts zu tun.“

Nicolae S., der Hauptangeklagte, will reinen Tisch machen. Als eine Art Kronzeuge wurde er in das Zeugenschutzprogramm aufgenommen; sein Leben gilt als gefährdet, solange er nicht vollständig vor Gericht ausgesagt hat. Deshalb gleicht das Landgericht an den Verhandlungstagen einer Festung: Einlasskontrollen wie an Flughäfen, dutzende Sicherheitskräfte und eine Wand aus Panzerglas, die das Publikum von den Akteuren im Saal trennt. Es scheint tatsächlich so, als ginge es hier noch immer um Leben und Tod.

Vornehmlich aber steht das verpfuschte Leben von Nicolae S. im Blickpunkt. Der Schütze berichtet, wie Mustafa B. weiterhin seiner Schwester nachstellte und wutentbrannt einen Spiegel zertrümmerte, als er vom neuen Liebhaber der Schwester erfuhr. Mit ruhiger Stimme erzählt der Angeklagte auch von einer Meinungsverschiedenheit mit einem körperlich überlegenen WG-Mitbewohner auf Lanzarote. Als dieser im Verlauf des Wortgefechts mit einer Schere zustach, stand wie zufällig ein Baseballschläger bereit – und Nicolae S. ergriff ihn. Es folgten vier Jahre Haft wegen versuchten Totschlags.

Irgendwann, im Frühsommer 2013, kam Nicolae S. nach Deutschland. Er kannte nur Mustafa B., der in Hoya ein Cafe betrieb. Alles andere war fremd – und der Neuankömmling ganz unten: tagsüber schuften in Garbsen, abends jobben in Mustafas Cafe. „Ich wurde nicht nett behandelt – ohne Respekt“, sagt Nicolae frei von erkennbaren Emotionen. Beim Aufräumen der Tische seien Flaschen absichtlich zu Boden gestoßen worden, damit er sich bücken musste. Diese Erniedrigung fand erst ein Ende, wenn er nachts sechs Stühle nebeneinander stellte und eine dünne Matratze darauf legte. „Das war mein Schlafplatz.“ Im Knast führt er nun ein besseres Leben.

Der Prozess wird am 18. September fortgesetzt.

Lesen Sie dazu auch den Bericht vom 4.9.2015

Eine blutige Frage der Ehre

Rubriklistenbild: © dpa

Mehr zum Thema:

Merkel, Trump und Co. beim G7-Gipfel auf Sizilien: Die Bilder

Merkel, Trump und Co. beim G7-Gipfel auf Sizilien: Die Bilder

Mit kurzer Hose ins Büro? Zehn Outfit-Fails im Sommer

Mit kurzer Hose ins Büro? Zehn Outfit-Fails im Sommer

Edel, sexy, elegant: So präsentierten sich die Stars bei der amfAR-Gala 

Edel, sexy, elegant: So präsentierten sich die Stars bei der amfAR-Gala 

Mehr als 90 Tote infolge von Unwettern in Sri Lanka

Mehr als 90 Tote infolge von Unwettern in Sri Lanka

Meistgelesene Artikel

Streifenwagen der Bereitschaftspolizei beschossen

Streifenwagen der Bereitschaftspolizei beschossen

18-Jähriger bei Unfall tödlich verletzt

18-Jähriger bei Unfall tödlich verletzt

Frau hinter Auto hergeschleift - Mann gesteht „grauenvolle Tat“

Frau hinter Auto hergeschleift - Mann gesteht „grauenvolle Tat“

„Ich bin kein Sklave“ - Am Auto gezogene Frau schildert Martyrium

„Ich bin kein Sklave“ - Am Auto gezogene Frau schildert Martyrium

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion