Immer mehr Nebenjobber

Wirtschaftsboom kommt nicht bei den Armen an

Hannover - Trotz anhaltend guter Wirtschaftslage und Hunderttausender neuer Jobs in Niedersachsen geht die Armut nicht zurück.

Rund 1,25 Millionen Menschen waren im vergangenen Jahr von Armut bedroht, die Armutsgefährdungsquote stagnierte 2016 bei 16,0 Prozent, wie das Statistische Landesamt am Dienstag mitteilte. Besonders betroffen sind Erwerbslose und Alleinerziehende, Kinder und junge Leute sowie Geringqualifizierte und Migranten.

Ein Gegensteuern kündigte Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) bei der Vorstellung des SPD-Landtagswahlprogramms an: Es könne nicht sein, dass Menschen trotz Arbeit von Armut betroffen seien und Unternehmen Arbeit auf zahlreiche Minijobs oder Teilzeitstellen zerstückelten. In der Region Hannover etwa seien von den 420.000 Beschäftigten 86.000 Aufstocker, die zusätzlich zu ihrem Lohn Sozialleistungen beziehen. „Es muss uns auch gelingen, dass die, die arbeiten, davon auch leben können.“ Langzeitarbeitslose sollten besser qualifiziert und der Missbrauch von Werksverträgen noch intensiver bekämpft werden.

Für die anhaltende Armut in Niedersachsen macht die Landesarmutskonferenz (LAK) die Politik verantwortlich. „Angesichts wachsender sozialer Verwerfungen am Arbeitsmarkt und schwindender sozialer Sicherheit bei Arbeitslosigkeit ist es endlich an der Zeit, die Politik der vergangenen Jahre nachhaltig zu korrigieren“, forderte LAK-Geschäftsführer Klaus-Dieter Gleitze. „Das Geld für mehr soziale Gerechtigkeit ist da. Was fehlt, ist der politische Wille zur Veränderung.“ In Niedersachsen seien fast 100.000 Menschen langzeitarbeitslos, fast ein Viertel aller Beschäftigten arbeiteten im Niedriglohnsektor.

Immer mehr Nebenjobber

Weiterhin beklagte Gleitze einen starken Anstieg bei Nebenjobbern. Seit den Hartz-Reformen habe sich die Zahl mehr als verdoppelt. Vor allem Menschen mit unterdurchschnittlichem Verdienst im Hauptjob hätten einen zusätzlichen Minijob.

Haushalte gelten als von Armut bedroht, wenn sie weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Die Armutsgefährdungsschwelle lag 2016 in Niedersachsen für einen Einpersonenhaushalt bei 953 Euro, für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2002 Euro. Bei Haushalten von Alleinerziehenden mit einem Kind unter 14 Jahren lag die Schwelle bei 1430 Euro. Wenn man statt des niedersächsischen das höhere bundesweite Durchschnittseinkommen zu Grunde legt, betrug die Armutsgefährdungsquote 2016 in Niedersachsen 16,7 Prozent.

Wie in den Vorjahren waren in Niedersachsen - wie auch bundesweit - insbesondere junge Menschen von Armut bedroht: Bei den unter 18-Jährigen war jeder Fünfte und bei den unter 25-Jährigen jeder Vierte betroffen. Bei den Menschen über 65 lag die Gefährdungsquote bei 15 Prozent und war gegenüber 2015 leicht rückläufig. Bei Geringqualifizierten ist die Quote mit 31,9 Prozent fast drei Mal so hoch wie bei Menschen mit mittlerer (10,8 Prozent) und mehr als fünf Mal so hoch wie bei Menschen mit hoher Qualifikation (5,9 Prozent).

Hohe Gefährdung für Zuwanderer

Bei Zuwanderern war die Armutsgefährdungsquote mit 30,9 Prozent doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Migrationshintergrund, bei Ausländern war sie mit 43 Prozent mehr als dreimal so hoch wie bei deutschen Staatsangehörigen.

Während bei den Alleinerziehenden 44,9 Prozent von Armut bedroht sind - immerhin gab es hier einen Rückgang um 1,7 Prozent - lag die Quote bei Familien mit Vater, Mutter und einem oder zwei Kindern bei rund zehn Prozent. Knapp bei Kasse sind indes häufig kinderreiche Familien mit drei oder mehr Kindern, hier kletterte die Quote im Vergleich zum Vorjahr um 1,5 Punkte auf 27,6 Prozent.

Erfasst wurde von den Statistikern auch die Reichtumsquote, die in Niedersachsen von 7,4 Prozent in 2015 auf 7,0 Prozent in 2016 sank. Als reich gelten alle Personen mit einem monatlichen Nettoeinkommen, das mehr als doppelt so hoch ist wie der regionale Durchschnitt. Bundesweit lag die Reichenquote wie im Vorjahr bei 8,2 Prozent.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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