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Wie Gott uns schuf: Größtes Outing der Geschichte – streng katholisch und queer

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Von: Andree Wächter

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Nach jahrelangem Versteckspiel und Angst haben sich 125 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der katholischen Kirche als queer geoutet und ein Ende ihrer Diskriminierung gefordert.

Die katholische Kirche steckt vermutlich in ihrer tiefsten Krise seit der Reformation. Gerade wurde der emeritierte Papst Benedikt XVI. der Lüge im Missbrauchsskandal bezichtigt. Die Berichte über Missbrauchsskandale reißen nicht ab und nun ploppt ein weiteres Thema erneut auf: die Sexualmoral. Irgendwie will die katholische Kirche nicht im 21. Jahrhundert ankommen. Das Problem: Wer sexuell nicht dem Glauben entspricht, kann die Kündigung erhalten. Dabei geht es nicht nur um „schwul sein“, es geht auch um homosexuelle Partnerschaften.

Mitglieder kath. Kirche weltweit1.313.000.000 (Stand: 2017)
PapstFranziskus
SitzVatikanstadt
Priester414.582 (Stand: 2017)

In einer beispiellosen Aktion haben sich 125 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der katholischen Kirche als queer geoutet und ein Ende ihrer Diskriminierung gefordert. Unter ihnen sind Priester, Gemeinde- und Pastoralreferenten, Religionslehrer, aber auch Mitarbeiter aus der kirchlichen Verwaltung. Als queer bezeichnen sich nicht-heterosexuelle Menschen beziehungsweise Menschen, die sich nicht mit dem traditionellen Rollenbild von Mann und Frau oder anderen gesellschaftlichen Normen rund um Geschlecht und Sexualität identifizieren.

Wie Gott uns schuf (ARD): 125 Mitarbeiter der katholischen Kirche outen sich als queer

Sie fordern eine Änderung des kirchlichen Arbeitsrechts, sodass die sexuelle Orientierung und die geschlechtliche Identität künftig kein Kündigungsgrund mehr sind. Außerdem sollen diffamierende Aussagen zu Geschlechtlichkeit und Sexualität aus der kirchlichen Lehre gestrichen werden. Der Zugang zu den katholischen Sakramenten und zu allen Berufsfeldern der Kirche dürfe ihnen nicht mehr vorenthalten werden. Im vergangenen März hatte der Vatikan noch einmal klargestellt, dass homosexuelle Partnerschaften nicht den Plänen Gottes entsprächen.

Im Namen des Vaters: Pfarrer Bernd Mönkebüscher am Ende des Gottesdienstes. Er organisierte Segnungsgottesdienste für homosexuelle Paare.
Im Namen des Vaters: Pfarrer Bernd Mönkebüscher am Ende des Gottesdienstes. Er organisierte Segnungsgottesdienste für homosexuelle Paare. © Bruse

Die Kirche hat dabei ein sehr einfach gestricktes Verhältnis zur sexuellen Identität. Sie unterscheidet nur zwischen empfundener und praktizierter Homosexualität. Die Neigung an sich ist nicht zwangsläufig sündhaft, der homosexuelle Akt hingegen wird verurteilt. Er widerspricht der natürlichen Ordnung, weil er kein Leben zeugt, so die Kirchenlehre. Viele Jugendliche bringen sich ein – meist in der evangelischen Kirche.

Pfarrer Bernd Mönkebüscher aus Hamm, der 2021 bereits bundesweite Segnungsgottesdienste für homosexuelle Paare mit initiiert hatte, sagte, die Aktion sei durch das Coming-out – also die Öffentlichmachung der sexuellen Orientierung oder Identität – von 185 Schauspielern im vergangenen Jahr inspiriert worden. Die damaligen Unterzeichner, unter ihnen Ulrich Matthes und Ulrike Folkerts, hatten kritisiert, dass sich viele nicht offen zu ihrem Queersein bekennen könnten, ohne berufliche Nachteile befürchten zu müssen.

Das gelte für die katholische Kirche natürlich noch in viel stärkerem Maße, sagte Mönkebüscher: „Die Gemeindereferentin, die ihre Freundin heiraten will, verliert ihren Job.“ Das bestätigt Monika Schmelter (65) aus Lüdinghausen im Münsterland.

Katholische Religionslehrerin ist lesbisch

Sie hat die Beziehung zu ihrer Frau 40 Jahre verheimlicht, weil sie selbst bei der Caritas arbeitete und ihre Partnerin Religionslehrerin war. Sie hätten beide lange Anfahrtswege zu ihrer Arbeit in Kauf genommen, um nicht entdeckt zu werden, sagte Schmelter. Als es irgendwann doch durchgesickert sei und sie sich ihrem Chef anvertraut habe, sei von dem die Ansage gekommen: „Wenn ich das weiter geheim halte, dann kann ich meinen Job behalten. Aber wenn ich das an meinem Dienstort offen gemacht hätte, hätte das zu meiner Kündigung geführt.“

Einer, der für die Dokumentation vor die Kamera gegangen ist, ist Jens Ehebrecht-Zumsande (50) aus Hamburg. Der Religionspädagoge ist schwul und arbeitet beim Erzbistum Hamburg als Gemeindereferent.

Als er einmal in eine andere Gemeinde versetzt werden sollte und er diese Stelle nicht antreten wollte, diskutierte er lange mit dem Verantwortlichen. „Als ich am Ende immer noch sagte, dass ich auf diese Stelle nicht gehen würde, sagte der: Sie an Ihrer Stelle in Ihrer besonderen Lebensform sollten lieber das tun, was wir jetzt von Ihnen erwarten“, erzählt Ehebrecht-Zumsande. „Es wurde überhaupt nicht benannt, dass es darum geht, dass ich schwul bin. Aber die Drohung war sehr deutlich so gemeint.“

Ich bleibe auch aus Trotz

Jens Ehebrecht-Zumsande, Religionspädagoge

Es scheint es geradezu absurd zu sein, dass sie trotz offensichtlicher Diskriminierung noch immer für die katholische Kirche arbeiten. „Ich bin noch nicht ausgetreten, weil mir etwas liegt an dieser Kirche“, sagt der Initiator der Kampagne #OutInChurch, Jens Ehebrecht-Zumsande im Magazin Spiegel. „Ich bleibe auch aus Trotz, denn ich will nicht, dass mir andere sagen, dass ich nicht dazu gehöre.“

Dafür steht die Abkürzung LGBTIQ+

Die Initiative, die nun die Öffentlichkeit gegen solchen Druck vonseiten der Kirche mobilisieren will, trägt den Namen „#OutInChurch. Für eine Kirche ohne Angst“. Das Netzwerk ruft alle LGBTIQ+-Personen, die haupt- oder ehrenamtlich für die katholische Kirche tätig sind, dazu auf, sich der Initiative anzuschließen. An die Bischöfe geht der Appell, öffentlich ihre Unterstützung für das Manifest zu erklären. LGBTIQ steht für Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Trans, Inter und Queer, das Pluszeichen steht für weitere Identitäten und Geschlechter.

In dem Manifest heißt es unter anderem, die abwertenden Aussagen der Kirche etwa zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen seien im Lichte wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht mehr haltbar und hinnehmbar. „Eine solche Diskriminierung ist ein Verrat am Evangelium.“ Die Kirche müsse vielmehr zum Ausdruck bringen, „dass LGBTIQ+-Personen, ob alleine oder in Beziehung lebend, von Gott gesegnet sind“.

Katholische Kirche: Reformbewegung Maria 2.0 fordert Reformen

Die Reformbewegung Maria 2.0 solidarisierte sich mit der Initiative. Eine Reform des kirchlichen Arbeitsrechts und eine Revision der kirchlichen Lehre seien „unbedingt notwendig, da die katholische Kirche mit ihrer diskriminierenden Haltung gegenüber queeren Menschen weltweit unverantwortlich im Sinne der Menschenrechte handelt“. Die Tatsache, dass man im Jahr 2022 in Deutschland noch Mut brauche, um sich zum Queersein zu bekennen, sei ein Skandal.

Zahlreiche katholische Verbände, darunter die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands, reagierten positiv auf das Outing. Es dürfe nicht länger hingenommen werden, dass Menschen in kirchlichen Kontexten – seien es Hauptberufliche im kirchlichen Dienst oder Ehrenamtliche in Verbänden – aus Angst gegenüber Kirchenvertreter*innen ein Schattendasein führen müssen, wenn sie nicht dem von der Kirche normierten Geschlechterbild entsprechen“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. Darum sei ein Outing ein mutiger und für viele sicherlich kein einfacher Schritt.

Wie Gott uns schuf (ARD): Queer in der katholischen Kirche

Zu der Thematik läuft am Montagabend (24. Januar) um 22.25 Uhr in der ARD die Dokumentation „Wie Gott uns schuf“. Darin treten einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Initiative erstmals vor die Kamera. Sie berichten von einem oft jahrelangen Versteckspiel und der Angst vor dem Outing. Alternativ ist sie auch in der ARD-Mediathek zu finden.

Für „Wie Gott uns schuf“ hat der Journalist Hajo Seppelt fast zehn Jahre lang recherchiert. Er ist ein Experte in Sachen Doping. Seine Recherche führten dazu, dass einige Betrüger ermittelt werden konnten. Dazu gehört auch das Netzwerk rund um den Arzt Eufemiano Fuentes. (Mit Material der dpa) * kreiszeitung.de ist Angebote von IPPEN.MEDIA.

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