Erntehelfer am Limit

Arbeit an der Stange: Spargelbauer hoffen in Zukunft auf ukrainische Saisonkräfte

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Dietrich Paul steht an einer Schälmaschine auf seinem Hof. Der Hoyerhäger war fast drei Jahrzehnte lang Vorsitzender der Vereinigung der Spargelanbauer Niedersachsen und weiß darum um die Nöte der Branche. Das derzeit drängendste Problem: der Mangel an Erntehelfern.

„Wenn das so weitergeht, werden wir sicher nicht mehr so viel Spargel ernten können“, klagt Dietrich Paul. Dann blieben Stangen in der Erde. Mehr als 100 Helfer arbeiten in diesen langen Tagen in der Saison auf Pauls Hof in Hoyerhagen.

Hoyerhagen/Kirchdorf - Er kommt klar. Aber der 70-Jährige, der 27 Jahre lang Vorsitzender der Vereinigung der Spargelanbauer (mittlerweile Spargel- und Beerenanbauer) Niedersachsen war, weiß auch, dass das längst nicht mehr auf alle in der Branche zutrifft. Anderswo sei der Mangel an Saisonkräften eklatant und die Ausfallquote höher als zuvor.

Vor 50 Jahren deutsche Hausfrauen auf den Feldern

Ein kleiner Blick auf die Geschichte der Spargel-Ernte in Deutschland: „Vor 50 Jahren haben deutsche Hausfrauen das gemacht“, sagt Paul. Nach dem Mauerfall kamen vor allem viele polnische Saisonkräfte. „Damit ist der große Boom beim Spargel und den Erdbeeren ausgebrochen.“ 

Seit 2011 gilt auch für Polen die sogenannte Arbeitnehmerfreizügigkeit, seitdem muss die Bundesagentur für Arbeit keine Extra-Erlaubnis mehr erteilen, damit Helfer aus den acht mittelosteuropäischen Staaten, die 2004 zur EU beigetreten sind, loslegen dürfen. Seit 2014 gilt die Freizügigkeit auch für Rumänien und Bulgarien.

Auf Pauls Spargelfeldern sind hauptsächlich Menschen aus diesen drei Ländern fleißig. Und ein paar junge Ukrainer, die Studenten sind und darum leichter Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt bekommen können – wenn bürokratische Hürden genommen sind.

Arbeitskräfte aus der Ukraine können noch nicht kommen 

Denn die Ukraine ist kein EU-Land, was es nahezu unmöglich macht, Arbeitskräfte aus dem Land zu bekommen. Der Hoyerhäger hofft darum, „dass es dort zum Drittstaatenabkommen kommt“. Damit wird es für Arbeitgeber in EU-Ländern einfacher, Arbeitnehmer aus Ländern außerhalb zu gewinnen.

Aktuell finden die Arbeiter auf Pauls Feldern teils durch Vermittler, oft durch Mundpropaganda und auch über die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung ihren Weg auf die Äcker an der Niedersächsischen Spargelstraße. 4.000 bis 5.000 Euro können die Erntehelfer von Mitte/Ende März bis zum Saisonende am 24. Juni verdienen – „wenn sie gut sind“, schränkt Paul ein. Zu dem Mindestlohn von 9,19 Euro pro Stunde kann sich jeder Erntehelfer Prämien hinzuverdienen.

Problem für hier: Wirtschaft in Osteuropa wächst

Aber warum ist die Lage auf dem Saisonarbeitsmarkt in dem Bereich dennoch generell angespannt? Ein Problem für hiesige Landwirte: Seit geraumer Zeit wächst die Wirtschaft in Osteuropa. Menschen finden also vermehrt auch in ihren Heimatländern Arbeit. Dietrich Paul fügt hinzu: „Spargelstechen steht in der Beliebtheitsskala nicht mehr an erster Stelle, weil den Menschen Tür und Tor in Europa offensteht.“ Spanien, Italien und England seien ernst zu nehmende Konkurrenten.

Zudem ist die Arbeit körperlich hart. So hart, dass Arbeitslose, die Arbeitsagenturen und Jobcenter vor Jahren mit Aktionen als Erntehelfer gewinnen wollten, gleich abwinkten oder das Projekt nach kurzer Zeit auf dem Acker wieder abbrachen, gibt die Agentur für Arbeit an.

Geflüchtete für Spargelbauer Thiermann keine Option

Heinrich Thiermann

Die Menschen, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland geflohen sind, sind für Spargelbauern keine Option. Viele dürften nicht ohne Weiteres arbeiten, erklärt Branchenprimus Heinrich Thiermann aus Kirchdorf im Städtedreieck Hannover, Bremen und Osnabrück. Er beschäftigt in der Spitze je 1 000 Helfer in seinem niedersächsischen Betrieb und einem weiteren in Brandenburg. Die Menschen, die bleiben dürfen und sich integrieren wollen, „die müssen in Betriebe, nicht in die Saisonarbeit“, sagt Thiermann weiter. Und wieder andere wollten nicht arbeiten.

Er sieht der Zukunft des Spargelanbaus in Deutschland dennoch nicht komplett negativ entgegen. Denn wenn es kein Überangebot – wie etwa aufgrund des Wetters im vergangenen Jahr – gebe, seien die Preise besser.

Lesen Sie auch: Die Ernte in der Region erfordert eine sekundengenaue Planung und Erntetunnel. Wir haben uns umgeschaut bei den Landwirten.

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