EU-Verordnung zur Eindämmung von Resistenzen

Antibiotika-Verbot! Ist jetzt das Leben von Haustieren in Gefahr?

Nach einer EU-Verordnung sind ab nächstes Jahr bestimmte Antibiotika für Tiere verboten. Tierärzte schlagen Alarm. Das Leben von Haustieren sei in Gefahr.

Brüssel –Jährlich werden in Deutschland über 700 Tonnen Antibiotika an Nutztiere verabreicht. Dieser massenhafte Einsatz fördert die Entstehung multiresistenter Keime. Um die daraus resultierenden Resistenzen gegen Antibiotika beim Menschen einzudämmen, sollen viele dieser Mittel zur Behandlung von Tieren nun EU-weit verboten werden. Tierärzte protestieren.

Ausschuss des Europäischen Parlaments:Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (ENVI)
Ausschussvorsitzender:Pascal Canfin
Hauptsitz: Brüssel, Belgien
Mitglieder:81

Bei den geplanten Verboten handelt es sich vor allem um die sogenannten Reserveantibiotika, die auch bei multiresistenten Erregern helfen – und die nach der geplanten Verordnung ausschließlich für die Behandlung von Menschen vorbehalten sein sollen. Die Regelung wurde schon 2019 verabschiedet und soll nun im Januar 2022 in Kraft treten. Das Verbot wurde im Ausschuss der Europäischen Union* für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, kurz ENVI, beschlossen. 

Nicht mehr in der Tierbehandlung – und zwar auch nicht in Notfällen wie beispielsweise schweren Infektionen – eingesetzt werden dürfen dann laut EU-Tierarzneimittelverordnung 2019/6 die von der WHO als für den Menschen besonders wichtig eingestuften Fluorchinolone, Cephalosporine der 3. und 4. Generation, Polymyxine und Makrolide .

EU-Verordnung: Das Verbot zielt auf die Massentierhaltung ab, träfe aber auch Haustiere

Das Problem: Viele dieser Arzneimittel retten nicht nur Menschenleben, sondern auch das erkrankter Tiere. Ohne einige dieser Medikamente können beispielsweise Ohren- und Lungenentzündungen oder bakterielle Infektionen von Hunden, Katzen, Kaninchen und andere Kleintieren nicht mehr entsprechend behandelt werden. Das Verbot, das in erster Linie die Antibiotikagabe in der Massentierhaltung eindämmen soll, träfe also auch sämtliche Haustiere.

Tierärzteverband startet Unterschriftenkampagne gegen Antibiotikaverbot

 „Zum Wohl aller Tiere müssen wir uns deshalb dafür einsetzen, dass alle für die Tiermedizin zugelassenen Antibiotika auch in Zukunft weiter zur Behandlung zur Verfügung stehen“, mahnt nun der Präsident des Bundesverbandes Praktizierender Tierärzte (bpt) Dr. Siegfried Moder: „Anderenfalls würde es schlimmstenfalls den Tod vieler Tiere bedeuten.“ Der bpt hat mit einem Aufruf an seine Mitgliedspraxen eine Kampagne gestartet, um bei Tierhaltern bis zum 8. September 2021 Unterschriften gegen das von der EU geplante Antibiotikaverbot zu sammeln. Vor der finalen Abstimmung Mitte September in Brüssel sollen die Unterschriften dann an die deutschen Abgeordneten im EU-Parlament übergeben werden.

Grünen-Politiker fordert Verbot von Reserveantibiotika in der Massentierhaltung

Der Europaabgeordnete und agrarpolitische Sprecher der Fraktion Grüne/EFA, Martin Häusling, hingegen begründete im Gespräch mit merkur.de das geplante Reserveantibiotika-Verbot mit dringendem Handlungsbedarf*: Aufgrund des deutlich gestiegenen Einsatzes von Antibiotika haben viele Menschen Resistenzen aufgebaut. Diese Antibiotikaresistenzen führten zu 33.000 Toten jährlich in der EU. „Die Zahlen sind drastisch, wir müssen reagieren“, warnt Häusling. Reserveantibiotika, die bei Infektionen mit Bakterien, die gegen gängige Antibiotika resistent sind zum Einsatz kommen, dürften daher nicht mehr in der Tiernutzung eingesetzt werden, fordert er.

Resistente Keime sogar schon in Hundefutter entdeckt

Tatsächlich ist die Verbreitung von resistenten Keimen besorgniserregend. Forscher der Fakultät für Pharmazie an der Universität Porto (Portugal) hatten die für den Menschen gefährlichen Erreger in mehr als der Hälfte des untersuchten Hundefutters gefunden* 30 der 55 Proben aus Supermärkten und Tierhandlungen enthielten gefährliche Keime, Enterokokken. Mehr als 40 Prozent waren resistent gegen die Antibiotika Erythromycin, Tetracyclin, Quinupristin-Dalfopristin, Streptomycin, Gentamicin, Chloramphenicol, Ampicillin oder Ciprofloxacin. Besonders erschreckend: Weitere 23 Prozent der Proben – durchweg Rohfutter – wiesen sogar eine Resistenz gegen das Reserveantibiotikum Linezolid auf.

Im ENVI-Ausschuss der EU wurde ein strengeres Antibiotikaverbot für Tiere beschlossen. (Symbolbild)

Tierschutz von Nutztieren – Tierwohl statt Billigmast schützt vor Antibiotika-Einsatz

Verwundern sollte der Nachweis der Multiresistenzen im billig produzierten Tierfutter dennoch nicht. Die Produktion von Billigfleisch bedeutet grundsätzlich die Haltung von sehr vielen Tieren auf sehr wenig Raum. Dies ist nur unter Einsatz großer Mengen von Antibiotika möglich. Darum kommt jeder Tierschutz in der Aufzucht am Ende auch dem Menschen zugute, weshalb die Ankündigung des Lebensmittelriesen Aldi, das Billigfleisch aus dem Sortiment zu werfen, ein guter Schritt ist.

Grüner EU-Abgeordneter: „Menschliche Gesundheit vor billiger Mast“

Der Europaabgeordnete Martin Häusling betonte gegenüber merkur.de: „Für mich steht die menschliche Gesundheit über den Interessen einer billigen Mast“. Und das Antibiotika-Verbot beziehe sich darum ausdrücklich auf die Massen- nicht auf die Einzeltierhaltung: „Natürlich ist die Unterscheidung zwischen den Tiergruppen regelbar.“ Da es in der aktuellen Verordnung so nicht vorgesehen sei, habe seine Fraktion eine entsprechende Resolution eingebracht, damit die Kommission diese Unterscheidung vornehmen könne. Das jedoch, kontert der Tierärzteverband, sei so gar nicht möglich. Rechtlich gebe es überhaupt keine Möglichkeit dazu, weil die Ursprungsverordnung die Differenzierung zwischen den Tierarten nicht vorsehe – nach dem Motto „Entweder alle oder keiner“.

Ob Reserve-Antibiotika nur dem Menschen zugute kommen dürfen, wird im September entschieden

Klar ist also, die Sachlage ist unklar. Und in jedem Fall wird die Debatte sowohl den EU-Ausschuss als auch den Bundesverband Praktizierender Tierärzte mindestens bis zur finalen Abstimmung Mitte September beschäftigen. Und dann wird sich auch erst zeigen, ob die Gesundheit der Haustiere tatsächlich auf dem Spiel steht. Oder ob Ausnahmen für Bello, Mauzi, Klopfer und Co. gemacht werden. Denn wenn der Beschluss im nächsten Januar in Kraft tritt, müssen diese entscheidenden juristischen Unterschiede geklärt sein. *24hamburg.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Tierheim Berlin/dpa

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