Landwirte rechnen mit dem Schlimmsten

Afrikanische Schweinepest: Es ist zum Keulen

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Dieses Schwein blickt wie seine gut 8,5 Millionen niedersächsischen Artgenossen in eine ungewisse Zukunft. 

Br.-Vilsen/Hannover - Von Felix Gutschmidt. 2018 wird ein schlechtes Jahr für viele Landwirte, davon geht Nadine Henke aus. Zusammen mit ihrem Mann Heinrich (47) führt sie einen Ferkelaufzuchtbetrieb in Bruchhausen-Vilsen (Landkreis Diepholz). Das Paar betreibt großen Aufwand, um seine rund 1 200 Tiere von der Außenwelt abzuschirmen. Vor der Afrikanischen Schweinepest wird sie das nicht bewahren. „Irgendwann wird es uns erwischen“, sagt die 38-Jährige – so oder so.

Seit die Krankheit in Polen und Tschechien nachgewiesen worden ist, scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie Deutschland erreicht. Das ist insbesondere für Niedersachsen ein Problem. Dort leben nach Angaben des Statistischen Bundesamts etwa 8,5 Millionen Schweine. Rechnerisch stammt jedes dritte Schnitzel Wiener Art aus der Region zwischen Harz und Küste.

Die Überträger der Afrikanischen Schweinepest sind mobil: Wildschweine, die dutzende Kilometer am Tag zurücklegen und sich nicht um Grenzen scheren. Und was noch viel schwerer wiegt: Fernfahrer und Touristen, die von Polen über die A 2 ins Land kommen. Sie schleppen den Erreger in Butterbrotdosen ein. In Salami, Schinken und anderen nicht gekochten Wurstprodukten aus dem Fleisch eines infizierten Tieres kann das Virus viele Wochen überleben. Landet so eine Stulle im Straßengraben, erfreut sich bald eine Maus, eine Ratte oder ein Wildschwein daran. Die Tiere tragen die Seuche weiter.

Wildschweine gelten als mögliche Überträger der Afrikanischen Schweinepest.

Heinrich Henke glaubt nicht daran, dass sich seine Schweine den tödlichen Erreger einfangen können. Er hat Vorkehrungen getroffen. Wer in den Stall gelangen möchte, muss durch eine Schleuse gehen, duschen und saubere Kleidung anziehen. Selbst kleinste Gegenstände wie einen Kugelschreiber oder einen Schlüsselbund bestrahlt der Landwirt mit UV-Licht, um Viren abzutöten.

Gegenmaßnahme: Keine Tiere von außerhalb

Der Zuchtbetrieb bekommt, anders als Masthöfe, keine Tiere von außerhalb geliefert, auf diesem Weg droht also keine Gefahr. Um Ratten und Mäuse fernzuhalten, bringt eine Firma regelmäßig Köder auf dem Gelände aus.

Doch die Afrikanische Schweinepest muss es gar nicht bis in den Stall schaffen, um den Henkes empfindlich zu schaden. Ein einziges erkranktes Wildschwein irgendwo in Deutschland könnte völlig ausreichen. Laut Bauernverband dürften die Landwirte dann kein Schweinefleisch mehr an Länder außerhalb der EU exportieren. Vor allem China kauft den Deutschen in großem Stil Waren ab, die auf dem heimischen Markt keinen Absatz finden – Pfoten, Ohren, Nasen, Innereien. Bricht dieser Markt weg, schmälert das den Umsatz der Schweinhalter. Immerhin: Bei diesem Szenario würde der Betrieb weiterlaufen.

Dramatischer wäre ein Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in unmittelbarer Nähe. Beim Fund eines erkrankten Wildtieres erklärt das Veterinäramt das umliegende Gebiet zum gefährdeten Bezirk. Betroffen ist ein Umkreis von mindestens 15 Kilometern, teilt das Landwirtschaftsministerium mit. Die Betriebe innerhalb dieser Zone müssen ausnahmslos überprüft werden. Sie haben aber noch ein viel größeres Problem: Es dürfen keine Tiere hinein oder hinaus.

Ausbruch würde Platzproblem schaffen

Was das bedeutet, wagen die Henkes kaum auszusprechen. In dem Zuchtbetrieb bringen 60 Sauen 800 Ferkel zur Welt – jede Woche. Wenn keine Tiere mehr abtransportiert würden, hätten die Landwirte innerhalb kürzester Zeit ein Platzproblem, für das es eigentlich nur eine Lösung gibt. „Es ist schrecklich, aber wenn das passieren sollte, wäre es am besten, alle Tiere zu keulen“, sagt Nadine Henke.

Zur massenhaften Tötung der Schweine kommt es definitiv, wenn die Seuche in einer Stallanlage ausbricht. Das Veterinäramt koordiniert dann das sogenannte Keulen. Dabei muss es die Tierschutzverordnung beachten. Für Wirbeltiere gilt: Sie müssen erst betäubt werden, bevor ihnen der Garaus gemacht wird, teilt das Landwirtschaftsministerium mit.

Wenn es auch nur in einem Betrieb zu einem Ausbruch kommt, kann es in vielen anderen schnell eng werden.

Der Ausbruch in einem Stall hat weitere Konsequenzen: In einem Umkreis von drei Kilometern rufen die Behörden etwa einen Monat lang ein Sperrgebiet aus. Alle Betriebe innerhalb von zehn Kilometern stehen für mindestens 20 Tage unter Beobachtung. Die innerhalb dieser Zonen lebenden Tiere stehen unter Quarantäne. Nur in seltenen Ausnahmen dürfen Landwirte ihre Schweine abtransportieren, wobei im Sperrbezirk besonders strenge Regeln gelten.

Tieren droht ein jähes Ende

Das Veterinäramt untersucht in dieser Zeit, ob die Krankheit auf weitere Höfe übergegriffen hat. Sind vor Bekanntwerden der Infektion Schweine von einem Ort zum nächsten transportiert worden? Haben Menschen erst den betroffenen Betrieb besucht und sind dann anderorts mit Tieren in Kontakt gekommen? Allen Schweinen, auf die die Seuche übertragen worden sein könnte, droht ein jähes Ende.

Wenn es zum Schlimmsten kommt, ersetzt die Tierseuchenkasse den Landwirten den Schaden. Dabei handelt es sich um eine Art Pflichtversicherung des Landes. Allerdings komme die nur für den Nennwert der getöteten Tiere auf, sagt Nadine Henke. Für ein Ferkel würden sie kaum Geld bekommen, weil es noch klein ist. Der zu erwartende Mehrwert – futsch. Daher haben die Henkes eine Zusatzversicherung abgeschlossen, die für die Einnahmeausfälle der folgenden zwei Jahre aufkommen soll. Wie viele Schweinehalter so eine Police haben, kann das niedersächsische Landvolk nicht sagen.

Radio-Appelle an Lkw-Fahrer

Um den scheinbar unvermeidlichen Ausbruch der Seuche im Land doch noch abzuwenden, hat die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Werbespots bei Radiosendern in Tschechien und Polen geschaltet. Darin bittet der Verein Lkw-Fahrer darum, keine Wurstwaren nach Deutschland einzuführen. Der Bauernverband fordert außerdem, wildsichere Müllbehälter auf Rastplätzen aufzustellen.

Forderungen des Bauernverbands, den Wildschweinbestand drastisch zu reduzieren, sieht Nadine Henke, selbst Jägerin, zwiespältig. Kurzfristig würde das zwar helfen, um die Seuche aufzuhalten. Allerdings würde eine intensive Jagd die Tiere unruhig machen. Mit dramatischen Folgen: Die Wildschweine würden noch weitere Strecken zurücklegen. Wenn die Population zurückgeht, drohten mehr Tiere aus Osteuropa nach Deutschland zu kommen. „Langfristig würden wir die Situation damit vielleicht sogar noch schlimmer machen“, meint Heinrich Henke.

Hintergrund: Die Schonfrist

Zur Prävention gegen einen Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest hat der Landkreis Rotenburg die Schonfrist für ausgewachsene Wildschweine bis Ende des Jahres ausgesetzt. Im Nachbarkreis Verden dürfen Jäger Schwarzwild bis Mitte Juni schießen. 

Damit folgen die Kommunalverwaltungen einer Empfehlung des niedersächsischen Agrarministeriums. In den Landkreisen Diepholz und Nienburg dürfen Wildschweine bereits seit Längerem ganzjährig erlegt werden.

Das Land will Prämien für getötete Wildschweine ausloben und die Schwarzwild-Jagd mit Fallen erlauben.

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