AfD-Spitzenkandidatin im Interview

„Keine Experimente“ - Dana Guth kämpft an vielen Fronten

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Syke - Von Felix Gutschmidt. Wer in einer Partei Karriere machen will, braucht Ausdauer und Beharrlichkeit. Eigentlich. Dana Guth zeigt, dass es auch anders geht. Die 47-Jährige ist in nur einem Jahr von einer weitgehend unbekannten Kommunalpolitikerin zur Spitzenkandidatin der AfD in Niedersachsen aufgestiegen. Dass es nicht immer nur bergauf gehen würde, war vorhersehbar. Überraschend ist: Der Widerstand kommt aus den eigenen Reihen.

Freuen Sie sich darauf, bald im Landtag zu sitzen? Aus der Göttinger Kreistagsfraktion sind Sie ja kürzlich ausgeschlossen worden.

Dana Guth: Na klar freue ich mich darauf, im Landtag zu sitzen, sonst hätte ich nicht kandidiert. Der Ausschluss aus der Kreistagsfraktion ist nichts weiter als eine kleine parteiinterne Intrige von zwei Leuten. Wenn jemand so etwas macht – so kurz vor einer Landtagswahl, dann kann es sich nur um etwas persönliches handeln.

Was genau ist da eigentlich vorgefallen?

Guth: Ich habe in der vorletzten Woche am Donnerstagabend nach 22 Uhr per E-Mail eine Einladung zu einer Fraktionssitzung am nächsten Tag bekommen. Ich habe sofort mitgeteilt, dass ich nicht teilnehmen kann, weil ich an diesem Tag einen Termin beim NDR hatte, und darum gebeten, die Sitzung auf Montag zu verlegen. Das ist nicht passiert. Stattdessen bekam ich am Freitagabend eine E-Mail, in der mir mitgeteilt wurde, dass ich ausgeschlossen wurde. Das ist natürlich völlig unsinnig. Unsere Geschäftsordnung regelt klar, wie so ein Vorgang zu laufen hat. Deshalb habe ich auch Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht. Mit Erfolg: Der Ausschluss ist unwirksam.

Es gibt das Gerücht, Ihr Ausschluss sei Teil eines parteiinternen Rachefeldzuges des Flügels um Armin-Paul Hampel. Wie steht es um Ihr Verhältnis zum AfD-Landeschef?

Guth: Jetzt irgendwelche Flügelkämpfe oder Rachefeldzüge zu konstruieren, ich glaube das geht zu weit. Das ist eine rein persönliche Geschichte. Und was mein Verhältnis zu unserem Landesvorsitzenden betrifft: Das ist der Situation angemessen. Wir haben beide das gemeinsame Ziel, erfolgreich eine Landtagswahl zu bestreiten.

Nach außen präsentiert sich die AfD derzeit als zerstrittener Haufen. Auf der einen Seite der rechts-nationale Flügel, auf der anderen Seite die gemäßigten Kräfte. Wo stehen Sie in diesem Spannungsfeld?

Guth: Ich sehe mich in keinem Flügel. Ich sehe mich in der AfD. Wir sind angetreten, um in Deutschland etwas zu verändern. Da sind parteiinterne Flügelkämpfe wenig hilfreich. Aber die Situation ist auch nicht so dramatisch, wie sie manchmal dargestellt wird. Natürlich gibt es Reibereien, aber das muss eine Partei aushalten. Derzeit knirscht es in allen Parteien – das gilt auch für die großen.

Kommen wir zur Landespolitik: Die Bildung ist laut Umfragen das wichtigste Thema für die Menschen in Niedersachsen. Sie wollen die Inklusion in ihrer derzeitigen Form beenden, Förderschulen wieder eröffnen. Wer soll eigentlich entscheiden, auf welche Schule ein Kind geht?

Guth: In erster Linie entscheiden die Eltern, was für ihr Kind richtig ist. Auf der anderen Seite soll jedes Kind die bestmögliche Chance auf Bildung haben. Und Kinder, die einen besonderen Förderbedarf haben, bekommen die bestmögliche Bildung im System Förderschule. Nicht, um sie auszugrenzen, sondern um ihnen einen Schutzraum, kleine Klassen und besondere pädagogische Lehransätze zu bieten. Das kann ein Lehrer in einer ganz normalen Klasse mit 25 oder 30 Kindern gar nicht leisten.

Warum wollen sie den Englischunterricht in der Grundschule abschaffen?

Guth: Weil es sinnvoll ist, wenn die Kinder erst mal die Muttersprache komplett beherrschen.

Aber es ist doch erwiesen, dass es Kindern – besonders jüngeren – leichter fällt, eine Fremdsprache zu erlernen.

Guth: Das mag durchaus sein. Aber die Realität ist doch, dass schon nicht alle Grundschulkinder richtig Deutsch sprechen. In einer Grundschule in Garbsen zum Beispiel haben 83 Prozent der dieses Jahr eingeschulten Kinder einen Förderbedarf in der deutschen Sprache.

„Diesel ist super“ heißt es auf einem Ihrer Wahlplakate. Vervollständigen Sie bitte mit Blick auf den Abgas-Skandal diesen Satz: VW ist ...

Guth: ... ein wichtiger Bestandteil der Wirtschaft in Niedersachsen. Die meisten Arbeitsplätze in diesem Land hängen an der Automobilindustrie. Deshalb müssen wir VW dringend fördern und erhalten. Das bekommen wir nicht hin, indem wir irgendwelche Antriebstechniken verdammen, bevor es tatsächlich sinnvoll nutzbare Alternativen gibt.

Wie stellen Sie sich im Flächenland Niedersachsen die Mobilität der Zukunft vor?

Guth: Der Nahverkehr ist nicht im besten Zustand. Vor allem in ländlichen Regionen muss dringend was passieren, damit die Menschen dort nicht abgehängt werden.

Von Windparks und Biogasanlagen halten Sie nichts. Woher soll der Strom kommen?

Guth: Es gab ja auch in der Vergangenheit Systeme, die sicher und zuverlässig Strom produziert haben. Dass das umwelttechnisch nicht der Weisheit letzter Schluss ist, wissen wir auch. Aber der Atomausstieg hatte vor allem eines zur Folge: Strom wurde viel teurer. Dadurch wurden immer mehr Menschen von der Energieversorgung abgeklemmt, weil sie es nicht bezahlen können.

Also setzen Sie weiter auf Kernenergie, Kohle und Gas.

Guth: Ja, so lange keine anderen ausgereiften Alternativen da sind, die sicher und bezahlbar Strom produzieren.

Aber muss die Politik nicht die Weichen stellen? Die Stromproduzenten haben doch kein Interesse, nach Alternativen zu suchen, wenn ihr altes Geschäftsmodell funktioniert.

Guth: In Niedersachsen muss Geld in die Hand genommen werden, um Forschung ins Land zu holen, die neue Konzepte entwickelt. Dadurch würden auch Arbeitsplätze entstehen. Wir wollen nicht, dass die Verbraucher die Rechnung für irgendwelche Experimente bezahlen, so lange die Techniken nicht ausgereift sind.

Thema Sicherheit: Die CDU verspricht 3000 neue Stellen im Polizeivollzugsdienst. Wird Niedersachsen dadurch sicherer? Was sind ihre Vorstellungen in der Sicherheitspolitik?

Guth: Grundsätzlich stimmt das: Wenn mehr Polizisten im Einsatz sind, dann ist das Land auch sicherer. Allerdings kann man einer steigenden Kriminalität und einem sinkenden Sicherheitsgefühl der Bürger nicht einfach nur mit mehr Polizei begegnen. Man muss auf die Ursachen schauen.

Und wo liegen die?

Guth: Man kann das in der Kriminalitätsstatistik ja nachlesen, wie sich die Täterzahlen innerhalb der Delikte verschieben in Richtung Flüchtlinge, Migranten und Ähnliches. Der Standpunkt der AfD ist klar: Wer kriminell wird, muss das Land verlassen.

Da unterscheiden Sie auch nicht zwischen sicheren und nicht sicheren Herkunftsländern?

Guth: Wir reden hier über Straftaten – Körperverletzung, Raub, Vergewaltigung. Wenn jemand hier die Menschen angreift und verletzt, die ihm Obdach, medizinische Versorgung und Ernährung bieten, dann ist mir völlig egal, wo diese Person herkommt, dann ist sie abzuschieben.

Derzeit sieht es nicht so aus, als würde sich eine Partei finden, die mit Ihnen zusammenarbeiten möchte. Will die AfD überhaupt regieren?

Guth: Wir treten in der Rolle der Opposition für den Landtag an. Aber wir werden vernünftige Vorschläge selbstverständlich mittragen. Wir machen keine Fundamentalopposition.

Was muss passieren, damit die AfD irgendwann regierungsfähig ist?

Guth: Irgendwann – das würde ich gar nicht so weit wegschieben. Wir arbeiten daran, in absehbarer Zeit auch Regierungsverantwortung zu übernehmen. Wer sich als Partei zur Wahl stellt, sollte das in seiner Planung haben.

Am Rande

Was war die beste Entscheidung Ihres Lebens?

Meinen Mann zu heiraten.

Macht Ehrgeiz einen Menschen besser oder schlechter – und warum?

Das kommt drauf an. Es gibt positiven Ehrgeiz, der einen antreibt. Und es gibt negativen Ehrgeiz, der eher aus egoistischen Motiven genährt wird.

Wovor haben Sie Angst?

Ich habe Angst davor, dass sich unser Land bis zur Unkenntlichkeit verändert.

Welches ist der schönste Platz in Niedersachsen?

Bei mir zu Hause im Kreis meiner Familie.

Zur Person

Die AfD versucht mit der 47-jährigen Immobilien- und Versicherungsmaklerin Dana Guth als Spitzenkandidatin erstmals in den niedersächsischen Landtag einzuziehen. In die Partei eingetreten ist die in Herzberg am Harz wohnende Guth im Jahr 2016, sie wurde wenig später bereits AfD-Vorsitzende im Kreis Göttingen. Auslöser für ihren Parteieintritt war nach ihren eigenen Angaben der massive Flüchtlingszuzug in Deutschland im Jahr 2015. 

Die in Mehrow (bei Berlin) geborene Guth gehörte dabei früh schon der parteiinternen Opposition an – die verheiratete zweifache Mutter galt bisher als Kritikerin des AfD-Landesvorsitzenden Paul Hampel.

dpa

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