Informationen zum schulpolitischen Konsens in Rahden aus erster Hand

Von vergeudeten Talenten

Professor Dr. Eiko Jürgens: „Kinder spüren die Benachteiligung“. ·

Rahden - Von Sonja RohlfingDer Schulkonsens in NRW schafft keine Schulform ab, er stellt aber das dreigliedrige Schulsystem, dort wo es nicht mehr gefragt ist, zur Disposition. Unter dem Motto „Schulpolitischer Konsens – Chance auch für Rahden“ hatten die Rahdener SPD und Bündnis 90/Die Grünen zu einer öffentlichen Informations- und Diskussionsveranstaltung in die Gaststätte am Museumshof Rahden eingeladen.

Vor rund 80 Zuhörern – darunter Vertreter der übrigen Ratsfraktionen und des Schulträgers, Repräsentanten der Rahdener Schulen, Eltern und Gäste aus den Nachbarkommunen – stellte Rainer Michaelis, Leiter der zuständigen Projektgruppe im NRW-Ministerium, die Eckpunkte der Sekundarschule vor. Die neue Schulform setzt auf längeres gemeinsames Lernen und soll sowohl auf die berufliche Ausbildung als auch auf die Hochschulreife vorbereiten.

„Dem bisherigen Bildungssystem gelingt es nicht, den Einfluss sozialer Herkunft bei Empfehlungen auszuschließen“, begründet der ebenfalls eingeladene Professor Dr. Eiko Jürgens von der Universität Bielefeld die notwendigen Veränderungen. „Kinder spüren die Benachteiligung. Sie fühlen sich ausgrenzt, weil man ihnen nichts zutraut. Das hat Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung.“ Das alte Schulsystem vergeude Talente. Der ökonomische und soziale Schaden dadurch sei immens.

„Das Thema ist uns seit 50 Jahren bekannt. Der Gedanke, jetzt daran etwas zu ändern, ist gut, aber nur eine bessere Schule hat einen neuen Namen verdient“, betont der vom Veranstalter aufs Podium geladene Kinder- und Jugendarzt Dr. Wolfgang Adam. Die Sekundarschule dürfe nicht die neue „Hauptschule“ werden und den Drang, gleich zum Gymnasium zu gehen, noch erhöhen. Zu einem Neuanfang gehört für den Rahdener Arzt eine bessere Pädagogik als vorher. „Die Sekundarschule kann ein großer Schritt nach vorne sein, wenn es mehr Förderung gibt“, sagt der Kinderarzt. In diesem Punkt versage diese Republik bisher.

Nicht vergessen werden dürfe bei allen Überlegungen die besondere Situation in Rahden, gibt Dr. Adam zu bedenken. Man habe hier drei gute Schulen an einem Ort zusammen mit gedeihlicher Zusammenarbeit der Schulleiter. Mittelfristig fände er eine Umwandlung gut. Allerdings sollte in Ruhe an die Sache gegangen und Lehrer, Eltern und die unterschiedlich begabten Kinder mitgenommen werden.

Mahnung zu ruhiger

Herangehensweise

Ganztagschule, ein Klassenfrequenzrichtwert von 25 Schülern, Inklusion und zusätzliche Stellenzuweisungen nach Sozialindex an der Sekundarschule kosten mehr Geld. „Es wird Wünsche geben, die nicht erfüllbar sind“, ist Rainer Michaelis realistisch. Wenn über Geld geredet werde, müsse auch über eine Umverteilung nachgedacht werden, so Dr. Eike Jürgens. Stark unterfinanziert im internationalen Vergleich sei der Primarbereich, überdurchschnittlich vorsorgt hingegen die Sekundarstufe II am Gymnasium bei im Mittelwert geringerer Förderwirkung.

Für Michael Heise braucht es eine Unterrichtsentwicklung und eine entsprechende Lehreraus- und Weiterbildung. Wie es damit aussehe? Schulstruktur und Unterrichtsstruktur stehen für Rainer Michaelis in engem Zusammenhang. Die Lehrerausbildung sei auch in seinen Augen entscheidend. „Was früher gelehrt wurde, passt heute nicht mehr.“ Es ginge nicht darum, irgendjemandem etwas weg zu nehmen, sondern aus guten Ansätzen aller Schulformen etwas mitzunehmen, führt der Fachmann aus.

An dem verpflichtenden Ganztag der Sekundarschule störten sich mehrere Gäste. „Eine Elternhaus unabhängige Förderung geht nur im gebundenen Ganztag“, bekräftigt Michaelis. Bedenken, den Kindern würden Freizeit- und Entwicklungsmöglichkeiten genommen, könne er schnell entkräften. Freizeitangebote würden in Verbindung mit den Vereinen in der Schule angeboten. Da Hausaufgaben fertig seien, bliebe für Eltern und Kinder in Wirklichkeit mehr gemeinsame Zeit.

„Wir wären mit einer Sekundarschule schlecht beraten, wenn diese nur organisatorisch den geänderten Schülerzahlen gerecht wird“, sagt Moderator Friedrich Schepsmeier. Die SPD stelle heute keinen Antrag. „Wir können nur Anschub leisten.“ Eine breite Information sei für demokratische Entscheidungen wichtig. Deshalb freute er sich auch über den langen und sachlichen Austausch an diesem Abend. Sein Wunsch ist es, zu weiteren von allen Fraktionen getragenen Veranstaltungen zu diesem Thema zu kommen.

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