Suchtpotenzial des Alkoholkonsums unterschätzt

„Wir sind alle mitverantwortlich“

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Nicht jeder Jugendliche schafft es in Bezug zu Alkohol, aus der Ausprobierphase „herauszuwachsen“.

Stemwede - Von Melanie Russ. Ein Bierchen oder auch ein paar mehr auf dem Schützenfest oder nach dem Fußballspiel – klar, das gehört dazu. Es lockert auf, macht gute Laune und selbst wer keinen großen Wert darauf legt, möchte ja nicht als Langweiler und Spielverderber dastehen. Der in unserer Gesellschaft fast selbstverständliche Alkoholkonsum kann nicht nur bei Erwachsenen zum Problem werden. Wie Gabi Hohmeier immer wieder beobachtet, greifen auch sehr junge Jugendliche zu häufig zu der Alltagsdroge. Der Stemweder Jugendförderin bereitet diese Entwicklung Sorgen. „Das Problem ist, dass es als normal angesehen wird zu trinken“, sagt sie.

Das gilt selbst für 14- oder 15-Jährige, die nach der Konfirmation zum ersten Mal als „Erwachsene“ auf Schützenfeste gehen und nach Erfahrung Hohmeiers oft „ziemlich viel trinken“ – sogar mit Erlaubnis der Eltern. „Das scheint bei vielen normal zu sein“, bedauert sie. „Es gehört mit zur Tradition dazu.“

Wie Hohmeier sieht auch Mareike Awolin von der Fachstelle für Suchtprävention des Kreises Minden-Lübbecke die Erwachsenen noch stärker in der Verantwortung. Sie müssten sich die Frage stellen, welchen Alkoholkonsum sie vorlebten. Awolin ist in Sachen Aufklärung viel in den Schulen des Kreises unterwegs. Unter 14-jährigen Schülern sei die Überzeugung verbreitet, dass sie schon Alkohol trinken dürften, berichtet die Kreismitarbeiterin. Dabei ist der Konsum etwa von Bier erst ab 16 Jahren erlaubt.

Natürlich führt übermäßiger Alkoholgenuss in jungen Jahren nicht automatisch in die Sucht. „Ich glaube, dass es bei vielen eine Ausprobierphase ist“, vermutet Hohmeier. Aber nicht jeder Jugendliche schafft es, aus dieser Phase „herauszuwachsen“. Die kürzlich von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung vorgelegten Zahlen geben nur bedingt Entwarnung. Zwar zeigt die langfristige Entwicklung, dass Jugendliche und junge Erwachsene weniger Alkohol trinken, das Rauschtrinken bleibt aber ein Problem. Demnach trinken zehn Prozent der 12- bis 17-Jährigen mindestens einmal in der Woche Alkohol (2005: 18,6 Prozent), die Frage nach dem Rauschtrinken (mindestens fünf Getränke bei einer Gelegenheit) beantworteten 15,9 Prozent mit Ja.

Aus Hohmeiers Sicht birgt Alkohol unter Jugendlichen noch die höchste Suchtgefahr, weil er eben so alltäglich und leicht verfügbar ist. Aber er ist längst nicht die einzige. „Das Thema Computerspiele wird sicherlich eine immer größere Rolle spielen“, erwartet die Stemweder Jugendförderin. Magersucht sei ebenfalls ein Thema – und zwar nicht nur bei Mädchen. „Das Problem tritt auch bei Jungen vermehrt auf.“ Medienabhängigkeit ist auch nach Einschätzung Awolins ein Thema, dem es in Zukunft größere Aufmerksamkeit zu schenken gilt.

Abseits der Aktionstage ist Hohmeier als Jugendförderin der Gemeinde Stemwede im Wesentlichen in den Grundschulen unterwegs und versucht hier schon früh, die Grundlagen für eine gefestigte Persönlichkeit zu legen, auf der Süchte keinen Nährboden finden. So thematisierte sie beispielsweise kürzlich in einer Grundschule die Frage, was eine Freundschaft ausmacht. Dazu gehöre, dass man einen Freund um Hilfe bitten könne und dass man selbst für andere da sei, versucht Hohmeier den Mädchen und Jungen mitzugeben. „Es ist wichtig, Kinder und Jugendliche in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken, damit sie bei Problemen nicht zu Drogen greifen, sondern die Probleme selbstbewusst angehen“, sagt Hohmeier.

Diesen Ansatz verfolgt Mareike Awolin ebenfalls, die zugleich aber auch die Erwachsenen in die Verantwortung nimmt. Es sei zum Beispiel auch wichtig, dass es gute Freizeitangebote für Jugendliche gebe. Mit Projekttagen in Schulen, Elternabenden, Lehrerfortbildungen und ähnlichem versucht sie, alle Beteiligten für das Thema Sucht zu sensibilisieren. Awolin: „Wir sind alle mitverantwortlich.“

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