Torsten Fischer unterstützt Feuerwehrleute als PSU-Assistent

Wenn die Bilder belastender Einsätze im Kopf bleiben

Torsten Fischer ist seit kurzem PSU-Assistent bei der Freiwilligen Feuerwehr Stemwede.  - Foto: Feuerwehr

Stemwede - Von Melanie Russ. Sie helfen zu jeder Tages- und Nachtzeit und riskieren manchmal sogar ihre eigene Gesundheit, um andere zu retten. Doch wer hilft ihnen, den Feuerwehrfrauen und -männern, wenn sie die Bilder von verbrannten oder in Fahrzeugen eingeklemmten schwer verletzten oder getöteten Menschen nicht mehr aus ihrem Kopf bekommen?

Lange Zeit waren die Retter in der blauen Kluft bei der Verarbeitung tragischer Ereignisse auf sich allein gestellt. Schon vor einigen Jahren haben Feuerwehrverbände und Unfallkasse die psychische Belastung als gravierendes Problem erkannt, der Aufbau eines Systems der psychosozialen Unterstützung (PSU) begann. Mit Jugendfeuerwehrwart und Pressesprecher Torsten Fischer hat seit kurzem auch die Freiwillige Feuerwehr in Stemwede endlich ihren ersten PSU-Assistenten.

Fünf Jahre habe er auf einen Seminarplatz am Institut der Feuerwehr in Münster gewartet, berichtet Fischer. „Es fehlen Lehrgänge. Die wenigen Plätze sind heiß begehrt.“ Während der 18-tägigen Ausbildung zum PSU-Assistenten hat er gelernt, wie er Kameraden nach, aber auch schon während eines psychisch belastenden Einsatzes unterstützen kann. Dabei steht er in der Gemeinde nicht allein. Er arbeitet in einem Team mit dem Westruper Sascha Eigenbrodt, der sich zum PSU-Helfer hat ausbilden lassen, und dem hiesigen Fachberater Notfallseelsorge, Axel Niederbröker zusammen. Kreisweit gibt es laut Fischer insgesamt etwa 40 PSU-Assistenten, PSU-Helfer und Notfallseelsorger, die bei Bedarf auch über ihre eigenen Kommunen hinaus Unterstützung leisten. „Wir müssen sehen, dass wir weitere Assistenten und Helfer bekommen“, wünscht sich Fischer die Verteilung der Verantwortung auf viele Schultern.

Auch die Löschgruppenführer stehen in der Verantwortung. Ihre Aufgabe ist es, während eines Einsatzes gegebenenfalls einen PSU-Assistenten anzufordern. „Das klappt noch nicht so richtig“, sagt Fischer mit Blick auf einige schwere Unfälle der vergangenen Monate. Die Löschgruppenführer müssten noch ein Gespür dafür entwickeln, wann Unterstützung angebracht ist. An der Akzeptanz mangelt es aus Sicht Fischers nicht. Anfangs sei die psychosoziale Unterstützung von vielen Kameraden belächt worden. „Aber die Einstellung hat sich gewandelt. Es wird inzwischen akzeptiert.“

Auch abseits der Einsätze sollen die Löschgruppenführer einen PSU-Assistenten ansprechen, wenn sie den Eindruck haben, dass ein Kamerad Hilfe benötigt. Die meiste Arbeit erwartet Fischer etwa zwei Wochen nach einem belastenden Einsatz. Dass ein tragisches Ereignis die Feuerwehrleute auch Tage danach noch beschäftige, sei völlig normal. „Wenn man aber nach hundert Tagen noch davon träumt, sollte man was tun“, rät Fischer. Aus der Stemweder Wehr ist ihm nur ein Fall bekannt, in dem ein Feuerwehrmann wegen psychischer Belastung eine Rehabilitation angetreten hat.

Fischer selbst bereiten psychisch belastende Einsätze nach eigener Aussage keine Probleme, was vielleicht auch mit seiner Vergangenheit zusammenhängt. Nach seinem Zivildienst in der Rahdener Rettungswache war er zehn Jahre lang als Rettungsassistenz in der Rettungswache Haldem tätig und hat in dieser Zeit viele schwere Unfälle miterlebt. Fischer geht davon aus, dass seine Dienste im Wesentlichen bei Verkehrsunfällen benötigt werden. Gerade auf dem Dorf kommt zu der an sich schon belastenden Situation, einen schwer verletzten oder getöteten Menschen befreien zu müssen, hinzu, dass die Retter die Opfer oder ihre Angehörigen oft persönlich kennen.

Ausgangspunkt der Überlegungen zu einer professionellen Unterstützung der Feuerwehrleute waren die schweren Unglücksfälle der vergangenen zwei Jahrzehnte, angefangen beim ICE-Unglück in Eschede 1998 über den Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall 2006 bis zur Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg 2010. Diese Ereignisse hätten den Blick für die psychischen Belastungen von Einsatzkräften bei vielen alltäglichen Einsätzen geschärft, heißt es in einem Positionspapier der bundesdeutschen Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren von 2011. Auch die Unfallkasse habe die psychische Belastung inzwischen anerkannt und finanziere entsprechende Rehabilitationen, so Fischer.

Während eines Einsatzes geht es darum, akute psychische Belastungen zu erkennen und die betroffenen Kameraden zu stabilisieren. Im Nachgang bietet die PSU eine strukturierte Nachsorge in Form von Gruppen- oder Einzelgesprächen. Dabei steht zum einen die Verarbeitung der belastenden Erfahrung im Fokus, zum anderen werden die Feuerwehrleute über den Verlauf und Symptome einer psychischen Belastung informiert, um diese rechtzeitig erkennen und um Hilfe bitten zu können. Auch die Angehörigen der Einsatzkräfte sollen in die PSU einbezogen werden.

Die psychosoziale Unterstützung richtet sich vorrangig an die Einsatzkräfte, während die Betreuung von Opfern, Angehörigen oder Augenzeugen in die Verantwortung der Notfallseelsorge fällt.

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