Projekt der Uni Oldenburg abgeschlossen / Rund 6000 Helm-Azurjungfern

Kaum „Weltenbummler“ unter Stemweder Libellen

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Die Helm-Azurjungfer fühlt sich in Stemwedes Gräben recht wohl. Mit rund 6000 Tieren ist die Stemweder Population eine der größten in Nordrhein-Westfalen.

Wehdem - Von Melanie Russ. Sie gehören zu den schillernsten, filigransten und gefährdetsten Insekten der Welt: Libellen. Die beeindruckenden Flugkünstler sind in der ganzen Welt heimisch, in ihrer Vielfalt mit rund 6 060 Arten kaum überschaubar und werden doch immer seltener. Denn Libellen stellen hohe Ansprüche an ihren Lebensraum und finden darum – nicht zuletzt durch die Eingriffe des Menschen in die Natur – an immer weniger Orten ein geeignetes Habitat. Auch an Stemweder Bächen und Gräben sind die Rahmenbedingungen für Libellen nicht perfekt, aber immerhin so gut, dass zwei vom Aussterben bedrohte Arten, die Helm-Azurjungfer und die Vogel-Azurjungfer, sich hier wohlfühlen.

Wie der Lebensraum noch optimaler an die Bedürfnisse der Tiere angepasst werden kann, hat die Arbeitsgruppe „Vegetationskunde und Naturschutz“ der Universität Oldenburg unter der Leitung von Prof. Dr. Rainer Buchwald im Rahmen eines Forschungsprojekts erkundet, das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert wird. Von 2011 bis 2014 legten sich die Wissenschaftler um Buchwald und Doktorandin Friederike Kastner zwischen Ende Mai und Anfang August zwei bis drei Mal in der Woche an Bächen und Gräben in Stemwede auf die Lauer, um Größe, Lebensweise und Ausbreitung der Populationen zu erkunden.

Dabei war viel Fingerspitzengefühl gefragt, denn die ebenso zarten wie flinken Tiere mussten mit Käschern gefangen, mit Stiften markiert und später erneut gefangen werden, um Rückschlüsse auf ihre Wanderungen ziehen zu können. „Wir haben etwa 17 Kilometer Grabensystem in Stemwede sowie bei Espelkamp untersucht“, berichtet Kastner, die sich seit 2009 mit den schillernden Insekten beschäftigt. Bei der Population der Helm-Azurjungfern zählten die Wissenschaftler mehr als 6000 Individuen. Sie ist damit eine der größten in Nordrhein-Westfalen und gehört zu den nordwestlichsten in Mitteleuropa. Im Raum Sulingen und bei Lemförde kommt die Art ebenfalls vor.

Mit rund 700 Tieren ist die Population der Vogel-Azurjungfern deutlich kleiner. Wie ihre Verwandten lieben sie es warm und feucht und brauchen langsam fließende, dauerhaft wasserführende Gewässer, die im Sommer nicht austrocknen – Bedingungen, die in diesen Breiten selten zusammentreffen. Trotz ihrer geringen Zahl ist die Vogel-Azurjungfer-Population etwas Besonderes: Sie ist die einzige ihrer Art in Nordrhein-Westfalen.

Die flinken Flieger, die durchaus große Entfernungen zurücklegen können, entpuppten sich in Stemwede als eher sesshaft. Ein Großteil der Tiere habe nur geringe Entfernungen unter hundert Meter zurückgelegt, berichtet Kastner. Das Ergebnis deckt sich mit anderen Studien, die ebenfalls belegen, dass die beiden Arten eher geringe Strecken zurücklegen. Einige wenige „Weltenbummler“, die mehr als einen Kilometer überwinden, entdeckten die Wissenschaftler aber auch.

Die Forscher nahmen allerdings nicht nur die Libellen selbst unter die Lupe, sondern auch deren Lebensraum. Wie sieht die Vegetation aus? Wo sind Gewässer zu stark zugewachsen? Stimmt die Wasserchemie? All diesen Fragen gingen sie nach und erarbeiteten gemeinsam mit dem Kreis Minden-Lübbecke und dem Wasserverband Große Aue einen Maßnahmenkatalog, um den Libellen das Leben in Stemwede angenehmer zu machen. „Für den dauerhaften Erhalt und Schutz der überregional bedeutenden Populationen spielt die Fortführung der angepassten Gewässerunterhaltung sowie eine weitere Reduzierung aufkommender Gehölze eine entscheidende Rolle“, lautet die Analyse der Wissenschaftler. Erste Erfolge hat die Entfernung einzelner Gehölze an einem Gewässer bereits gezeigt. Zwischen wenigstens zwei der drei Libellen-Populationen sei der Austausch verbessert worden, so die Wissenschaftler.

Obwohl das Projekt abgeschlossen ist, hat der Kreis die Gewässerabschnitte, an denen die Libellen vorkommen, in diesem Jahr zur gleichen Zeit gemäht wie im Rahmen des Projekts. Dazu gehören ausgewählte Gräben im FFH-Gebiet Tiefenriede sowie in den Ortschaften Niedermehnen, Westrup, Sundern und Haldem. Ganz wesentlich sei, den Termin der Gewässerunterhaltung vorzuverlegen, damit die Flugzeit der Arten von Ende Mai bis Anfang August nicht gestört werde, erklärt der Kreis. Die Libellen könnten dann erfolgreich schlüpfen und ihre Eier an höherwachsenden Pflanzen ablegen.

Da die frühe Mahd im Mai zusätzlich erfolgt und die Fördergelder des Projektes nicht mehr zur Verfügung stehen, hat der Kreis für dieses Jahr einen Förderantrag bei der Bezirksregierung gestellt, der auch bewilligt wurde. Laut Kreis-Pressesprecherin Sabine Ohnesorge trägt die Untere Landschaftsbehörde des Kreises den Eigenanteil der zusätzlichen Mahd selbst. Hierdurch würden die naturschutz-verursachten zusätzlichen Kosten für den Wasserverband Große Aue vollständig abgedeckt. Laut Ohnesorge soll die frühe Mahd „so langfristig wie möglich“ weitergeführt werden.

Eine weitere Herausforderung für die Libellen stellt aus Sicht der Wissenschaftler die Nährstoffanreicherung in den Gewässern dar. In diesem Punkt kann der Kreis allerdings nicht helfen. Ohnesorge: „Eine Verringerung von Nährstoffen in den Gräben wäre wünschenswert, ist aber nicht umzusetzen. Denn dann müssten Ränder der Gräben aus der intensiven Nutzung beziehungsweise Düngung herausgenommen werden. Auf diese Flächen hat der Kreis keinen Zugriff.“

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