Patienten-Zeitung „Schlossgeister“ informiert und unterhält seit 28 Jahren

Unheimlich menschlich

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Paul Bosse (2.v.r.) ist stolz auf sein Redaktionsteam (v.l.): Norbert Berger, Kai Kotter, Andreas Kirsch und Christoph Mertenmeyer.

Haldem - Von Heidrun Mühlke. „Schlossgeister“ – die unheimlich menschliche Zeitung von Patienten für Patienten gibt es seit nunmehr 28 Jahren. Was aber macht das Heft aus, das im Laufe der Jahre seine Auflage um mehr als das Dreifache steigern konnte? Was steht drin und wer steckt als Redakteur dahinter?

„Am 1. Juli 1987 kam die erste Ausgabe der ‚Schlossgeister‘ heraus“, berichtet Paul Bosse, Leiter des Sozialzentrums der LWL-Maßregelvollzugsklinik Schloss Haldem und Herausgeber. In seinen Händen lag damals die Namensfindung und das Interesse bei den Patienten zu wecken, an der Zeitung mitzuwirken. 30 Seiten umfasste die erste Ausgabe im Format DIN A5, mit Schreibmaschine getippt. 100 Exemplare gingen 1987 in den Druck.

Heute hat sich das Gesicht der Patientenzeitung gewandelt: ansprechendes Hochglanz-Cover im DIN A4-Format mit themenbezogenem Titelbild, rund 150 Seiten stark und 350 Exemplare Auflage alle drei Monate. Im Durchschnitt fünf Mitarbeiter arbeiten derzeit an jeder Ausgabe. „Das kann schwanken. Manchmal habe ich lediglich einen Redakteur zur Verfügung, manchmal sogar acht“, sagt Bosse. Derzeit habe er ein gutes, engagiertes Team, bestätigt er den Männern – und dem Team um Chefredakteur Andreas Kirsch huscht ein Lächeln über das Gesicht. „Mitmachen kann jeder Patient – auch Mitarbeiter können Beiträge, Leserbriefe und Ideen einreichen“, erklärt Bosse.

Jeder, der die Leidenschaft zum Schreiben habe, sei willkommen, ergänzt das Team. Für jede Ausgabe steht am Beginn der Arbeit ein Brainstorming. „In 20 Minuten sammeln wir Themen, die interessant für die Leser sein können. Da kommen schon 70 bis 80 zusammen“, erläutert Kirsch. Anschließend werde gefiltert. Breit gefächert soll die Mischung in den „Schlossgeistern“ sein. Aktuelle Informationen aus Politik und Sport, aber auch Buchvorstellungen, Rezepte und Witze sowie jede Menge vom Geschehen hinter den Schlossmauern trägt das Team in den Redaktionssitzungen, die zwei Mal in der Woche stattfinden, zusammen.

„Schlossgeister“ kein Magazin der Klinik, sondern eines, in dem sich die Patienten kritisch mit Sucht und krimineller Energie auseinandersetzen, aber auch mit der Behandlung im Maßregelvollzug und durchaus auch mit der Unzufriedenheit der Patienten. Einmal in der Woche dürfen die Redakteure das Internet für ihre Recherche nutzen – streng gefiltert und überwacht, versteht sich. Keine gewaltverherrlichenden oder pornografischen Seiten. „Wir sind zwar eingeschränkt in unseren Mitteln. Aber wir spielen auch mit schlechten Karten gut“, sagt Kirsch schmunzelnd.

In den Redaktionssitzungen herrschen strenge Arbeitsregeln, schließlich gehöre das Angebot zur Arbeitstherapie, macht Bosse deutlich. Wem schlichte handwerkliche Tätigkeiten zu simpel erscheinen, der ist im Redaktionsteam gut aufgehoben. „Das hält geistig fit – gerade, wenn man einen längeren Aufenthalt vor sich hat“, sagt Kai Kotter, der einst sein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens aufgrund von Beschaffungskriminalität abbrechen musste. „Das Doppelleben als Student und Ganove ließ sich auf Dauer eben nicht bewältigen“, gibt er zu. Unter ähnlichen Aspekten landeten auch der Klimaanlagenbauer Norbert Berger, Kunststoffverarbeiter Christoph Mertenmeyer, Burghard Liepold sowie Elektriker Andreas Kirsch hinter den Haldemer Schlossmauern.

Was ihnen noch gemein ist: Sie wollen einen guten Job machen. Das gelingt mit den „Schlossgeistern“, die gerne gelesen werden. Natürlich gebe es auch Kritiker, und eigene persönliche Publikationen machten angreifbar. Größtenteils erführen die „Zeitungsmacher“ aber viel Respekt von den Mitpatienten. Das stärke das Selbstbewusstsein.

Gelesen werden die „Schlossgeister“ von den Haldemer Patienten, aber auch in Krankenhäusern, Gerichten, Schulen und vielen weiteren Einrichtungen bundesweit, in den Niederlanden und Österreich. „Das macht schon stolz, wenn man weiß, dass jemand Fremdes irgendwo in der Ferne einen Artikel liest, den wir geschrieben haben“, sind sich die Männer einig.

„‚Schlossgeister‘ ist ein wichtiges Medium für die Patienten aber auch für die Mitarbeiter und die Führungsetage“, weiß Paul Bosse. Das Magazin trage dazu bei, dass auftretende Missstände oft schon abgestellt würden, bevor darüber berichtet werde. Die Rückkopplung funktioniere gut, und die „Schlossgeister“ mit ihren konstruktiven Beiträgen seien ein wichtiges Organ für alle Interessierten – und das seit rund zehn Jahren auch im Internet.

lwl-schlossgeister.de

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