Bei der Orgeltour war Geschichte mit Augen, Ohren und Händen zu begreifen

Der „Königin der Instrumente“ ganz nah

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Drei Fachleute (v.l.): Organist Christoph Heuer, Kantor Thomas Quellmalz und Orgelbauer Mathias Johannmeier – hier in der Marien-Kirche in Dielingen – stellten drei interessante, historische Orgeln im Kirchenkreis vor.

Stemwede - Von Ralf Kapries. Im Rahmen Reihe „Orgelsommer“ werden in diesen Wochen interessante Instrumente im Kirchenkreis Lübbecke vorgestellt. Am Sonntag führte die Orgeltour nach Wehdem, Dielingen und Levern.

Start- und Schlusspunkt der gemeinsamen Busfahrt war an der Michaelskirche Espelkamp. Die erste Station bildete die Predigtkirche in Wehdem, ein klassizistischer Bau aus dem 19. Jahrhundert und eine Seltenheit in Westfalen. Sie beeindruckt durch ihre strenge, weitgehend schmucklose Gestaltung, die dazu beitragen soll, die Aufmerksamkeit der Gottesdienstbesucher auf das wesentliche Geschehen am Altar und auf der Kanzel zu konzentrieren. Ihr Vorgängerbau geht auf das 13. Jahrhundert zurück.

Die Orgel steht auf der Nordempore direkt gegenüber der Altar-Kanzel-Kombination an der Längsseite. Der Orgelprospekt, also die Schauseite des Instruments, ist ebenfalls barock und reich verziert. Das Ursprungsinstrument tat im Dom zu Minden im Chor Dienst, wurde im Lauf der Jahre unspielbar, so dass man dort einen Neubau der Renovierung vorzog. Das alte Instrument sollte zunächst nach Herford verkauft werden, aber das Geschäft kam nicht zustande, weil es den dortigen Verantwortlichen zu teuer war. Deutlich billiger konnte es dann 1808 nach Wehdem verkauft werden, wo es von dem Orgelbauer J. F. Birkenmeyer aufgebaut und erweitert wurde.

Das Orgelwerk ist nicht mehr erhalten. Es wurde 1971 durch Johannes Wolfram aus Osnabrück gebaut. Das ursprünglich einmanualige Instrument hatte nur neun Register. Das neue erhielt ein weiteres Manual und mit einem Pedal nun auch Basspfeifen. Dafür hat man die Orgel auf zwölf klingende Register erweitert, so dass sie heute 800 Pfeifen besitzt, mehr als das barocke Gehäuse beherbergen kann. Es wurde daher um ein unauffälliges Vollgehäuse auf der Rückseite erweitert. Trotzdem herrscht darin großer Platzmangel, der eine Stimmung erschwert. Dies alles erläuterte Christoph Heuer, Lehrer am Söderblom-Gymnasium und freier Organist.

Zweites Ziel war die Pfarrkirche St. Marien in Dielingen. Das Gebäude geht auf das 13. Jahrhundert zurück und wurde in den folgenden Jahrhunderten mehrfach erweitert und umgebaut. Die Ausstattung der Kirche ist überwiegend barock aus dem 17. Jahrhundert, es gibt jedoch auch Inventar aus der Gotik.

Die Orgel entstand um 1650, ihr Erbauer ist unbekannt. Auch sie wurde im Laufe der Zeit mehrfach umgebaut und erweitert, so etwa 1738 von Johann Berenhard Klausing, sowie 1899 und 1904. Eine gravierende Veränderung erfuhr sie 1951 durch den als Orgelrenovierer sehr umstrittenen Paul Ott, der das Instrument um das Brustwerk erweiterte und auch das Pedalwerk vergrößerte. Die auch optischen Veränderungen sollen unter anderem durch eine ungewöhnlich hohe Brüstung der Empore verdeckt werden. 1998 wurde die Orgel durch die Firma Kreienbrink, Osnabrück, überarbeitet und neu intoniert. Außerdem erhielt sie eine neue Acht-Fuß-Trompete. Einen optische Besonderheit ist die reich verzierte Prospektseite, deren Pfeifen zum Teil sehr alt und ebenfalls verziert sind. Da sie einen besonders weiten Querschnitt haben und mit einem hohen Bleianteil gefertigt wurden, haben sie einen sehr weichen und vollen Klang.

Thomas Quellmalz, Kantor in Rahden, stellte diese und auch die nächste Orgel in Levern vor. Sein Vortrag wurde jeweils ergänzt durch den Organisten und Orgelbauer Mathias Johannmeier, der die technischen Fragen beantwortete. Quellmalz, Johannmeier und Heuer stellten auch die einzelnen Register vor, so dass ein schöner Eindruck der Einzelklänge entstand, deren geschickte Mischung durch den Organisten dann zu der prachtvollen Klangentfaltung der „Königin der Instrumente“ führen.

Das dritte Ziel, die Orgel in der Kirche auf dem Stiftshügel in Levern, mag insofern für die Orgeltouristen ein Höhepunkt gewesen sein, als die hier geräumige Empore das Betrachten des Instruments aus der Nähe vereinfachte. Was in Wehdem schon schwer war, machte die drangvolle Enge in Dielingen fast unmöglich. In Levern gab es jedoch keine Probleme.

Akustisch blieb sicherlich der ausgewogene, warme Klang dieser Orgel im Gedächtnis. Sie wurde 1682 neu gebaut; möglich machte dies die Schenkung von sechs Stiftdamen. Die Gebrüder Rohlfing, Osnabrück, bauten 1915 ein neues Instrument, wobei das gesamte alte Werk verloren ging. 1972 kam es zu einem Neubau durch Johannes Wolfram, Osnabrück-Nathbergen, der das Gehäuse auf seine ursprüngliche Form zurückbaute und die Orgel nach barocken Vorbildern intonierte. Sie verfügt über 20 Register, darunter auch die bei dieser Tour bisher nicht gehörte Vox humana („menschliche Stimme“), Gemshorn und Nasat und zweifache Sesquialtera.

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