Geplante Umwandlung der Sekundarschule: Konrektor reagiert enttäuscht / Gemeinde übernimmt Sanierung

Große Verlässlichkeit geht nur privat

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Sind für das Projekt Gesamtschule in Stemwede verantwortlich (v.l.): Hans-Joachim Jacke (BBZ Diepholz), Volker Esch-Alsen, Janbernd Wolfering und Thomas Assmann (INI).

Und Anika Bokelmann - Von Melanie Russ. Gerade vier Monate ist es her, dass Schulleitung und Verwaltung nach dem Start der Stemweder Sekundarschule zwar noch viel Arbeit sahen, aber doch ein positives Zwischenfazit zogen. Jetzt scheint die Schulform schon wieder ein Auslaufmodell zu sein. Die Verwaltung plant, die Einrichtung in eine Gesamtschule umzuwandeln und in private Trägerschaft zu übergeben (wir berichteten). In der Politik stößt sie damit auf positive Resonanz, die von der Nachricht überraschte Schulleitung reagiert äußerst reserviert. „Das war bei dem Überfall nicht anders zu erwarten“, ist sich Bürgermeister Gerd Rybak bewusst.

Er steht gemeinsam mit der Verwaltung und dem künftigen Träger, der Initiative für Jugendhilfe, Bildung und Arbeit (INI), nun vor der schwierigen Aufgabe, den Skeptikern ihre Sorgen und Zweifel zu nehmen. „Ich glaube, es ist der richtige Schritt“, bekräftigt Rybak gestern auf Nachfrage. Er sieht in der privaten Gesamtschule die beste Möglichkeit, dauerhaft ein verlässliches Schulangebot in Stemwede vorzuhalten. Genau das ist es nach Erfahrung der Verwaltung, was sich die Eltern für die gesamte Schullaufbahn ihrer Kinder wünschen.

Das sollte eigentlich schon durch die Umwandlung der Verbund- in eine Sekundarschule im vergangenen Jahr gelingen. „Wir haben das Ziel nicht erreicht“, räumt Rybak eine fehlende Akzeptanz für das Angebot ein, das derzeit etwa 55 Prozent der Stemweder Schüler wahrnehmen. Die künftigen Schülerzahlen – das ist keine ganz neue Erkenntnis – werden langfristig nicht für den Betrieb der Sekundarschule ausreichen. 60 Anmeldungen pro Schuljahr sind erforderlich. Das wird aber wohl schon in den kommenden Jahren nicht durchgängig darstellbar sein.

Rybak ist darum froh, auf die INI als neuen Träger gestoßen zu sein. „Wir hatten großes Glück“, denn „das ist ja nun kein kleiner Laden. Die haben ein gutes Stück Erfahrung“, verweist er auf das von der INI betriebene Berufskolleg in Lippstadt und eine Gesamtschule in Bad Sassendorf.

Rybak und INI-Vertreter sprechen von einer langfristigen Lösung, bei der sie Eltern und Lehrer ausdrücklich mitnehmen wollen. „Wir müssen über Bedenken reden“, sagt Janbernd Wolfering. Der Spezialist auf dem Gebiet des Privatschulrechts und der Privatschulfinanzierung begleitet das Projekt juristisch.

Und Bedenken gibt es vor allem in der Lehrerschaft. So jedenfalls hat es Konrektor Jochen Brennecke während der Schulkonferenz am Mittwoch erlebt. „Die Kollegen waren schockiert.“ Die Schulleitung sei erst einen Tag zuvor von der Verwaltung informiert worden. „Ich glaube nicht, dass Lehrer und Eltern das so hinnehmen werden“, erwartet er noch einige hitzige Diskussionen.

Er kann die Pläne der Verwaltung angesichts rückläufiger Schülerzahlen verstehen, ist aber skeptisch. „Wir haben bereits eine florierende gymnasiale Landschaft.“ Der neue Schulleiter müsse gute Ideen haben, um die Gesamtschule zu etablieren. Außerdem sei angesichts des demographischen Wandels nicht auszuschließen, dass das Land die Zahl der Mindestanmeldungen in Zukunft senke. Dann hätte die Sekundarschule eine Chance. Was Brennecke richtig ärgert: „Die Gemeinde hat früher immer für Transparenz gesorgt. Wir haben immer Arbeitskreise gehabt und zusammengearbeitet. Und auf einmal wird uns das so vorgesetzt.“ Die Enttäuschung darüber sei groß.

Dass noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten ist, ist den INI-Vertretern bewusst. Da der Träger den Lehrkräften bislang unbekannt gewesen sei, sei die Verunsicherung groß, weiß Geschäftsleiter Thomas Assmann. Es müsse aber „niemand Angst haben“. Die Lehrer würden die Chance bekommen, sich bei der INI zu bewerben. „Die Risiken sind minimal“, versichert Wolfering mit Blick auf ein Besoldungssystem ähnlich dem Beamtenstatus. Auch Rybak kann die Bedenken der (verbeamteten) Lehrer nachvollziehen. „Natürlich gehen sie aus ihrem sicheren Hafen heraus.“

Dass die Gesamtschule weniger Differenzierungsangebote bietet als Gymnasien, sieht der designierte Schulleiter Volker Esch-Alsen nicht zwingend als Nachteil. „Ein schmales Angebot bietet mehr Platz für individuelle Betreuung.“

Auch wenn sich die Gemeinde als Schulträger zurückzieht, wird sie kräftig in die Einrichtung investieren. „Unser Ziel ist es nicht, Geld zu sparen“, stellt Rybak klar. Zum einen wird die Gemeinde den 13-prozentigen Eigenanteil an den laufenden Kosten tragen, den sonst der Verein hätte aufbringen müssen. Im Vollbetrieb seien das ganz grob geschätzt 500000 Euro pro Jahr, so lange die Jahrgänge noch im Aufbau seien, entsprechend weniger, so Rybak. Ein Schulgeld müssen die Eltern dadurch nicht zahlen. „Wir dürfen als gemeinnütziger Verein keine Profite machen“, so Esch-Alsen. Zudem wolle man keine Eliteschule, ergänzt Rybak.

Außerdem wird die Gemeinde das Gebäude nach den Anforderungen der Gesamtschule sanieren. Neben einer fälligen energetischen Sanierung ist ein neues Raumkonzept geplant. So sollen laut Assmann etwa Zwischenwände eingezogen und neue Verbindungen zwischen bestehenden Räumen geschaffen werden, um das Arbeiten in kleinen Gruppen zu verbessern. Die großen Flurbereiche könne man für Lerninseln nutzen. Lehrern und Eltern soll eine Mitsprache eingeräumt werden. Unter dem Strich geht die Verwaltung von einem siebenstelligen Betrag aus, der allerdings nicht auf einmal fällig wird. „Ich könnte mir vorstellen, dass wir die Räume jahrgangsweise anpassen“, sagt Rybak. So könnten die Ausgaben über die Einnahmen aus der Vermietung an die INI refinanziert werden. In große Vorleistungen müsste die Gemeinde also nicht gehen.

In den Fraktionen stieß der Plan auf Zustimmung. So sieht Schulausschussvorsitzender Jürgen Gläscher (SPD) in der Entwicklung „eine große Chance und eine sichere Schulform für Jahrzehnte“. Auch die anderen Fraktionsvorsitzenden stehen hinter der Gesamtschule, über die am Donnerstag, 18. Juni, im Bildungsausschuss (17 Uhr, Begegnungsstätte Wehdem) weiter diskutiert wird. Dann haben ausnahmsweise nicht nur die Politiker das Wort. Während einer Sitzungsunterbrechung soll auch den Elternvertretern die Möglichkeit gegeben werden, ihre Meinung zu äußern.

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