Kabarettist lockt Fleischesser in die Falle

Doppelbödiger Geniestreich statt Anti-Veggie-Programm

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Holger Paetz überzeugte mit Schauspiel, Wortspielereien und Fingerspitzengefühl.

Wehdem - Von Mareile Mattlage. „Katzen fressen Gras, wenn sie kotzen wollen!“, „Null Ekstase, nur Essen aus der Vase!“, „Fleisch? Für mich gestorben!“, „Veganer sind ein Angriff auf die Vernunft!“ oder auch „Vegetarier sollten mit dem Rücken zur Wand stehen – stotternd nach Argumenten suchend!“: So lauteten die heftigen Parolen, die Kabarettist Holger Paetz am Samstagabend im ausverkauften Life House rund 140 Gästen um die Ohren haute.

Dafür erntete der Künstler aber nicht etwa Empörung und Buh-Rufe, sondern Applaus und Gelächter. Gut so. Sein mutmaßlicher Plan ging damit auf. Parolen dieser Art waren nämlich nicht etwa seine wahre Überzeugung, sondern Köder, mit denen Paetz sein Publikum clever überlistete und in die Falle lockte. Dieses übrigens auch schon vorab in den Ankündigungen, welche hinter dem Titel „Auch Veganer verwelken“ ein spottreiches Anti-Veggie-Programm vermuten ließen.

Tatsächlich ist der 63-jährige Kabarettist, Liedermacher und Autor selbst seit Jahren Vegetarier. Dies wurde er aufgrund einer Gichterkrankung, welche sich bekanntlich durch konsequente Ernährungsumstellung heilen lässt.

Nachdem Paetz, der in München geboren wurde und im unterfränkischen Aschaffenburg aufwuchs, nach bester bayerischer Stimmtisch-Manier so richtig schön gegen die „Veggies“ vom Leder gezogen und Seitenhiebe in Richtung Horst Seehofer und Co. abgegeben hatte, änderte sich die Fahrtrichtung im zweiten Teil des gut zweistündigen, mit selbst komponierten Songs gespickten Programms (darunter das Lied „Ein Virus geht um die Welt“ zum Thema Geflügelzucht).

Plötzlich wurde es ruhiger im Publikum. Etwa bei Aussagen wie „Artgerechte Haltung bedeutet, dass die Tiere sich der Art ihrer Haltung anzupassen haben“. Oder „Der Mensch ist ein Säugetier, das bis ins hohe Alter gestillt werden will.“ Dass die Kuh, ein Lebtag angebunden in ihrer Zelle, den Kopf nicht drehen könne und ein Euter groß wie einen Fiat habe… egal! „I will mei Milli!“

Bei der Frage danach, welcher Wein am besten zu Hundebraten passen würde – an dieser Stelle der Bezug zur Schweiz, wo das Essen von Hunden und Katzen erlaubt ist – blieb den Leuten dann endgültig das Lachen im Halse stecken. Bezeichnungen wie „Hot Dog“ oder „Tafel-Spitz“ bekamen da gleich eine ganz neue Bedeutung.

„Entwickeln wir uns hin zu einer fleischlosen Gesellschaft? Das ist die entscheidende Frage!“, betonte der Kabarettist. Für eine vegetarische Ernährung sprechen laut Paetz die Themen Tierquälerei, Gesundheit und natürlich auch Umwelt. Immerhin sei es längst erwiesen, dass ein spazierender Fleischesser immer noch klimaschädlicher ist als ein Auto fahrender Vegetarier. Doch auch fürs Fleischessen gebe es einen guten Grund. Nämlich: „Es schmeckt mir aber!“

Ebenfalls sehr klar die Haltung gegenüber Jägern, Ärzten und der Pharmaindustrie. Zur Doppelmoral der ersten Gattung äußerte sich der Künstler mit einem Zitat des früheren Bundespräsidenten Theodor Heuss: „Jägerei ist eine Nebenform von menschlicher Geisteskrankheit.“ Zur zweiten Gruppe: „Fragen Sie Ihren Arzt ruhig nach Rat. Und wenn er ihnen eine bestimmte Ernährungsweise empfiehlt, tun sie genau das Gegenteil.“ Zur Pharmalobby: „Nun ja, unseren Tod wollen sie nicht. Dann hätten sie ja keine Kunden mehr. Unsere Gesundheit aber ebenso wenig, denn dann würden sie ja kein Geld mehr verdienen.“

Holger Paetz, der im Laufe seines Jahrzehnte langen künstlerischen Schaffens bereits mehrfach preisgekrönt wurde, überzeugte mit schauspielerischem Talent, zwischenzeitlichen Wortspielereien und vor allem mit Fingerspitzengefühl. Denn es ging ihm nicht darum, irgendwen bloßzustellen. Vielmehr erzählte er – selbst einst leidenschaftlicher Fleischesser und süchtig nach Leberkässemmeln – mit seinem Programm seine eigene Geschichte.

Humoristisch und selbstironisch präsentierte er seine damalige Zerrissenheit, seine inneren Prozesse, den „Engel“ und den „Teufel“ im eigenen Kopf. Und mit eben dieser Ehrlichkeit gelang das Meisterstück: Er schaffte es, nachzuempfinden und den Spiegel nicht anklagend, sondern liebevoll hochzuhalten und augenzwinkernd zum Nachdenken anzuregen. Frei nach dem Motto: „Die Seele isst immer mit.“ Ein Geniestreich mit Biss, originellem Rezept und pikantem Nachgeschmack.

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