Friedhelm Levermann engagiert sich ehrenamtlich als Schöffe beim Landgericht

Richter ohne Robe

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Für seine ehrenamtliche Arbeit am Landgericht in Bielefeld hat Friedhelm Levermann einen Ordner angelegt, in dem er alle Informationen zu den Prozessen sammelt.

Destel - Von Anika Bokelmann. Der Menschenverstand und Gerechtigkeitssinn sind bei Friedhelm Levermann gut ausgeprägt – und auch nötig. Der 60-Jährige ist seit zwei Jahren ehrenamtlicher Schöffe beim Strafgericht in Bielefeld. Dafür fährt der Desteler zwölf Mal im Jahr zum Landgericht und entscheidet mit weiteren Schöffen und mindestens einem Richter über die Schicksale der Angeklagten.

Die zwei Semester Rechtswissenschaft, die Friedhelm Levermann einst während seines Studiums belegt hatte, sind dem Stemweder in guter Erinnerung geblieben. „Der Dozent hat die Themen sehr lebendig geschildert und heute kann ich die damals gewonnenen Sichtweisen wieder einsetzen“, sagt Levermann, der seit dem Jahr 2014 erstmalig als Schöffe tätig ist. Auch wenn sein Vater bereits vor 50 Jahren dieses Ehrenamt bekleidet hatte, Einfluss auf seine Entscheidung hatte das nicht. „Das habe ich erst nach der Bewerbung erfahren“, so Levermann.

Mehr als 30 Jahre hat der heutige Vorruheständler vorher als Diplom-Ingenieur im Bereich Nachrichtentechnik bei einem großen Telekommunikationsanbieter gearbeitet. Als seine Eltern auf dem Hof in Destel Unterstützung brauchten, hat Levermann sich für die Arbeit an Haus und Hof entschieden. Aber „mir lag schon immer viel am Ehrenamt“, macht er deutlich. In Stemwede kennt man Levermann als Löschgruppenführer der Desteler Ortsgruppe der Freiwilligen Feuerwehr, mit der er viel – auch bei sportlichen Wettkämpfen – unterwegs ist.

Als er mit seiner Ehefrau den Aufruf für das Schöffenamt gelesen hatte, hat Levermann nicht lange gezögert – und sich bei der Gemeindeverwaltung beworben. „Ich hatte nur eine grobe Idee, was da auf mich zukommen könnte, und wollte mich überraschen lassen“, erinnert sich der 60-Jährige, dass er eigentlich gar nicht damit gerechnet hatte, dass die Entscheidung auf ihn fallen könnte.

Doch ebenso wie Stephan Leonhardt aus Wehdem wurde Friedhelm Levermann schließlich zur Auftaktveranstaltung eingeladen, bei der es nähere Informationen zu der Position gab. Dabei habe er auch erst erfahren, bei welchem Gericht er eingesetzt werden würde. Bis 2018 sind die beiden Stemweder nun noch als Schöffen tätig.

Jeweils im November bekommt Levermann eine Liste mit den Terminen für das nächste Jahr zur Durchsicht. In begründeten Fällen darf er Verhandlungen absagen. Dann greift das Landgericht Bielefeld auf Ersatzschöffen zurück. „Aber eigentlich sind wir zur Wahrnehmung der Prozesse verpflichtet“, erklärt Levermann zur Erscheinungspflicht und weiter: „Die Verfahren werden ausgelost.“

Rund anderthalb Wochen vor dem Gerichtstermin bekommen die Schöffen nochmals eine Einladung. Infos gibt es für die ehrenamtlichen Richter nicht. „Wir sollen ohne Vorurteile oder vorher angeeignetes Wissen an die Sache herangehen“, berichtet Levermann. Erst während des Verfahrens erfährt er die Details und Hintergründe. In den Verhandlungen geht es in der Regel um Bandenkriminalität, Raub, Tötungsversuche und Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, also Drogenhandel, zählt der engagierte Desteler auf.

Die Zusammenarbeit mit den Richtern bezeichnet Levermann als gut. In den Beratungen werden anhand des jeweiligen Strafrahmens die Entscheidungen vor der Urteilsverkündung besprochen. „Manchmal sind wir uns sehr schnell einig über das Urteil. Aber die Gespräche können auch schonmal einen halben Tag in Anspruch nehmen“, verrät Levermann. Überhaupt sei Flexibilität gefragt, da man nicht wisse, wie lange die Verhandlungen dauern.

Bereut hat Levermann die Entscheidung bislang nicht. „Wenn es mir gesundheitlich weiter gut geht, kann ich mir auch eine weitere Amtsperiode als Schöffe vorstellen“, sagt der Desteler. Aber noch hat er weitere drei Jahre, in denen er vorne neben dem Richter sitzen und Entscheidungen fällen wird – ganz ohne Robe, dafür aber mit Einfühlungsvermögen und Menschenverstand.

„Am Gericht läuft nichts nach Schema F. Die persönlichen Schicksale sind das Interessante am Schöffenamt“, hebt Levermann hervor. Manchmal erkundige er sich beim Richter nochmal nach dem Angeklagten. Gegenüber seiner Frau und Dritten gilt für ihn die Verschwiegenheitspflicht.

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