Mathias Tretter bietet im Life House geistreiches Kabarett / Zahlreiche Zuschauer

Flüchtlinge, Selfies und Böhmermann

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Mathias Tretter sorgte im Life House für einen gelundenen Kabarett-Abend.

Wehdem - Von Katharina Schmidt. Die Musik setzt ein. Aus Lautsprechern dröhnt Wagners Ouvertüre zum fliegenden Holländer. Mathias Tretter schreitet auf die Bühne und hebt die Arme empor – Selbstinszenierung pur. Keine Frage, der Einstieg in sein Programm „Selfie“ passt zum Titel. Und nicht nur der Anfang stimmt: Mit „Selfie“ geißelt Tretter den Zwang zur Selbstinszenierung und zeigt geistreiches Kabarett, politisch und aktuell.

Tretter selbst beschreibt die Inhalte seines Programms etwas anders. „Es geht um ein Thema, das ich global betrachtet für das wichtigste halte: nämlich mich“, kündigte er am Sonntag zu Beginn seines Auftrittes im Life House an. Engagiert hatte ihn der Verein für Jugend, Freizeit und Kultur (JFK). In den folgenden zwei Stunden zeigte sich Tretter jedoch nicht ernsthaft überheblich, sondern intelligent und witzig. Nicht umsonst ist er Gewinner des Deutschen Kleinkunstpreises und bekannt für seine Satire in der Radiosendung „Politikum“.

Eine der aktuellsten Entwicklungen, auf die Tretter anspielte: der Fall Böhmermann. Er könne die Kritik nicht ernst nehmen, angesichts der wirklichen aktuellen Probleme. „Das ist etwa so, als ob man im dritten Stock eines brennenden Hauses steht und mit dem Hamster schimpft, weil er die Tapete angeknabbert hat.“ Die seiner Ansicht nach wirklichen Probleme nannte Tretter den zahlreichen Zuschauern mehrmals: Den Klimawandel, schrumpfende Ressourcen, die Flüchtlingskrise, Hunger, Terror und Milliarden von Indern und Chinesen, die den deutschen Lebensstandard anstrebten. Eine Aufzählung, die zum Nachdenken anregte – dem Abend im Life House aber keinesfalls den Witz nahm.

Tretter versteht es, sein Publikum mitzureißen. Auch wenn er im Gegensatz zu Böhmermann mit seiner Satire wohl keine Staatsaffäre auslösen wird, so stichelt er doch gezielt und mit der nötigen Portion Boshaftigkeit. Er nahm im Life House die Bundeswehr aufs Korn, „die immer das Gute will und stets das Böse schafft“. Oder Ursula von der Leyens „Permafrost-Lächeln“, das ihn an den Teufel Mephisto erinnere. Eines der Themen, die Tretter immer wieder ansprach, war die Flüchtlingskrise. „Die Flüchtlinge haben eine Deutschlandliebe, von der können sich die Rechten eine Scheibe abschneiden – und brauner sind sie auch“, scherzte er. Sein nicht ganz ernst gemeinter Vorschlag: Alle Flüchtlinge im ostdeutschen Land unterbringen, damit die Neonazis dort mal in der Unterzahl seien.

Tretter wechselte zwischendurch in die fränkische oder sächsische Mundart. Denn, so erklärte er, er sei selber Migrant – aufgewachsen in Würzburg, wohnhaft in Leipzig. Vom politischen Weltgeschehen sprang der Kabarettist zu Mode-Krankheiten, der Apokalypse, Balsamico-Sprayern und zu der titelgebenden Selbstinszenierung in digitalen Medien. „WhatsApp, Facebook etc. sorgen dafür, dass fast alle die Klappe halten“, habe er festgestellt – alle würden nur noch tippen. Das Ausmaß an Geschwätz, das der Menschheit erspart bleibe, sei gewaltig. Außerdem sei mit der Möglichkeit, Fotos im Internet hochzuladen, einer der größten Geißeln des Abendlandes der Garaus gemacht worden: dem Dia-Abend.

Weitere Höhepunkte von „Selfie“: Den Klassiker „Faust“ übersetzte Tretter in eine anderthalb Minuten kurze Jugendsprache-Version und Kinderlieder näherte er thematisch der Gegenwart an. So geht Hänschen Klein bei Tretter nicht alleine in den Wald, sondern in das World Wide Web und verirrt sich auf Youporn. Und aus „Biene Maja“ wird in Anspielung auf Osama Bin Laden die brutale „Biene Laden“. Fazit: Ein gelungener Kabarett-Abend mit zahlreichen Denkanstößen, der das Zwerchfell strapaziert hat.

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