Hof Meyer-Reiningen vor 300 Jahren erbaut

Fachwerkmauern könnten viel erzählen

Eines der ältesten existierenden Fotos zeigt das Anwesen Meyer-Reiningen im Jahr 1922.

Reiningen - Von Melanie Russ. Wenn die Mauern des Hofes Meyer-Reiningen reden könnten, dann hätten sie viel zu erzählen – von napoleonischen Truppen, die auf ihrer Flucht vor Russen und Preußen durch diese Lande zogen, von Russen, die auf ihrer Verfolgungsjagd in Reiningen Station machten und das Anwesen fast in Brand gesteckt hätten, von britischen Soldaten, die den geräumigen Flur kurzerhand in einen Operationssaal verwandelten, und von zahlreichen amüsanten wie traurigen Begebenheiten, die die vielen Generationen der Familie Meyer-Reiningen hier erlebten.

Vor genau 300 Jahren, etwa zur gleichen Zeit, als Friedrich Wilhelm I. für seine Leibgarde 5 000 „Lange Kerls“ aus Russland bekam und dem Zaren als Dank das legendäre Bernsteinzimmer schenkte, wurde an der Dielinger Straße Richtfest gefeiert. Ein Balken am Nordgiebel berichtet noch heute davon: „Arend Herman Meyer und Anna Maria Düsterberges Eheleute haben dis Haus bawen laßen und ist von M. Johan Tieman verfertiget und Anno 1716 den 6 Juny aufgerichtet worden. Gott allein die Ehr.“

Liselotte Meyer-Reiningen und ihr Sohn Eckhard können auf eine lange Ahnenreihe zurückblicken.

Einige Balken des in Dreiständerbauweise gebauten Fachwerkhauses haben sogar eine noch längere Geschichte. Sie stammen von einem zuvor an gleicher Stelle abgebrochenen Haus und wurden, wie es damals üblich war, „recycelt“.

Den Grund und Boden erhielt die Familie einst als erbliches Lehen vom Grafen zu Diepholz. Wann genau das war, lässt sich laut Liselotte Meyer-Reiningen, die 1929 auf dem Hof das Licht der Welt erblickte, nicht mehr zurückverfolgen, da die Dielinger Kirchenbücher verbrannt sind. Eine Urkunde aus dem 15. Jahrhundert nenne aber einen Cord Meyer zu Reiningen als Zeuge bei einem Grundstückserwerb.

Diese Tür aus Pappelholz ist noch ein Original aus dem Jahr 1716.

Der Meyerhof sei wohl der erste größere Hof in Reiningen gewesen, berichten Liselotte Meyer-Reiningen und ihr Sohn Eckhard, der der akutelle Hausherr in dem großen Fachwerkhaus ist. Wie viele Meyer-Generationen genau in den alten Mauern lebten, haben die beiden nie gezählt. Etwa zwölf Generationen werden es wohl gewesen sein.

Die ersten hundert Jahre im Hause Meyer-Reiningen seien relativ unsprektakulär verlaufen, berichtet Eckhard Meyer-Reiningen. Zumindest ist in seinen historischen Unterlagen nichts Gegenteiliges verzeichnet. „Brenzlig“ im wahrsten Sinne des Wortes wurde es während der „Franzosenzeit“. Im Winter 1813 quartierten sich rund 90 Russen, die den Franzosen auf ihrem Rückzug Richtung Westen folgten, auf dem Hof ein. Ihr leichtfertiger Umgang mit offenem Feuer bereitete den Bewohnern Sorge, bis die Dame des Hauses energisch für Ordnung sorgte.

Eine tragische Episode zwei Jahre später hatte ebenfalls mit den Franzosen zu tun. Nachdem zwei Söhne des Hauses einen französischen Corporal verprügelt hatten und anschließend geflüchtet waren, wurde der Hausherr verhaftet, nach Bremen gebracht und dort erschossen. Seine Witwe heiratete erneut und gebar sieben Kinder, von denen einige nach Amerika auswanderten. Der Kontakt zu den Nachfahren dieser Auswanderer besteht laut Liselotte Meyer-Reiningen noch heute.

Ein Balken am Nordgiebel zeugt noch heute vom Bau des inzwischen rund 345 Quadratmeter umfassenden Fachwerkhauses. - Fotos: Russ

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs quartierten sich die Briten für eine Nacht auf dem Anwesen ein. Auch sie hantierten auf dem Heuboden recht unbedarft mit offenem Feuer, aber auch diese turbulente Zeit überstand das Gebäude schadlos. Nur der Flur musste gründlich renoviert werden, nachdem die Briten ihn in einen Operationssaal umfunktioniert hatten. „Überall war Blut“, erinnert sich Liselotte Meyer-Reiningen noch gut.

Ihr Vater Carl (1900-1991) hatte das Anwesen 1917 übernommen und bis 1950 geführt. Danach widmete er sich ganz seiner Aufgabe als Bürgermeister, während Tochter Liselotte und Ehemann Heinrich die Landwirtschaft führten. Die zweite, sieben Jahre ältere Tochter Marie wurde Lehrerin.

So, wie sich die Familienverhältnisse im Laufe der Zeit immer wieder wandelten, so entwickelte sich auch das Fachwerkhaus. Heute misst es rund 345 Quadratmeter. Im Laufe der Jahrhunderte wurde es immer wieder an die Bedürfnisse seiner Bewohner angepasst. So entstand 1910 ein Anbau an der Westseite, um zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. Gleichzeitig wurde der marode Südgiebel im unteren Bereich durch Bruchsteinmauerwerk ersetzt. Während des Ersten Weltkriegs wurde der Nordgiebel erneuert, nachdem baulichen Mängel zutage getreten waren.

In den 80er-Jahren wurden die Gefache neu ausgemauert und das Reetdach erneuert. „Wir haben viel Wert darauf gelegt, dass äußere Bild zu erhalten“, so Eckhard Meyer-Reiningen. Die letzte größere Maßnahme erfolgte 1996 mit der Erneuerung des Firsts.

Während die Eigentümer in den ersten beiden Jahrhunderten noch nach Gutdünken an ihrem Haus werkeln durften, ist das seit den 1930er-Jahren nicht mehr so einfach. Seinerzeit wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt, „von oben herab, die Familie hat keiner gefragt“, berichtet Meyer-Reiningen, der auf diesen Status gut verzichten könnte.

Nach seinem Empfinden sind die Anforderungen der Denkmalschutzbehörde, die ein Heile-Welt-Klischee erhalten wolle, nur schwer mit der alltäglichen Nutzung eines historischen Gebäudes vereinbar. Genau das sei aber erforderlich, wenn solch ein Gebäude nicht zur Ruine verfallen soll.

„Use it or lose it – Nutze es oder verliere es“ lautet sein Leitspruch. Er würde sich für Sanierungen Zuschüsse wünschen, die in ihrer Höhe den Anforderungen der Denkmalschutzbehörde angemessen sind. Derzeit sei das leider nicht der Fall. „Die Zuschüsse für eine energetische Sanierung sind deutlich höher“, bedauert er.

Das Haus zu verkaufen und irgendwo anders zu leben, ist für Eckhard Meyer-Reiningen und seine Familie aber trotz des gelegentlichen Ärgers mit Behörden keine Option. Das Haus ist sein Zuhause, und das Gefühl zuhause zu sein, könne man sich nunmal nicht kaufen.

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