Anatevka sorgte in Espelkamp für stehenden Applaus / Tony Marshall überzeugte als Milchmann Tevje

Saison endete mit einem Highlight

Kaum wiederzuerkennen war der Star des Abends: Tony Marshall.

Rahden - ESPELKAMP (Art) · Tony Marshall, da denkt man unwillkürlich an volkstümliche Musik und Rumtata. Doch man tut ihm damit Unrecht: Im Espelkamper Theater an der Trakehner Straße spielte er die Hauptrolle im 1964 in New York erstmals aufgeführten Musicalklassiker „Anatevka“.

Der Star des Abends war kaum wiederzuerkennen, wirkte dynamisch, obwohl er ja eigentlich schon dem Rentenalter angehört. Den Milchmann Tevje im kleinen russischen Städtchen Anatevka, wo er mit seiner Familie geborgen in der jüdischen Gemeinde lebt spielte er, ohne die anderen Akteure an die Wand zu spielen. Seiner armen Familie samt Ehefrau Golde und den fünf hübschen Töchtern geht es finanziell nicht besonders gut. Darüber klagt er zum Herrrgott und seine dargebotenen Dialoge sind teils lustig, teils tragisch, aber immer amüsant. „Lieber Gott, wir sind zwar dein auserwähltes Volk, kannst du zwischendurch aber auch mal ein anderes wählen?“

Mit Humor und menschlicher Wärme ließ Tony Marshall den braven Mann seine klugen Ratschläge mit den passend zurechtgestutzten Bibelzitaten erteilen. Die Not lernt beten, kann man sagen. Denn das Leben im kleinen Dörfchen ist ziemlich aus den Fugen geraten: Ständige Veränderung und schließlich die Vertreibung aus der Heimat. Es waren harte Zeiten in den jüdischen Exklaven, auch schtechtl genannt. Der rührige Milchmann muss sich damit abfinden, dass seine Töchter nicht die Männer heiraten, die er sich als Schwiegersöhne ausgesucht hätte, eine von ihnen gar den Russen Fedja, dieser ist ein Revolutionär aus dem fernen Kiev.

Und doch behält Tevje sein Vertrauen zu Gott – wie der „Fiedler auf dem Dach“, der ja auch irgendwie die Balance zu halten vermag. Das gleichnamige Bild von Marc Chagall gab die Vorlage für das Bühnenbild zu dem berühmten Musical nach der Vorlage des jiddischen Schriftstellers Sholem Alejchem.

Die Geschichte voll Melancholie und Trauer, aber auch voll Komik und Lebenslust berührte das Theaterpublikum. Die sehr gut ausgebildeten bulgarischen Musiker spielten perfekt aus dem Orchestergraben heraus die zum Stück gehörigen Melodien, die allesamt Klassiker geworden sind.

Die Besetzung der Rollen durch Charakterdarsteller und junge Nachwuchstalente war gelungen. Die warmherzige Mutter Golde verkörperte Anke Lautenbach. Die drei schönen Töchter, Zeitel (Maxi Neuwirth), Hodel (Lena Wischhusen) und Chava (Anne Bedenbender), hatten reichlich Verehrer.

In der überzeugenden Charakterisierung der Männer zeigten sich die Umbrüche der Zeit: Wo der – abgeblitzte – Metzger Lazar Wolf (Manfred Schwaiger) noch ganz patriarchalisch auf eine durch die Heiratsvermittlerin (Sabine Schmidt-Kirchner) arrangierte Ehe baut, wagt der zunächst schüchterne Schneider Mottel (Daniel-Erik Biel), selbst um Zeitels Hand anzuhalten; der junge Russe Perechik (Ben Zimmermann) fragt nicht mehr um Erlaubnis, er erbittet nur den Segen von Hodels Vater – und Chava und Fedja (Tim Müller) setzen sich schließlich über den Einspruch Tevjes hinweg. Trotz aller Herausforderungen – das Leben geht weiter. Das war die Botschaft des Stückes. Die Besucher zeigten sich hoch zufrieden und belohnten das Ensemble mit langem Beifall.

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