Vorwurf: Anträge werden pauschal abgelehnt, Bewilligungen herausgezögert

Monatelanges Warten auf einen Sportrollstuhl

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Beim Basketballtraining in der Turnhalle am Gymnasium sitzen alle Spieler der Jugendmannschaft der Baskets 96 in Sportrollstühlen – allerdings müssen manche von ihnen vorerst mit Modellen des Vereins vorliebnehmen, die nicht speziell an ihre Bedürfnisse angepasst sind.

Rahden - Von Katharina Schmidt. Freitagabend in der Turnhalle am Gymnasium: Die Spieler der Jugendgruppe der Baskets 96, einem Verein für Rollstuhlbasketball, trainieren für ein bevorstehendes Turnier. Für viele wird es das erste sein. Innerhalb weniger Sekunden rollen sie quer über das Spielfeld, wenden, dribbeln, passen und werfen. Dabei sitzen sie in einem Sportrollstuhl. Doch einen solchen zu bekommen, ist laut dem Baskets-Vorsitzenden Stephan Rehling gar nicht so leicht. „Die Krankenkassen stellen sich quer“, kritisiert er.

Drei Mitglieder der Rahdener Jugendgruppe warten derzeit auf einen Sportrollstuhl. Zum Teil seit Monaten. Laut Rehling ist es immer dasselbe Prozedere: Erst müsse ein Antrag an die Krankenkasse gestellt werden, „obwohl man genau weiß, dass sie ablehnen“. Nachdem Betroffene Widerspruch einlegten, folgten monatelange Korrespondenzen. Verzögerungen würden einem eingeschalteten Anwalt gegenüber mit „Bearbeitungsrückständen“ und einer „angespannten Personallage“ begründet, so Rehling.

„Die wissen ganz genau, dass sie das zahlen müssen“, meint der Vorsitzende. Ein entsprechendes Gesetz gebe es zwar nicht, aber wegweisende Urteile – zumindest für Schüler, die mithilfe eines Sportrollstuhls am Sportunterricht teilnehmen könnten. Auf die jungen Spieler der Baskets treffe das zu.

Laut Anthony Kahlfeldt, Leiter des Referats Sport und Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Rollstuhl-Sportverbands (DRS), ist das von Rehling geschilderte Problem „nicht ganz unbekannt“. Betroffene sollten auf jeden Fall probieren, nach Ablehnung eines Antrags juristisch vorzugehen, rät er auf Anfrage. Auch, wenn es letztendlich eine Individualentscheidung des Gerichtes bleibe – „die Aussichten auf Erfolg stehen nicht schlecht“, sagt der DRS-Mitarbeiter in Hinblick auf die auch vom Baskets-Vorsitzenden angesprochenen Urteile.

Selbst nach der Genehmigung kann sich das Verfahren laut Rehling weiter in die Länge ziehen. Bei einem Vereinsmitglied sei zum Beispiel klar, dass die Kasse zahle – aber „mittlerweile haben sie sich den fünften Kostenvoranschlag geholt“, berichtet der Vorsitzende. Daten wie Größe und Gewicht, die die Betroffenen vor Monaten bei der Antragstellung angegeben hatten, seien darüber hinaus längst nicht mehr aktuell.

„Dieses hin und her – da haben die Eltern auch irgendwann keine Lust mehr“, sagt Rehling. Und genau das sei die Taktik, vermutet er: Darauf bauen, dass die Eltern entnervt aufgeben. Aktuellen Medienberichten zufolge kritisiert auch die unabhängige Patientenberatung Deutschland, dass Krankenkassen Anträge auf Hilfsmittel in vielen Fällen pauschal ablehnten und Bewilligungen bis zu zwei Jahre hinauszögerten.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen erklärt auf Nachfrage, dass die Kassen im Einzelfall prüfen würden, ob ein Anspruch auf ein Hilfsmittel bestehe. Ob es pauschale Ablehnungen gebe, könne der Verband nicht beantworten und verweist auf kassenindividuelle Verträge. Die Nachfrage bei einer großen Krankenkasse ergibt, dass diese pauschale Ablehnungen als Taktik bestreitet. Individuelle Anpassungen oder die Einschaltung des Widerspruchsausschusses könnten jedoch zu Verzögerung führen.

Trotz allem: Die Eltern der betroffenen Baskets-Spieler „bleiben Gott sei Dank am Ball“, freut sich Stephan Rehling. Dazu gehören Michael Sandvoß aus Minden und Michaela Grote aus Klosterbauerschaft. Über den Aufwand, einen Sportrollstuhl für Kinder und Jugendliche zu bekommen, können sie nur die Köpfe schütteln. „Die Ärzte sagen, er soll Sport machen“, meint Michaela Grote mit Blick auf ihnen Sohn Lenny. Dass es nun solche Schwierigkeiten bereite, das auch umzusetzen, sei unverständlich. Sandvoß ergänzt, dass er die stets nach außen getragene Inklusion in diesem Fall vermisse.

DRS-Mitarbeiter Kahlfeldt verweist in dem Zusammenhang auf die UN-Behindertenrechtskonvention. Dem Leitbild für die Rechte von Menschen mit Behinderung zufolge muss gehandicapten Menschen die Teilnahme an allen Lebensbereichen ermöglicht werden. „Schlimm genug, dass die Eltern der Jugendlichen überhaupt klagen müssen“, findet er angesichts von Ablehnungsbescheiden in Sachen Sportrollstuhl.

Solange Kinder und Jugendliche keinen Sportrollstuhl besitzen, ist bei den Baskets Improvisation angesagt. „Wir haben hier Stühle stehen, die nicht hundertprozentig passen, aber mit denen die Kinder erstmal mitmachen können“, erklärt Rehling. Eigentlich müssten Sportrollstühle jedoch auf Größe, Gewicht und Behinderung ihres Besitzers abgestimmt werden.

Mit dem Alltags-Rollstuhl zu spielen ist laut Rehling, der seit 1982 Basketball spielt, keine Option. „Wenn ich mit diesem Rollstuhl mitfahren würde“, sagt er und deutet auf seinen „normalen“ Rollstuhl, „würde ich ihn an einem Abend kaputt fahren“. Die für den Sport gefertigten Modelle sind robuster – immerhin prallen Spieler bei der Paralympics-Disziplin auch aneinander. Außerdem haben sie eine Kipprolle, die ein Umkippen verhindert, schräg gestellte Räder mit Hallenbereifung und eine breitere Auflage. Insgesamt sind sie wendiger und verhindern, dass sich Spieler die Hände klemmen. Das ganze hat seinen Preis: Ein Sportrollstuhl kostet bis zu 7000 Euro.

Derzeit spielen zwölf Jungen und Mädchen zwischen acht und 15 Jahren in der Baskets-Jugendmannschaft. Für das jüngste Mitglied fängt der bürokratische Kampf um einen Sportrollstuhl vermutlich bald an. „Das wird dann auch wieder zwölf bis 18 Monate dauern“, befürchtet Rehling.

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