Espelkamperin wegen fahrlässiger Tötung zu 3.600 Euro Geldstrafe verurteilt

Verteidiger irritiert mit Spielzeug-Beweisführung

Rahden/Espelkamp - Von Melanie Russ. Ein Augenblicksversagen, ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit kostete am Morgen des 28. April 2015 einen 72-jährigen Mann das Leben. Im Kreisverkehr der Gabelhorst in Espelkamp kollidierte er mit dem Golf einer 50-jährigen Espelkamperin. Sie musste sich heute wegen fahrlässiger Tötung vor dem Rahdener Amtsgericht verantworten.

Die Staatsanwaltschaft warf der Frau vor, beim Einfahren in den Kreisverkehr nicht auf andere Verkehrsteilnehmer geachtet zu haben und dadurch mit dem bereits im Kreisel befindlichen und damit vorfahrtsberechtigten Mann zusammengestoßen zu sein.

Die Angeklagte gab an, vor der Einfahrt in den Kreisverkehr ganz langsam gefahren zu sein, nach links und rechts geschaut, den von links kommenden Radfahrer aber nicht gesehen zu haben. Sie habe plötzlich einen starken Stoß gespürt, ihre Tochter habe vom Rücksitz gerufen „Mama, ein Mensch!“, daraufhin habe sie angehalten.

Der Staatsanwalt stützte sich bei seiner Anklage unter anderem auf die Aussage einer Augenzeugin, wonach sich der Radfahrer bei der Kollision bereits auf der Fahrbahn des Kreisels befand und vor dem Zusammenstoß mit normaler Geschwindigkeit fuhr. Zum anderen bezog er sich auf die Erkenntnisse des Sachverständigen.

Der geht aufgrund der von der Polizei gesicherten Spuren davon aus, dass der Radfahrer nicht auf dem Geh- und Radweg, sondern auf der Fahrbahn unterwegs war und mit einer Geschwindigkeit von 10 bis 15 km/h auf den Kotflügel des Golf prallte. Aufgrund des Einschlagswinkels müsse sich der Wagen schon im Abbiegevorgang befunden haben, aufgrund des Haltepunktes müsse er etwa 30 km/h, selbst bei langsamer Reaktion der Fahrerin aber mindestens 20 km/h schnell gewesen sein.

Der Sachverständige widersprach damit der Tochter der Angeklagten, die ausgesagt hatte, ihre Mutter habe an der Kreiseleinfahrt mehrere Sekunden gehalten. Selbst mit Vollgas könne ein Golf nicht so schnell beschleunigen, dass er an dem Punkt zum Halten komme, an dem er nach der Kollision gestanden habe.

Der Verteidiger versuchte, die Schlussfolgerungen des Sachverständigen auf nicht nur für den Staatsanwalt irritierende Art und Weise zu widerlegen. Aus einer Plastiktüte zog er ein buntes Spielzeugauto, -fahrrad und eine Barbie-Puppe hervor, um sich den Unfallhergang ganz plastisch demonstrieren zu lassen.

Sein Argument: Die Spuren auf dem Asphalt und am Auto beweisen nicht eindeutig die Schuld seiner Mandantin. So merkte er beispielsweise an, dass die Prellmarke auf dem Asphalt am Ort der Kollision weiß war. Da sie vom Vorderrad des Fahrrads stammen solle, müsse sie wegen des Gummis schwarz sein. Der Sachverständige hatte zuvor erläutert, dass die Felge durch die Kraft beim Aufprall durch den Reifen gedrückt hatte. Der Verteidiger argumentierte, es sei möglich, dass seine Mandantin den Radfahrer gar nicht habe sehen können.

Seine Mutmaßung, der Verstorbene sei auf der abschüssigen Straße mit mehr als 30 km/h unterwegs gewesen, fand der Staatsanwalt angesichts der Beweislage irritierend. Das hohe Alter des Verstorbenen und die Aussagen von Zeugen und Sachverständigem sprächen dagegen. Er hatte keine Zweifel daran, dass die Angeklagte den Radfahrer übersehen hatte. „Das macht niemand mit Absicht. Niemand kann sich davon freisprechen, dass so etwas passiert“, so der Staatsanwalt. Die Angeklagte sei nicht rücksichtslos unterwegs gewesen, hielt er ihr zugute. Allerdings hätte er sich ein Schuldeingeständnis gewünscht.

Auch Richter Schnasse hatte keine Zweifel an der Vorfahrtsverletzung und der Tatsache, dass die Angeklagte den Radfahrer hätte sehen können und müssen. Mit einer Geldstrafe von 3.600 Euro ging er noch über die Forderung der Staatsanwaltschaft von 3.000 Euro hinaus.

An die im Zuschauerraum sitzenden Verwandten des Getöteten richtete der Richter die Hoffnung, dass die Klärung des Unfallhergangs ihnen vielleicht etwas Ruhe gibt. Eine Genugtuung könne dieser Strafprozess natürlich nicht bringen.

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