Historiker und Archäologen stellen Befunde vor

Schattierungen führen Experten zur Steller Burg

Rahdens Bürgermeister Dr. Bert Honsel (r.) freut sich über den „sensationellen Fund“ und zeigt die Luftaufnahme auf Leinwand, die er von Dr. Bert Wiegel überreicht bekam. - Foto: Bokelmann

Rahden - Auf eine Zeitreise ins Mittelalter begaben sich gestern Schüler des Gymnasiums sowie Besucher in der Aula der Schule, als vier Geschichtsexperten über ihre jüngsten Entdeckungen berichteten. Die Archäologen und Historiker vermuten am Klärwerk in Stelle eine Burg, denn anhand von Luftbildaufnahmen sind dort entsprechende Spuren in Form von Schattierungen erkennbar. Während der archäologisch-historischen Auseinandersetzung erklärten die Akteure die Bedeutung der Steller Burg sowie ihre forschende Arbeitsweise.

Seit 2013 sind der Rahdener Archäologe Dr. Bert Wiegel und Dr. Baoquan Song von der Ruhr-Universität Bochum mit dessen Cessna über die Region geflogen und haben Luftbildaufnahmen gemacht. „Die Gegend spielt eine zentrale Rolle in der Geschichte, aber das Wissen ist sehr lückenhaft“, erläuterte Professor Dr. Michael Rind vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), Abteilungsleiter der Bodendenkmalpflege. Archäologe Dr. Hans-Otto Pollmann vom LWL ergänzte, dass die Burganlagen nur marginal in den Unterlagen erwähnt seien.

Im Urkataster von 1827 gebe es einen Hinweis auf die neue Fundstelle: Dort ist das Flurstück „Steller Burg“ verzeichnet, das die Historiker zum Anlass ihrer Untersuchung nehmen. Dr. Pollmann erinnerte zunächst an Grabungen aus dem Jahr 2007, als man schon einmal eine Burg in Stelle vermutet hatte. Anhand der Radio-Carbon-Methode hatte sich schließlich herausgestellt, dass die gefundenen Hölzer zu jung für diese Anlagen seien.

Denn die Burg wurde vermutlich zwischen dem zehnten und zwölften Jahrhundert errichtet. Auf den Luftbildern Songs ist deutlich ihre ringförmige Struktur erkennbar, woraus die Experten schließen, dass dort eine Burg des sogenannten Motte-Typs gestanden haben könnte, die von Wassergräben umgeben war. „Wir stehen am Anfang unserer Untersuchungen und müssen das Geschichtsbuch neu schreiben“, machte Rind deutlich. Sobald Familie Meier als Eigentümer des Grundstücks ihre Erlaubnis erteilt hat, könnten weitere Schritte erfolgen.

Wer sich jetzt an den Diekweg in Stelle begibt, wird dort keine Hinweise auf die Burg sehen, stellte Dr. Wiegel klar. Denn durch den Wandel hat sich ihm zufolge die Landschaft stark verändert. „Obertägig ist die Burg vor vielen Jahren verschwunden“, so der Rahdener. Nur aus der Luftperspektive lasse sich ihre Existenz auf dem heute landwirtschaftlich genutzten Areal erkennen.

Interessant sei auch der seit 800 Jahren erhaltene Weg, die Mindener Straße, der am Geestrücken Rahden-Diepenau entlangführt, so Dr. Wiegel. Dieser Weg sei geschichtlich von großer Bedeutung, weil die Völker bis etwa 1830 ihre Hauptverkehrswege von Westen nach Osten verfolgten. „Erst danach richteten sich die Verkehrsachsen von Norden nach Süden aus, so wie es heute unter anderem an der Bundesstraße von Rahden nach Lübbecke erkennbar ist“, sagte Wiegel.

Richtet man vom Standort der Steller Burg aus den Blick in Richtung Süden, ist in der Ferne der Reineberg im Wiehengebirge zu sehen. „Alle Burgen hatten einen solchen Orientierungspunkt“, erklärte dazu Dr. Bert Wiegel. Zum Aussehen der ehemaligen Motte-Burganlage führte er aus: „Das Gebäude wird Ähnlichkeiten mit Gut Stockhausen gehabt haben.“ Außerdem habe es einen doppelten Graben sowie eine Zuwegung gegeben, die ebenfalls auf dem Luftbild zu sehen sind.

Die unterirdischen Spuren der Burg, die Angaben der Historiker zufolge bis 1827 in Stelle existiert haben könnte, konstruiert der Luftarchäologe Dr. Song heute anhand des Pflanzenwuchses nach, da der Nährstoffgehalt der Böden durch frühere Gebäude beeinflusst werde. „Die Landschaft sieht von oben ganz anders aus“, erklärte er. „Es lassen sich neue Zusammenhänge erkennen und Bilder zur Gesamtheit zusammenführen“, so Song.

Mit der Steller Burg seien die Forschungen noch nicht beendet, machten die Akteure während der Präsentation im Gymnasium deutlich. „Wir haben bei unseren Flügen mehr als 100 Stellen entdeckt, denen wir noch nachgehen möchten“, informierte Dr. Song. Auf den Luftbildaufnahmen seien Spuren erkennbar, die bis in die Bronzezeit reichten – unter anderem Bestattungshügel und weitere Höfe, so der Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum.

Außerdem gehen die Historiker davon aus, dass Rahden noch mindestens eine weitere Burg gehabt hat. „Im Kataster von 1865 taucht das Flurstück Burgweide auf“, verriet Dr. Bert Wiegel. Aufgrund der Kartierung vermutet er eine Burganlage zwischen Varl und Oppenwehe, westlich des Großen Diekflusses.

Zusammen mit der Burgruine in Kleinendorf (einst eine Wasserburg, die von den Mindener Bischöfen errichtet wurde und nach einem Blitzeinschlag im Winter 1878/79 niederbrannte) liegt die Steller Burg auf einer Linie, jeweils an den Außenbereichen der halbinselförmigen Stadt, zudem kurz hinter den Überschwemmungsgebieten der Grenzflüsse. Im Zentrum des historischen Rahdens steht die Johanniskirche von 1353, die nicht nur als Symbol für den Frieden, sondern auch für den Machtverlust der Burgen steht. Auch ihre Bedeutung für die kommunale Verwaltung verloren die Burgen, als 1870 das neue Amtshaus im Zentrum gebaut wurde.

„Finanziert werden die Forschungen vom Land NRW sowie durch Fördermittel der Universitäten“, sagte der wissenschaftliche Referent und LWL-Außenstellenleiter, Dr. Sven Spiong.

abo

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