Rund 160 Zuhörer erhalten Einblick in Lebenswelten von Flüchtlingen

Viele würden zurückkehren, wenn Gefahr gebannt ist

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Pfarrer Udo Schulte und Referent Dr. Stefan Knost (l.) freuten sich, dass rund 160 Interessierte den Weg ins Rahdener Gemeindehaus gefunden hatten.

Rahden - Die Hilfsbereitschaft für die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten steht in Rahden auf festen engagierten Beinen. Die Willkommenskultur ist groß. Doch was sind das für Menschen, die zu uns kommen? Was für ein Leben haben sie geführt, bevor Krieg und Kämpfe ihre Städte und Dörfer zerstörten? Auf diese Frage gab der Vortrag von Dr. Stefan Knost, zu dem die evangelische Kirchengemeinde Rahden eingeladen hatte, am Mittwochabend eine Antwort. Der gebürtige Rahdener studierte und lebte lange Jahre selbst im Nahen Osten und unterrichtet derzeit im Fachbereich Islamwissenschaften an der Universität Halle/Saale.

„Es ist toll, dass auch diese Seite der Schutz suchenden Menschen die Bevölkerung so stark interessiert“, so Pfarrer Udo Schulte begeistert in seine Begrüßung. Denn der Saal des Gemeindehauses platzte mit rund 160 Zuhörern aus allen Nähten. Stuhlreihe um Stuhlreihe wurde aufgestockt, bis der letzte auffindbare Stuhl platziert war. Die Tische in der letzten Reihe boten den zuletzt gekommenen Interessierten gerade noch einen Sitzplatz.

Knost gab aus der Historie heraus zunächst einen Einblick in die ethnische, religiöse und kulturelle Entwicklung der Länder des Nahen Ostens mit ihrem Mosaik an Bevölkerungsgruppen. Auch auf die erste große Flüchtlingsbewegung in dieser Region während des Ersten Weltkrieges ging er ein. Damals seien 100000 armenische Flüchtlinge in der nahezu ebenso viele Einwohner zählenden syrischen Stadt Aleppo angekommen und hätten sich bis in die 50er-Jahre erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert.

„Die Menschen, die zu uns kommen, kommen aus Ländern mit einer Kultur und einem Lebensstandard, der mit unserem durchaus vergleichbar ist“, unterstrich Knost mit zahlreichen Fotos, die im intakten Syrien vor der Zerstörung entstanden. „Haben wir es dann vorrangig auch bei den Syrern mit Wirtschaftsflüchtlingen zu tun?“ Diese Frage aus dem Plenum konnte Knost transparent widerlegen. „Der Weg zu uns ist meist der zweite Schritt derer, die erkannt haben, dass langfristig kein sicheres Leben in ihrer Heimat möglich ist. Viele Flüchtlinge der Oberschicht versuchen in der Türkei ihr Unternehmen oder Geschäft wieder aufzubauen, um wieder ein geregeltes Leben zu führen.“ Die Flucht habe in der Suche nach Sicherheit für die Kinder ihren Ursprung. „Viele würden zurückgehen, wenn die Kriegsgefahr gebannt und ein friedliches Miteinander wieder möglich wäre.“

Man solle in der Veränderung nichts Angst einflößendes, sondern etwas Bereicherndes sehen, merkte Dr. Wolfgang Adam an und nannte als Beispiel seine drei syrischen Arzt-Kollegen, die bereits lange Jahre in der Auestadt erfolgreich und angesehen praktizieren. „In zehn Jahren sind wir wahrscheinlich stolz, die Flüchtlingskrise konstruktiv gemeistert zu haben“, äußerten andere Besucher. Dies könne ähnlich wie in Aleppo gelingen. Von dem damaligen Flüchtlingsstrom habe die Stadt auch wirtschaftlich profitiert.

Auch die Angst vor der Flüchtlingskrise als Kostenfalle versuchte der Islamexperte zu nehmen: „Unterbringung, Verpflegung, Integrations- und Sprachkurse werden den Staat 2016 und 2017 knapp 50 Milliarden Euro kosten“, nannte er Zahlen des Kölner Institutes der Deutschen Wirtschaft. Durch diese zusätzlichen Ausgaben würden jedoch Wirtschaftswachstum und Steuereinnahmen von voraussichtlich 40 Milliarden Euro generiert. Es sei mit einer Steigerung des Bruttoinlandsproduktes um ein Prozent auf 4,5 Prozent zu rechnen. „Die tatsächlichen Kosten betragen daher lediglich rund fünf Milliarden Euro pro Jahr.“ Die Integration der Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt kurble zudem die Wirtschaft an, eine verstärkte Kaufkraft lasse die Nachfrage nach Konsumgütern steigen und bedeute weiteren Aufschwung, argumentierte Knost.

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